Opern-Kritik: Sächsische Staatsoper Dresden – Elektra

Wer Ohren hat, der höre!

(Dresden, 19.1.2014) Die Semperoper Dresden startet mit einer furiosen Elektra ins Strauss-Jahr

© Matthias Creutziger

Evelyn Herlitzius (Elektra)

Diese Staatskapelle! Kaum ist Dresden dem Wagnertrubel entronnen, feiert sie den nächsten Jubilar, dem Christian Thielemanns Orchester wie auf den Leib geschneidert ist: 150 Jahre nach der Geburt von Richard Strauss und 105 Jahre nach der Uraufführung erlebt man an der sächsischen Elbe eine Elektra, die musikalisch so elektrisiert, dass sie das Publikum 20 lange Minuten vor Begeisterung von den Sitzen reißt. Denn die Kapelle wächst bei ihrem Strauss über sich selbst hinaus: Fast scheint es, als könnte man nur die Musik für sich sprechen, die Oper konzertant aufführen lassen, so plastisch arbeitet Thielemann die emotionalen Zustände als Klänge heraus.

Das ist auch bitter nötig, denn obschon Barbara Frey, Intendantin am Zürcher Schauspielhaus, wortreich gute, wenn auch mitunter eindimensionale Gedanken zu den wesentlichen Sprenglöchern des Stoffes im Programmheft diskutiert, etwa Bezüge herstellt zum Dritten Reich oder zum Massaker auf der Insel Utøya – auf der Bühne findet sich nur herzlich wenig davon wieder. Würden Mord und Gegenmord, die Perversionen von Hass und inzestuöser Vergötterung nicht ohnehin schon ziemlich abschließend durch Hofmannsthals Libretto und Strauss’ Musik thematisiert, allein von der Szenerie wären wichtige Konflikte nicht abzulesen. Schuld oder Rache, Instinkt oder Antrieb, Trauma oder Versteigung, Wahn oder Kompensation – Frey stellt keine Fragen. Immerhin gibt sie dadurch auch keine unpassenden Antworten; auf der praktisch nicht genutzten Bühne, die Muriel Gerstner mit einem merkwürdig unfertigen Justizpalast zugestellt hat, sind die Sänger bis auf ganz wenige Momente völlig auf ihre individuellen musikalischen und szenischen Ausdrucksmittel angewiesen.

Das muss indessen kaum stören, denn wer Ohren hat, der höre! Bei nahezu allen der bemerkenswerten Protagonisten ist fast jedes Wort zu verstehen. Evelyn Herlitzius in der Titelrolle zu erleben, ist allein die Reise nach Dresden wert. Mit unbändiger Kraft verbeißt sie sich im Schreckensbild einer gedemütigten, entwürdigten Frau, die ihre Wahnzustände nicht nur mit stimmlichem, sondern auch tänzerischem Ausdruck lebt. Sie zeigt keine bloße Verblendung, sondern vor allem solche Widersprüchlichkeiten wie Verletzlichkeit und Verrohung gleichermaßen. Dafür stellt die Herlitzius ihre interdisziplinär herausragenden Gestaltungsmittel in den Dienst einer erdrückenden, noch lange beschäftigenden Charakterstudie. Denn wo, so steht die Frage, wo bleibt in einer kriegsalltäglichen Tragödie das Menschliche? Kann bei all dem unerträglichen Ertragenen ein Wesen human bleiben? Birgt die Asche der verbrannten Seele doch einen Funken?

Dass Herlitzius’ Elektra in ruhigen Momenten zartere Gefühle zwanghaft verdrängen muss, spiegeln ihre Geschwister Chrysothemis und Orest wunderbar wider, von einer schier luxuriösen Besetzung aufregend belebt: Anne Schwanewilms und René Pape tragen mit bewundernswürdiger Ruhe ihre von trügerischer Funktionalität beschwerten Sehnsüchte zum Opferaltar familiärer Bestimmung. Verzweifelnd träumend die eine, erschrocken meuchelnd der andere – und beide vereint in ohnmächtiger Schwäche beim Zerstreuen aller Zweifel. Christian Thielemann gibt hier vom Graben aus gleichzeitig den Regisseur, weil er den Geschwisterpartien ganz eigene Klangbilder anverwandelt. Auch Waltraud Meier macht aus ihrem eher bieder kostümierten Klytämnestra-Drachen keine eindeutige Figur, sondern betont ganz überraschende Wehrlosigkeiten wie ihre durch Grausamkeit überpinselte Furcht.

In der Kombination mit einem solch glühenden Orchester entwickelt das ekstatisch sich verausgabende Ensemble in 100 berauschenden Minuten einen Sog, der alle Konzentration auf sich zieht, all das lächerliche Dresdner Residenzgehabe vergessen macht, die Zuhörer noch in der Straßenbahn auf dem Heimweg angeregt diskutieren lässt. Was könnte gutes Theater mehr?

Sächsische Staatsoper Dresden

Strauss: Elektra

 

Ausführende: Barbara Frey (Regie), Muriel Gerstner (Bühnenbild), Christian Thielemann (Leitung), Pablo Assante (Choreinstudierung), Tichina Vaughn, Evelyn Herlitzius, Brigitte Geller, Jürgen Müller, Markus Marquardt, Peter Lobert, Andrea Ihle, Ute Selbig, Simeon Esper, Matthias Henneberg, Sabine Brohm, Constance Heller, Angela Liebold, Christa Mayer, Roxana Incontrera, Nadja Mchantaf, Sächsische Staatskapelle Dresden

Weitere Termine der Sächsischen Staatsoper Dresden finden Sie hier.

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