Porträt Babylon Orchestra

Die Babylonische Sprachverwirrung überwinden

Hier versagt das fröhliche Schubladenziehen. Das Babylon Orchestra ist anders, als man im ersten Augenblick denkt.

© Andréas Lang

Babylon ORCHESTRA

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Sie machen es einem echt nicht leicht. Was ist denn nun das Babylon Orchestra? Die erste Assoziation führt in die völlig falsche Richtung. Nein, sie spielen nicht Tanzstücke und Moritaten aus der ähnlich lautenden TV-Serie, die mit düsteren Kriminalfällen mitten in die Wirren der Weimarer Republik führt. Aber auch der Fachmann hat seine liebe Not, wenn er versucht, den Stil des alternierend fünfzehn bis zwanzig Musikerinnen und Musiker zählenden Ensembles einzuordnen. 2020 wurde das Babylon Orchestra für sein gleichnamiges Album mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. In der Jury-Begründung heißt es: „Es ist ein zeitgemäßer, urbaner und dynamischer Crossover von Orient und Okzident mit atemraubenden Wechseln von Solo-Einlagen und bombastischem Orchestersound.“ Beim fröhlichen Schubladenziehen gab es jedoch anscheinend nur eine Möglichkeit: Das Album wurde unter „Weltmusik“ einsortiert.

Gegenseitiges Zuhören und Antworten

„Weltmusik, Fusion, Crossover: Das alles sind Begriffe, mit denen ich wenig anfangen kann“, sagt Mischa Tangian, Gründer und musikalischer Leiter des Ensembles. „Das wird irgendwann zu einem globalen Brei verrührt ohne individuelle Persönlichkeit. Gerade in den solistischen Passagen, wo frei gespielt wird, versuchen wir das zu überwinden.“ Von 2006 bis 2012 studierte Tangian Komposition bei Manfred Trojahn in Düsseldorf und schloss sein Diplom mit Auszeichnung ab. Das wiederum ermöglichte ihm ein Masterstudium bei George Benjamin am King’s College London. Seine erste Oper „in absentia“ wurde im April 2015 an der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Seit 2013 lebt und arbeitet er in Berlin.

© Babylon ORCHESTRA

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Zusammen mit Sofia Surgutschowa sah er Anfang 2016 die Notwendigkeit, künstlerisch nach einer ganz persönlichen Antwort auf eine sich verändernde Welt mit all ihren kulturellen und weltanschaulichen Verwerfungen zu suchen. Was die beiden fanden, waren ähnlich denkende, aber ganz unterschiedlich musizierende Mitstreiter aus Syrien, Iran, Irak, Israel, Russland, Italien, Frankreich, Kurdistan und Deutschland. Eine „interkulturelle Bigband“ habe sich so zusammengefunden. Die Namensfindung sei also gar nicht so schwer gewesen, fast naheliegend: Die Babylonische Sprachverwirrung diente als Ideengeber.

„Musik ist die Sprache, die alles überwindet und dazu beiträgt, dass man sich trotz Sprachbarrieren verstehen kann“, erklärt Tangian, der in Moskau geboren wurde. „2016 flüchteten viele Syrerinnen und Syrer aus ihrem Land. Das war der Anfang. Die neuen Ensemblemitglieder beherrschten traditionelle arabische Instrumente und Techniken, darauf fußte zu Anfang unser Repertoire. Man darf aber nicht vergessen, dass es zwischen den vielen arabischen Ländern große Unterschiede gibt. Auch für mich als klassisch ausgebildeten Komponisten war es Neuland – und ist es teilweise auch heute noch.“ Bereits bei den Stimmungen der verschiedenen Instrumente, die für europäische Ohren „gewöhnungsbedürftig“ seien, fängt es an. „Irak, Türkei, Libanon: Bei den mikrotonalen Tonleitern, die dort verwendet werden, gibt es feine Unterschiede.“ Gegenseitiges Zuhören und Antworten sei deshalb wichtig. Das Repertoire des Babylon Orchestra ist zu etwa sechzig Prozent komponiert, der Rest basiert auf Improvisation, wie man es vom Jazz kennt. Das Ensemble überrascht sich gerne gegenseitig. Und das macht seine Faszination aus.

© Andréas Lang

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Open Airs, Clubs, Konzerthäuser

Ihre Vielseitigkeit spiegelt sich auch der Wahl der Auftrittsorte wider. Im Juli spielten sie open air beim Asphalt Festival in Düsseldorf, im Oktober erstmals zusammen mit dem Rundfunksinfonieorchester Berlin im Haus des Rundfunks, nun im Kleinen Saal des Konzerthauses Berlin. Außer der großen Besetzung tritt das Ensemble auch gerne in kleineren Formationen als Babylon Orchestra Soloists auf. Die Größe variiert zwischen drei und acht Musikern. Danach gefragt, was er bei aller Offenheit seinem Ensemble nie zumuten würde, antwortet Tangian spontan: „Wir werden nie reine klassische Musik spielen. Und bitte: Vergessen Sie den Begriff ‚Flüchtlings-Orchester‘! Das ist nun wirklich voll daneben.“

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