Opern-Kritik: SEMPEROPER DRESDEN – MATHIS DER MALER

„Wildbewegte Zeitläufe mit all ihrem Elend“

(Dresden, 1.5.2016) Simone Young bringt Hindemiths Künstlerdrama zum Glühen und Blühen

© Jochen Quast

Annemarie Kremer (Ursula), John Daszak (Albrecht von Brandenburg)

Sträflich versäumt hat die Semperoper Dresden allzu lange dieses zentrale deutsche Musiktheater-Werk. Gewiss scheiterte in den fünfziger Jahren die Erstaufführung unter anderem an Hindemiths Ablehnung des DDR-Regimes, dessen Instrument weder er selbst noch Mathis der Maler werden sollten. Doch danach? Gut möglich, dass die 1938 in Zürich uraufgeführte Oper zu wenig klassenbewusste Euphorie für das sozialistische Deutschland enthielt, auch als mit Werner Tübkes Bauernkrieg-Panorama die Reformationsjahre wieder voll in den Fokus kamen. Bis zum Jahr 26 nach dem Mauerfall musste es noch dauern bis zur jetzigen Dresdner Erstaufführung. Die bei weitem nicht volle Premiere signalisierte Desinteresse der Elbestadt an Oper als einem Zeit- und Geschichtsmemorandum. Dabei erhalten Hindemiths Werk und die Inszenierung tagesaktuelle Bezüge, die in der Vorbereitungszeit noch nicht absehbar waren.

Aufführungsgeschichte betonte zu lang die asketische Klangkultur

Zugegeben: Die sieben Bilder dieser dreistündigen „Grand Opéra der Sachlichkeit“ können spröde und anstrengend sein. Trotzdem enthält Paul Hindemiths Panorama um die Kunstfigur Mathis, die er aus der Biografie des Malers Matthias Grünewald herausmeißelte, hochdramatische Szenen: Aktiver Aufbruch, Kämpfe, Resignation. Die Aufführungsgeschichte aber hat dem Werk eine romantikferne asketische Klangkultur implantiert. Das sollte Distanz schaffen zu den erotisch-experimentellen Opern von Hindemith selbst, zum Musikideal der Reichsmusikkammer der NSDAP und der Zwölftonmusik. Abstrahierende Visualisierungen rückten Hindemiths „wildbewegte Zeitläufe“ in die Ferne und scheuten sich vor Versinnlichung. Mathis der Maler rutschte ab zur Kunstübung mit Pflichtappeal.

Young entdeckt Hindemiths sinnliche Sogkraft

Das ist jetzt endlich wieder anders: Schon 2005 zeigte Simone Young an der Hamburgischen Staatsoper eine erlösende Alternative aus dieser Interpretationssackgasse, erstmals nach Rafael Kubelik mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vor 36 Jahren. Und auch jetzt bringt sie mit der Staatskapelle Dresden diesen kargen Partitur-Boden zum Blühen und Glühen. Das ist dynamisch, orientiert sich an stimmiger Diktion, hat Wärme. Zutiefst beeindruckend fächert Simone Young die Partitur mehrdimensional auf. Dissonanzen gewinnen im polyphonen Gewebe Sinn und Leuchtkraft. Vom „Engelskonzert“ im Vorspiel steigert sich der Sog zu den Zwiegesprächen von Mathis, der ihn liebenden Ursula und Kardinal Albrecht als leuchtenden Kuppeln. Die monströsen Massenszenen entfalten nach Einstudierung durch Jörn Hinnerk Andresen transparente Stimmgeflechte. Der Chor spielt engagiert mit in den theatralen Spiegelungen von Zeitgeschichte.

Relevant wie das „auslandsjournal“

Der Mob rast, die Elite glänzt: Jochen Biganzoli – das ist keinesfalls negativ gemeint – reiht in seiner Inszenierung Hotspots aneinander. Es gibt Einblicke mit Positionierungszündstoff zu Eigenengagement, Politik und Personality – fast wie in aspekte und auslandsjournal. Mit Zitaten und Repros der Kunstikonen Robert Longo, Roy Lichtenstein, Ernst Ludwig Kirchner und Claude Monet gleitet der Maler Mathis durch alle Perfidien des Zeitalters. Die berühmte Vision im sechsten Bild beginnt vor leerer Leinwand, der Isenheimer Altar wird zum Blockbuster der Reichen und Schönen. Da bringt Biganzoli die visionäre Verstiegenheit der Schöpfungs- und Trostsinfonie zum Implodieren. Der lyrisch-kräftige Sopran Emily Dorn legt den Grund, wenn Reginas großer Trauerausbruch um ihren toten Vater, den Bauernführer Schwalb, im hysterisch-verzweifelten Erstarren strandet. Die Traumata sind da längst passiert: Biganzoli spiegelt Paris, wenn der Mob des frühen 21. Jahrhunderts vor einem Claude Monet tobt. Nach nur vier Schusssalven ist es aus mit der schwarzen Masse, die gruppenweise zusammenstürzt. Einfache Mittel, große Wirkung.

Zurück zum 6. Dezember 1934

Wurde das absichtlich als Education-Programm zur Gegenwartskunde konzipiert? Die Trennung des Mathis von Ursula findet auf Konferenztischen statt. Das ist die einzige großflächige Ausstellung von Antriebsmomenten. Biganzoli lässt in Andreas Wilkens klaren Räumen und Heike Neugebauers heutigen Kostümen das Entsetzen über die Zeitläufe nicht ausagieren. Das persönlichkeitsstarke Sängerensemble bringt innere Bewegung in den Zuschauerraum durch lineare Präsenz. Das Geschehen macht betroffen, ganz ohne Betroffenheitsgesten. Fast bis zum Schluss: Das letzte Bild mit Tod und Abschied zielt konkret auf den 6. Dezember 1934, dem Tag der Sportpalastrede von Goebbels mit dem ruinösen Aufruf gegen moderne und freisinnige Kunstpraxis. Das bis dahin packende Bühnengeschehen über die Funktion von Kunst zwischen Emphase, Dokumentation und Agitation fällt da in sich zusammen. Das Axiom „Mathis = Hindemith“ ist zu simpel und ein jäher Absturz. Auch ein unnötiger, weil Simone Young so, wie sie den leeren Schlussakkord setzt, alles sagt über das Leid und die Leere.

Starke Sängerpersönlichkeiten

Drei Sterne gibt es in diesem bestechend treffsicher zusammengestellten Ensemble: „Primus inter pares“ ist ein weiteres Mal John Daszak, ein liberaler – nicht libertinärer – Kardinal mit Autorität, Loyalität und Menschlichkeit. Ein großartiger Charaktertenor, der es nicht nötig hat, Persönlichkeitsstärke und Vokalpower zu forcieren. Im Widerstreit der Mächte, in der Liebe zum Künstler und im Anspruch auf gelebte Verantwortung entwirft Annemarie Kremer mit dunklem Sopran und Identität eine starke Figur. Ihre Ursula – ein wärmender Strahl in die Katastrophen. Markus Marquardt schließlich ist schon optisch der Intellektuelle mit Bart und Brille. Die Sehnsucht nach sozialer Sinnhaftigkeit und Taten steht ihm auf der lichten Denkerstirn. Diesen Mangel seiner Existenz vermag er in jedem Takt zu artikulieren. Marquardt verleugnet sich, entschält den Charakterpart zu nachdenklicher Lyrik und agiert wie ein im Schlamm wühlender Evangelist. Marquardt legt den Überdruck seines Wollens in eine durch Zurückhaltung mächtige Präsenz. Sinnwirren stellt er mehr eloquent als emotional aus. Auch darin ist diese Opernproduktion „up to date“, weit hinaus über Hindemiths Selbstbefragung eines Künstlers.

Semperoper Dresden

Hindemith: Mathis der Maler

Simone Young (Leitung), Jochen Biganzoli (Regie), Andreas Wilkens (Bühne), Heike Neugebauer (Kostüme), Fabio Antoci (Licht), Jörn Hinnerk Andresen (Chöre), Silvia Zygouris (Choreografie), Markus Marquardt, John Daszak, Annemarie Kremer, Emily Dorn, Tom Martinsen, Herbert Lippert, Michael Eder, Matthias Henneberg, Christa Mayer, Sächsische Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *