Porträt Till Fellner

„Emotion und Intellekt sind kein Widerspruch“

Personenkult ist ihm fremd – und doch ist Till Fellner auf den besten Wege in den Pianistenolymp

Er hat schon mit den Wiener Philharmonikern und dem Concertgebouw Amsterdam gespielt, mit dem Boston und dem Chicago Symphony Orchestra. Im Dezember will Till Fellner nun Berlin erobern, macht sich mit den Berliner Philharmonikern an Mozarts Klavierkonzert KV 503. „Das ist einer der Höhepunkte meiner bisherigen musikalischen Laufbahn, der mir schon sehr viel bedeutet“, schaut der 43-jährige Pianist dem Auftritt fast ein wenig ehrfürchtig entgegen. Dabei kann der Österreicher bereits auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken: Angefangen von seinem ersten Preis 1993 beim Concours Clara Haskil ist Fellner seither ebenso als Solist mit Orchestern unterwegs wie als Kammermusiker und in Soloprogrammen, pflegt ein Repertoire, das von Bach über die Klassiker bis zu Harrison Birtwistle führt. Besondere Aufmerksamkeit indes zog der Pianist mit seinem siebenteiligen Konzertzyklus aller 32 Klaviersonaten Beethovens auf sich, für den er sich zwischen 2008 und 2010 gleich zweimal auf Welttournee begab.

Eine wahre Herkules-Anstrengung – nach der Fellner 2012 erst einmal ein Sabbatical einlegte. War er ausgebrannt? „Nein, aber ich wollte einige Dinge machen, die im normalen Konzertalltag keinen Platz finden.“ So nahm er etwa Kompositionsunterricht bei Alexander Stankovski, einem Schüler Hans Zenders: „Mir ging es darum, besser zu verstehen, wie die Stücke gemacht sind, die ich immer spiele.“ Ins Rampenlicht zieht es Fellner indes als Komponist nicht: Kadenzen wie jene, die er zu Mozarts c-Moll-Konzert geschrieben hat, sollen die Ausnahme bleiben. 

 

Stattdessen hat der Musiker während der Auszeit lieber seiner Leidenschaft für die Leinwand und Luis Buñuel gefrönt, hat alle 32 Filme des Regisseurs studiert und die Funktion der Musik in den Arbeiten des Spaniers journalistisch aufbereitet. Ein Hang zur Vollständigkeit, der auch seine Annäherung an Literatur charakterisiert: Derzeit liest er alle fünf Romane Jean Pauls. „Wenn man Schumann spielt, muss man natürlich unbedingt die Flegeljahre gelesen haben“, sagt er, „doch auch die anderen Romane sind interessant.“ Dass Paul als sehr gelehrter Autor eher schwer zu lesen ist, schreckt ihn dabei nicht ab, studiert er doch neben seiner pianistischen Tätigkeit ohnehin „noch ein bisschen Germanistik“. 

 

Daheim hat der Filmfan sein eigenes Heimkino

 

Ein Mann des Geistes eben – und so verzichtet er als Interpret denn auch auf jegliche Showelemente und strebt danach, allein mit seiner konzentrierten Haltung die Ohren des Publikums für sein prozess­orientiertes Spiel zu öffnen. Kein Wunder, dass da Kritiken immer wieder das Durchdachte und Strukturierte seiner Interpretationen betonen, zugleich ihm aber auch Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit des künstlerischen Zugangs attestiert werden. „Ich würde mich freuen, wenn es so ist“, meint er bescheiden. „Emotion und Intellekt sind für mich kein Widerspruch.“ Es ist eben diese eher introvertierte, sachbezogene Persönlichkeit, die ihn in seiner Pianistengeneration mit Kollegen wie Leif Ove Andsnes, Hélène Grimaud, Fazil Say oder Lars Vogt auffallen lässt. 

 

Erholung von seinen Konzertreisen und seiner Lehrtätigkeit an der Zürcher Hochschule der Künste sucht Fellner am liebsten daheim in Wien, wo er mit seiner japanischen Lebenspartnerin wohnt. Dass sich solch ein vielseitig gebildeter Mensch neben Musik, Literatur und Film – zuhause in seinen vier Wänden ist sogar ein eigenes Heimkino installiert – auch für  Politik interessiert, liegt nah. Und so verfolgt der Österreicher denn auch mit Sorge das Vorrücken der Freiheitlichen Partei bei der jüngsten Landtagswahl in der Hauptstadt: „Ich verstehe ja nicht viel von diesen Dingen. Aber als hier lebender Künstler hoffe ich, dass sich Wien weiter in Richtung einer modernen, weltoffenen Stadt entwickeln wird.“

CD-Tipp

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