1700 Jahre jüdische Musik in Deutschland | Klezmer-Musik

Schmelztiegel der musikalischen Stile

Das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ rückt auch die Klezmer-Musik in den Fokus. Deren Geschichte ist vor allem von einem geprägt: kulturellem Austausch.

© Katharina Dose

Wenn im 21. Jahrhundert von Klezmer die Rede ist, kann damit vieles gemeint sein: rauschende Tanzmusik auf einer Bar-Mizwa, virtuose Kammermusik, Aufeinandertreffen von jüdischen Volksliedern und Jazz – eine Vielfalt, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat.

Die Wurzeln des Klezmers reichen zurück bis zur Musik des Volkes Israel zur Zeit des Alten Testaments, als Instrumentalmusik unter anderem dazu diente, Priester in eine Art Trancezustand zu versetzen sowie zum liturgischen Gesang in den Synagogen. Es waren vor allem die aschkenasischen Juden, die auf dieser Basis eine Volksmusiktradition begründeten und diese über viele Jahrhunderte in ihren Gemeinden in Mittel-, Nord- und Osteuropa verbreiteten. Der Name rührt einerseits her vom althebräischen Wort für ein Instrument namens „kle“ und „zemer“, was für Stimme und Gesang steht. Bezog sich diese Kombination zunächst auf die Musik, wurden ab dem 16. Jahrhundert auch die Musiker selbst so bezeichnet.

Die „Klezmorim“ waren häufig fahrende Artisten, die zu feierlichen Anlässen wie Hochzeiten oder auch bei Festen des Adels musizierten. Wobei sich die in der Regel ohne Noten spielenden Musiker durch das besondere Talent auszeichneten, andere Stile und Formen in die eigene Musiksprache aufzunehmen. War das Publikum eine nichtjüdische Gesellschaft, ließen sie zwischen Tänzen wie Freilach oder Kolomeike auch Walzer oder Melodien aus der Operette einfließen. Sie interpretierten mit Roma-Musikern deren Volksweisen, ließen sich im 20. Jahrhundert hörbar von Salonmusik, Ragtime, Tango und Klassik-Motiven inspirieren. Ebenso beeinflusste die aufgrund von Migration häufig wechselnde Umgebung die Stilentwicklung: Wurden in Polen Mazurkas und Polkas in das Klezmer-Idiom aufgenommen, waren es in der Ukraine zum Beispiel die Kasatschoks.

Auch das Instrumentarium veränderte sich Laufe der Zeit: Frühe Klezmer-Ensembles waren von Streichern dominiert – schlicht, weil es Juden in vielen Gebieten verboten war, laute Musik zu spielen. Später kamen Flöte und Tsimbl hinzu, Ende des 19. Jahrhunderts die Klarinette, Trompete und Trommeln, in den 1940er Jahren das Akkordeon.

Was davon unabhängig aber stets erhalten blieb, war die ursprüngliche Prägung durch die Vokal-Modulationen der Synagoge, durch Tora-Gesänge und heitere Lieder der Sabbatfeiern, das Changieren zwischen klagendem und freudigem Ausdruck. Ebenso die typische Art der Phrasierung, schwankende Tempi und die Ausschmückung der Melodie wurden zu feststehenden Merkmalen.

Eng verwoben mit dem Schicksal der Juden: Klezmer-Musik

Egal in welchem Jahrhundert man sich mit der Klezmer-Historie befasst, sie ist immer auch eng verwoben mit dem Schicksal der Juden: mit Ausgrenzung, Diskriminierung, etwa im 17. Jahrhundert einem Auftrittsverbot bei nichtjüdischen Feierlichkeiten, mit Vertreibung und Ermordung. In Osteuropa wurde Klezmer-Musik durch Pogrome und den Holocaust nahezu ausgerottet.

Es braucht nicht viel, um in einer heutigen Klezmer-Darbietung, in den schluchzenden Lauten wie „Knejtsch“, „Kwetschn“ oder „Krekhtsn“ die Trauer und Wehmut über das unendliche Leid zu hören und zu spüren. Doch genauso gehört zum Klezmer die Spielfreude, der Witz und das Lachen, welches zum Beispiel in der „Tshok“ genannten Artikulation der Klarinette zum Ausdruck kommt.

Zum Glück ist die widerborstige Stimme des Klezmers nie ganz verstummt, so dass in den 1970er Jahren eine wahre Renaissance stattfinden konnte. Insbesondere in den USA bildeten sich zahlreiche Ensembles, in Deutschland trug vor allem Giora Feidman die Musik in Theater und Konzerthäuser, ebenso nach der Jahrtausendwende David Orlowsky mit seinem „Klezmorim“ genannten Trio. Eine regelrechte Blütezeit sorgt bis heute für eine große Bandbreite von Klezmer-Spielweisen, von der traditionellen Hochzeitskapelle über Klezmer-Jazz-Bands hin zu sinfonischen Werken wie dem sehr hörenswerten „Klezmer Concerto“ (2006) des israelischen Komponisten Ofer Ben-Amots.

In vielen Metropolen erklingen Klezmer-Klänge heute von den Bühnen kleiner Klubs, bereichern das Kultur- und Nachtleben, auch in jener Stadt, von der einst so viel Leid für die jüdische Bevölkerung ausging.

„Sounding Jewish in Berlin“ ist der Titel einer in diesem Jahr erschienenen Arbeit über die Klezmer-Szene der Hauptstadt (Oxford University Press, 331 Seiten, 2021). Darin beschreibt der Musikethnologe, Pianist und Akkordeonist Phil Alexander mit viel Details und großer Leidenschaft, wie durch Klezmer Musiker aus verschiedensten Ländern, Religionen und Genres zusammenfinden. Was sie eint, ist der Gedanke des Miteinanders, auch der Flexibilität. Anders als zum Beispiel in der klassischen Musik ging und geht es den Klezmorim nie um Purismus oder technische Vollkommenheit, sondern im Zentrum steht die Kommunikation, die Neugier gegenüber anderen Stilen und Kulturen.

Die jüdischeHistorie, sie klingt im Klezmer-Idiom stets mit, doch genauso steht der musikalische Austausch im Zentrum, das freudige Miteinander und damit der optimistische Blick in eine Zukunft, in der sich die Gräueltaten der Vergangenheit hoffentlich nie wiederholen.

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