Reportage: Die technische Seite des Livestreams

Wie gut funktionieren Klassik-Streams?

Autor Jakob Buhre hat sich zwei neue Plattformen genauer angesehen.

© Jakob Buhre

Die Tonmeister René Möller und Cornelius Dürst am großen Mischpult

Die Tonmeister René Möller und Cornelius Dürst am großen Mischpult

Der Applaus für das „Duello amoroso“ kommt bereits, als die Musiker noch mitten in der Darbietung sind, in Textform wohlgemerkt: „Aplausos desde Mexico“, „Genial“, „wunderbar“ und viele Smileys mit Herzchen erscheinen im Chatfenster neben dem Videobild, wo Mónica Waisman und Florian Deuter gerade eine Sonate von Jean-Marie Leclair aufführen. Die beiden Violinisten sind zu Gast bei „20-20.live“, einem Livestream-Projekt, das schon wenige Tage nach den ersten Konzertabsagen von Köln aus seinen Sende-Betrieb aufnahm. Jeden Donnerstag um 20.20 Uhr spielen Musiker aus der Rheinmetropole live vor einem roten Vorhang im „Hinterhofsalon“ und sprechen im Interview über ihre Arbeit.

Initiiert hat die neue Plattform der Filmemacher Gerhard von Richthofen, der in der Vergangenheit neben Dokumentarfilmen auch Konzertübertragungen produziert hat. Zusammen mit einem Assistenten ist er vor Ort, fünf Kameras hat er auf Stativen im Raum verteilt, die er mit einem Tablet steuert. Dazu kommen zwei Mikrofone für die direkte Musikabnahme, zwei für die Saalatmosphäre, ein Handmikrofon für die anschließenden Musiker-Interviews und ein Mischpult, um die verschiedenen Kanäle abzumischen.

„Dieses Equipment hat sicher nicht jeder klassische Musiker zuhause“ sagt von Richthofen, doch auch beim privaten Wohnzimmer-Stream sei es zumindest wichtig, an das Handy oder den Laptop ein externes Mikrofon anzuschließen. „Der Schall muss da aufgenommen werden, wo die Schallquelle ist.“

Um vom Studio aus ins Netz zu senden nutzt von Richthofen Facebook und Youtube. Das Streamen ist bei den sozialen Netzwerken kostenlos, auch entfallen GEMA-Gebühren, da die Plattformen mit der Verwertungsgesellschaft Pauschalverträge abgeschlossen haben. Die Funktionsweise von Facebook und Youtube erleichtert es außerdem, Zuschauer zu finden. Nutzer, die einen Kanal abonniert haben oder einer Person in ihrem Netzwerk folgen, können ohne viel Aufwand auf einen neuen Livestream aufmerksam gemacht werden.

© Jakob Buhre

Für die Aufnahmen gibt es fünf Kameras, die über ein Tablet gesteuert werden

Für die Aufnahmen gibt es fünf Kameras, die über ein Tablet gesteuert werden

Allerdings gibt es bei Facebook und Youtube auch eine Schwachstelle, die Richthofen selbst mehrfach zu spüren bekam. „Es passiert, dass die Plattformen Streams einfach abbrechen. Möglicherweise weil ein Algorithmus einen vermeintlichen Copyright-Verstoß entdeckt. Tatsächlich klagen in vielen Internet-Foren klassische Musiker über dieses Problem: Man spielt zum Beispiel eine Beethoven-Sonate live für sein Netz-Publikum – und plötzlich wird der Stream abgebrochen oder stummgeschaltet, der Musiker erhält die Nachricht über eine Urheberrechtsverletzung.

Dahinter steckt eine Technik, die eigentlich für etwas anderes gedacht war: Nämlich um zu verhindern, dass Plattform-Nutzer einfach CD-Aufnahmen ins Netz hochladen und somit kostenlos verfügbar machen. Doch reagieren die Sensoren der Copyright-Algorithmen nun offenbar auch auf Live-Darbietungen, verwechseln neue Interpretationen mit einer bereits existenten Einspielung, wodurch automatisch der Stream unterbrochen wird.

Dies passierte auch, als das Geigen-Duo bei 20-20.live gerade Barockmusik aufführte. „Man bekommt von Youtube eine Mitteilung, gegen die man innerhalb von 30 Tagen Widerspruch einlegen kann. Doch der Schaden entsteht in dem Moment, wo mein Livestream abgebrochen wird und ich einen neuen starten muss.“ concerti hat versucht, für solche Stream-Unterbrechungen eine Erklärung vom Youtube-Betreiber Google zu bekommen, eine Antwort des Konzerns steht allerdings noch aus.

Gerhard von Richthofen beobachtet derweil, dass der erste große Hype um Klassik-Streams aus der Quarantäne inzwischen abgeflaut sei. „Viele Musiker haben gemerkt, dass ein guter Livestream viel Aufwand bedeutet, zum Beispiel bei der Mikrofonierung oder der Werbung – damit am Ende auch jemand zuhört.“

Livestream aus dem Teldex-Studio Berlin

Keineswegs gescheut wird der hohe Aufwand dagegen beim Projekt „Stage at Home“, angesiedelt im legendären Teldex-Studio in Berlin-Lichterfelde, wo seit Jahrzehnten Klassik-Einspielungen entstehen. An einem Sonntagabend Anfang Mai ist das Fauré Quartett im großen Aufnahmesaal zu Gast, umringt von mehreren Kameras, Scheinwerfern und Stativen, auf die so unbezahlbare Mikrofone wie das „Neumann M50“ aus den fünfziger Jahren montiert sind.

© Tim Klöcker

Fauré Quartett

Fauré Quartett

Hinter einer großen Glasscheibe sitzen die Tonmeister René Möller und Cornelius Dürst am großen Mischpult und steuern bei der Tonprobe genau aus. Von hier wandert das Audiosignal in einen Nachbarraum, in dem die Produktionsfirma Oval Media eine Video-Regie eingerichtet hat. Ein letztes Mal kontrolliert Regisseur Filippo Ricordi die Kameraeinstellungen, bevor er den Livestream startet. Gesendet wird nicht kostenlos via Youtube oder Facebook. Stattdessen benötigen Zuhörer eine digitale Eintrittskarte, die man vor oder während des Streams für 7,50 Euro online kaufen kann.

„Für heute haben wir etwa 200 Tickets verkauft, in ganz unterschiedlichen Ländern“ sagt Ricordi, während er seine Fauré-Partitur aufschlägt, um die Video-Aufnahmen genau dirigieren zu können. Punkt 20 Uhr nehmen schließlich die Musiker ihren Platz ein und das Web-Konzert beginnt. Was die zahlenden Zuschauer jetzt zum Preis eines Stehplatzes bekommen, ist nah an der Perfektion: Ein hochkarätiges Kammerensemble musiziert Werke seines Namensgebers live und in CD-Qualität, eingefangen von fünf Kameras, umrahmt durch die ausführliche Moderation von Cellist Konstantin Heidrich. Video-Regisseur Ricordi allerdings ist an diesem Sonntagabend nicht gänzlich zufrieden: Noch nicht jeder Perspektiv-Wechsel sitzt, außerdem gehen am Ende Nachrichten mehrerer Zuhörer ein, bei denen Bild und Musik nicht synchron ankamen.

Es ist erst das dritte Konzert auf der Plattform „Stage at Home“, gleichzeitig ein weiterer beachtenswerter Testballon, der zeigt, in welche Richtung sich bezahltes Klassik-Streaming in den nächsten Monaten entwickeln könnte.

Und wie ist es für die Musiker ohne Publikum? „Eine Spannung war auf jeden Fall da“, sagt Cellist Konstantin Heidrich nach Ende des Livestreams. „Natürlich ist es keine Alternative für ein Konzert. Es ist aber ein gutes Mittel, um uns Musiker bei Laune zu halten.“

concerti-Tipps:

20-20.live
Stage at Home

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