Porträt Sjaella

Sieben Freundinnen auf der Bühne

Wie eine Kinderfreundschaft zu einem professionellen Gesangsensemble führte: Die Leipziger „Sjaella“-Damen trotzen dem kulturellen Lockdown.

© Antje Kröger

Sjaella

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Die baugleichen Schlappen sind es, die wirklich verwirren. Hafermilch, große Wasserflaschen, halbleere Teetassen, ein Teller mit Melonenstückchen – all das ist wohl in jedem dritten Probenraum zu Hause. Aber farblich aufeinander abgestimmte Hausschuhe? Die haben schon ihren Grund. Denn im Probenkeller bei den sieben Damen des professionellen Ensembles „Sjaella“ im nördlichen Leipziger Zentrum ist es angenehm kühl. Zahlreiche Notenständer stehen mit diversen Tasteninstrumenten um die Wette, das Büro der GbR zieren Steuerordner, Kaffeemaschine, ein großer Tisch. Drumherum sitzen sie, die sieben freundlichen Seelen. Fünfzehn Jahre schon singen sie zusammen, aber wenn man sie fragt, was sie eigentlich verbindet, changieren die Antworten zwischen „Freundinnen“ und „Schwestern“. Auf jeden Fall ist viel Sympathie im Spiel, vielleicht sogar geschwisterliche Liebe, wenn man die „Sjaellanten“ miteinander erlebt: sprechend wie zuhörend, über dieselben Dinge lachend, aufmerksam aufblickend beim kleinsten Unterton, vorsichtig sensibel, mit unbedingter Empathie. Die jugendliche Leichtigkeit blieb dabei immer erhalten.

Diese nahezu spirituelle Verbindung ist es wohl auch, die neben dem jahrelang entwickelten Repertoirereichtum und dem bunten, aber keinesfalls beliebigen Stilmix den besonderen Erfolg beim Publikum garantiert: Musik und Emotion gehören eben nicht nur zusammen, sondern bedingen sich gegenseitig. „Wir können uns absolut aufeinander verlassen“, sagen alle Sjaellanten übereinstimmend, „privat und musikalisch“. Und das merkt man intuitiv.

Seit frühen Kindheitstagen zusammen

© Antje Kröger

Sjaella

Sjaella

Dass das Septett, das mit einer alternierenden Position immer zu sechst auftritt, so lange zusammengehalten hat, liegt schon in frühen Kindheitstagen begründet. Gemeinsam in einem südlichen Vorort von Leipzig in musikalisch gebildeten oder vorgeprägten Familien großgeworden, kennen sich die heute zwischen 25 und 30 Jahre alten Damen teilweise schon aus der Krippe, mindestens aber seit gemeinsamen Kinderchor- oder Geigenunterrichtszeiten. Weil sie als junge Teenager in der Freizeit zusammen weitersingen wollten, taten sie sich als „Chickpeas“ zusammen und folgten zunächst in den Leipziger Fußgängerzonen ihrem künstlerischen Impuls aus reiner Lust an der Freude ohne professionelle Hintergedanken.

Dass es dann doch anders wurde, hatte mit dem unerwarteten Erfolg beim Leipziger A-cappella-Festival zu tun, wo die Freizeitteenies 2009 selbst von ihrem 3. Platz überrascht wurden und sich dann erst entschlossen, für immer und beruflich zusammenzubleiben. Die Ambitionen und Ansprüche an das eigene Tun wuchsen dabei immer gleichmäßig mit. Das änderte sich auch nicht, als den einzelnen Sängerinnen „erlaubt“ war, Berufe außerhalb der Musik zu ergreifen, aber es sollte nicht so weit weg sein, dass das Ensemble leiden würde. Die Umbenennung – frei von den für Vokalensembles sonst so stereotypen Wortbausteinen – folgte 2010 aus patentrechtlichen Gründen und war beeinflusst vom damaligen Programmschwerpunkt der skandinavischen Musik. „Själ“ heißt auf Schwedisch „Seele“, die italienische Endung machte die Bezeichnung der Girlband zum frei interpretierbaren Kunstwort.

Mit der Professionalisierung, die der freundschaftlichen Verbundenheit nie abträglich war, kamen nach und nach die Einladungen zu größeren Festivals, Wettbewerben und CD-Produktionen. Das künstlerische Standing in einem nach wie vor schmalen Markt reiner Frauenensembles hilft nun auch über die Durststrecke der Coronazeit hinweg, denn es klopfte nicht nur der Streamingdienst von arte für ein Onlinekonzert an, sondern die Damen bereiten sich nun auch auf ihr neuestes CD-Projekt vor, für das Sjaella wie von Anfang an viel auf den Leib geschneiderte Neukompositionen in Auftrag gibt. Weil es keine musikalische Leiterin der Gruppe gibt, die ihren ambitionierten Fußabdruck setzen würde, bringt jede der sieben Damen das ein, was sie am besten kann. So gibt es studienbedingt Fachfrauen für Aussprache, Alte Musik, Tanz oder Kunstgeschichte. Die Abstimmung dauert damit wohl etwas länger, aber das Ergebnis überzeugt. Und spätestens bei der Farbe der Hausschuhe sind sich die sieben Damen dann wieder einig.

Hören Sie Sjaella mit Henry Purcells „Music for a While“:

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