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Porträt Robin Johannsen

„Hier kann ich ganz ich selbst sein“

Die US-amerikanische Sopranistin Robin Johannsen singt nun an der Staatsoper erneut die Titelpartie in Händels Frühwerk „Almira“

vonSören Ingwersen,

Gefühl oder Kalkül? Die frischgekrönte Königin Almira entscheidet sich fürs Erste, indem sie ihrem Diener Fernando den Hof macht – und liefert damit politischen Konfliktstoff, der locker eine dreistündige Oper füllt. Und wie sieht es bei der US-amerikanischen Sopranistin Robin Johannsen, die mit der Hauptpartie in Händels Frühwerk Almira erstmals in Hamburg auf der Opernbühne steht, im Privatleben aus: Kopf- oder Bauchmensch? „Ich selbst denke ständig über alles nach, analysiere die Rollen, die ich spiele, sehr genau und möchte immer wissen, warum die Figur macht, was sie macht, und was sie dabei denkt und fühlt.“

Ganz systematisch ging die in Philadelphia geborene Sopranistin auch vor, um nach ihrem Gesangsstudium an der Carnegie Mellon University und ihrem Masters Degree an der University of Cincinnati ein Engagement an einem Opernhaus zu erhalten: „Ich habe in der Nähe von New York gewohnt und dort jede Möglichkeit des Vorsingens genutzt. Dann habe ich mich für ein Stipendium an der Deutschen Oper Berlin beworben. Wegen der großen Entfernung sagte ich zu meiner Mutter: „Mom, mach dir keine Sorgen – ich habe da keine Chance.“ 

 

Die Schönheit der Barockmusik entdeckt

 

Doch prompt kam der Anruf mit der Zusage. Zehn Monate lang konnte Johannsen am Berliner Opernhaus mit kleinen, aber feinen Rollen ihr Repertoire erweitern, Stimme und Schauspiel schulen, Kontakte knüpfen – und wurde in der Spielzeit 2003/2004 nahtlos ins Ensemble übernommen. Während sie hier unter anderem als Susanna in Le nozze di Figaro, Norina in Don Pasquale und Constance in Dialogues des Carmélites zu erleben war, etablierte sie sich bei den Bayreuther Festspielen als junger Hirte in Tannhäuser und Waldvogel in Siegfried.

 

Doch lange hielt es die ehrgeizige Sängerin nicht in Berlin. In der Spielzeit 2005/2006 wechselte sie an die Oper Leipzig: „Ich bekam ein Angebot mit ausschließlich schönen Partien. Da habe ich gemerkt: Es ist Zeit, sich zu beweisen.“ Das tat Johannsen als Pamina in Die Zauberflöte, Blonde in Die Entführung aus dem Serail oder Marzelline in Fidelio. Aber auch der Messiah und Kantaten von Händel profitierten von Johannsens schlankem, beweglichem, samtig leuchtendem Sopran. „Danach wurde mir immer wieder gesagt, ich solle mehr Barockmusik singen, und ich erhielt entsprechende Einladungen. Durch Alessandro De Marchi habe ich dann entdeckt, wie wunderbar diese Musik ist und dass meine Stimme sich dafür besonders eignet. Hier kann ich ganz ich selbst sein.“

 

Alte-Musik-Spezialist De Marchi, der auch bei der Hamburger Almira im Orchestergraben steht, lernte Johannsen 2008 bei der Produktion von Händels Theseus an der Komischen Oper Berlin kennen und war von der jungen Sängerin so angetan, dass er sie sogleich einlud, als Solistin mit seinem Barockorchester Academia Montis Regalis Scarlattis Oratorium Davidis pugna et victoria aufzunehmen. Das Album mit Arien und Kantaten des Barockkomponisten Antonio Caldara ist Robin Johannsens erstes Solo-Album und hat das Potential, Dauergast im heimischen CD-Spieler zu werden. Allein: Wie kam es zu solch einer exotischen Repertoire-Auswahl?

„Alessandro De Marchi kennt einen Musiker aus Frankreich, der uns einen Caldara-Experten aus Neuseeland vorgestellt hat. Der hat die Noten in verschiedenen Bibliotheken ausgegraben. Die Musik ist mir sofort ins Herz gegangen – und niemand hat sie in unseren Tagen bisher gehört!“

 

Solch künstlerische Entscheidungsfreiheit gilt der Wahl-Berlinerin als ein hohes Gut, und so hat sich Robin Johannsen denn seit 2008 an kein Opernhaus mehr gebunden. Ihr Terminplan ist auch so gut gefüllt: Im Februar 2015 wird die charismatische Sängerin ihr Rollendebüt als Adina in Donizettis L’elisir d’amore an der Staatsoper Hamburg geben. Auch dies eine Figur zwischen Gefühl und Kalkül.

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