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Reportage: Klangmanufaktur

Instrumente, die unsichtbar werden

Aus Alt mach Neu – seit mehr als zehn Jahren lässt die Klangmanufaktur in Hamburg die Seelen gebrauchter Steinway-Flügel aufblühen.

vonSören Ingwersen,

Eine Hochburg pianistischer Klangkultur ist nicht unbedingt das, was man am Rande eines Hamburger Industriegebiets erwartet. Im zweiten Obergeschoss eines ehemaligen Lagerhauses am Mittelkanal in Hammerbrook befindet sich die Klangmanufaktur. Hier werden Konzertflügel der Marke Steinway & Sons generalüberholt. Und das auf einem Qualitätsniveau, dem nicht nur Pianisten, Orchester, Veranstalter und Aufnahmestudios, sondern auch Branchenkollegen weltweit Anerkennung zollen. Eine der vielen Besonderheiten des Betriebs besteht darin, dass man seine im Instrumentenbau erworbenen Kompetenzen in Klangseminaren mit Klavierbauern, Konzerttechnikern und neuerdings auch Musikern teilt.

In Klangseminaren gibt man sein Wissen gerne weiter

„Normalerweise schützt man sein Wissen“, sagt Geschäftsführer Oliver Greinus. „Für uns ist das aber alles Open Source, wie man in der IT-Branche sagen würde. Wir legen unseren Quellcode offen, und die Leute docken mit ihren Interessen und Fähigkeiten daran an.“ Die Nachfrage nach den Seminaren zu den Themen Mechanik, Akustik, Intonation und Stimmung ist so groß, dass man sich in diesem Jahr entschlossen hat, erstmals eine ganze Woche mit Workshops, Führungen und Diskussionen anzubieten. „Man hat uns mit Anmeldungen geradezu überrannt. Rund 30 teilnehmende Techniker und 10 Pianisten sind für mindestens drei, die meisten für sechs oder sieben Tage angereist“, freut sich Greinus und präsentiert stolz die Namenslisten im Flur. Die Herkunftsländer reichen von Spanien und Italien über die Niederlande, Polen und Lettland bis nach Australien. Während der Kaffeeautomat die Milch für den Cappuccino aufschäumt, betont der Klavierbauer und Diplom-Holzwirt die lockere Atmosphäre, in der man hier auf Augenhöhe voneinander lernt: „Die Leute sind sehr eigenständig, suchen sich ihre Themenschwerpunkte heraus und schauen, wo sie mitmachen möchten. Es gibt eine sehr individuelle Dynamik.“

Lernen macht hungrig: Seminarteilnehmer tauschen sich beim Essen aus
Lernen macht hungrig: Seminarteilnehmer tauschen sich beim Essen aus

Der individuelle Charakter des Flügels steht im Vordergrund

Die spürt man sofort, wenn man sich vom Aufenthaltsraum, in dem ein riesiger, aus Klavierteilen zusammengebastelter Fisch als Wandschmuck dient, an diskutierenden Gruppen vorbei bis zur Werkstatt vorarbeitet, wo eine Traube von Teilnehmern am offenen Korpus eines Instruments in die Feinheiten der Intonation eingeweiht wird. Feinheiten, die in der Klangmanufaktur niemals nur der Norm entsprechen, sondern auf den jeweiligen Flügel zugeschnitten sind. Der hohe Standard und das Wertversprechen des Produzenten Steinway bilden sozusagen den edlen Sockel, auf dem die Manufaktur ihre sehr individuellen „Klangskulpturen“ errichtet. „Die Instrumente, die wir restaurieren, sind bis zu 120 Jahre alt“, erzählt Greinus, und hätten in vielen Jahrzehnten ihren ganz eigenen Charakter ausgebildet. Dieser gebe zugleich Auskunft über die Zielrichtung einer möglichen Optimierung, an deren Ende ein neuwertiger Konzertflügel mit einer überzeugenden Persönlichkeit stehe.

Im Nebenraum finden wir die Flügeltasten wieder
Im Nebenraum finden wir die Flügeltasten wieder

Unermüdliche Arbeit an der Verbesserung des Klangs

Wie man das Maximum aus einem Steinway herausholt – wer sollte das besser wissen als Oliver Greinus, der Konstruktionsleiter bei Steinway & Sons war, bevor er 2015 mit seinen Kollegen Pierre Hellermann, Jan Kittel und Kay Bürger die Klangmanufaktur gegründet hat? Heute zählt die Firma rund 20 Angestellte, die – jeder auf seinem Spezialgebiet – unermüdlich an der Verbesserung des Klangs arbeiten. Die Maßnahmen reichen von der Restaurierung des originalen Resonanzbodens über eine Neubesaitung und den Einbau eines neuen Spielwerks bis hin zur Beschichtung mit einer geölten, matten Oberfläche, die gegenüber dem üblichen Polyesterlack die Schallenergie viel weniger dämpft und absorbiert.

Was aber macht einen guten Klang eigentlich aus? Diese Frage erörtert Greinus in einem Vortrag. Er spricht von energetischer Dichte, die in den meisten Konzerten leider vom ersten Ton an abnähme. Er spricht von störenden, undefinierbaren Geräuschen im Alltag, die uns überfordern und auf die wir instinktiv mit Angst reagieren, während das Fräsen und Hämmern aus der angrenzenden Werkstatt ihren Teil zum Thema beitragen. „Unser erstes Bestreben ist nicht, Beethoven zu hören, sondern zu überleben“, spitzt Greinus seine These zu und gelangt zu dem Schluss: „Wir wollen Instrumente bauen, die verschwinden, unsichtbar werden, indem sie mit ihrem klar definierten, natürlichen Klang, ihrer offenen Farbpalette und ihrer großen dynamischen Bandbreite dem Unterbewusstsein signalisieren: keine Gefahr!“ Erst dann sei die Tür zum Musizieren weit geöffnet, werde das Instrument zur „Trägerwelle“, die die Intention der Musik optimal übermitteln könne.

Unerlässlicher Helfer bei gewichtiger Arbeit: der Werkstattkran
Unerlässlicher Helfer bei gewichtiger Arbeit: der Werkstattkran

Spätestens jetzt begreift man: Hinter dem ausgefuchsten Handwerk der Klangmanufaktur steckt eine Philosophie – getragen von der Überzeugung, dass die Instrumente die Seelen ihrer Restaurateure widerspiegeln, wie Greinus sagt. Ein durch Authentizität geprägtes Betriebsklima ist also gewissermaßen in die DNA der Firma eingeschrieben, in deren Werkstatt fast ebenso viele Frauen wie Männer arbeiten.

Übungsräume und Angebote für Investoren eröffnen Künstlern Entwicklungsmöglichkeiten 

Auf unserem Rundgang passieren wir einen gemütlich eingerichteten Pausenraum, in dem zwei junge Männer Schach spielen. Vermutlich Pianisten, die zum Üben oder Unterrichten die Flügelstudios nutzen, die man rund um die Uhr stundenweise anmieten kann – nachts zum günstigen Mondscheintarif. Auch ein anderes pfiffiges Konzept hat man sich überlegt, um Künstlern durch das Spiel auf erstklassigen Instrumenten angemessene Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen: Investoren können einen generalüberholten Steinway-Flügel kaufen, der durch die Klangmanufaktur vermietet wird, wobei die Mieteinnahmen zu hundert Prozent dem Wertanleger gutgeschrieben werden. Nach zehnjähriger Laufzeit gibt es eine Rückkaufgarantie über mindestens 85 Prozent des Kaufpreises. Kulturförderungsmaßnahmen treffen auf Unternehmergeist – und viele Informationen auf einen knurrenden Magen.

Ort für Proben, Unterricht oder einfache Aufnahmen: das große Flügelstudio
Ort für Proben, Unterricht oder einfache Aufnahmen: das große Flügelstudio

Im Aufenthaltsraum mit dem Fisch und der Glaswand, hinter der jeden ersten Donnerstag im Monat die Werkstattkonzertreihe „Kohärenzen“ stattfindet, wartet schon die vegetarische Lasagne. Am Tisch sitzt auch Alice. Sie ist aus Südwestfrankreich angereist, weil sie in ihrer Heimatwerkstatt die Mechanik eines Steinway-D-Flügels – der größte seiner Zunft – aufarbeiten und sich bei den Klangseminaren einige Anregungen holen möchte. Derer wird sie wohl mehr als genug mit nach Hause nehmen. So strahlt der Geist der Klangmanufaktur, die wie vielleicht keine andere Klavierwerkstatt die akustischen Vorzüge gereifter Instrumente zu erschließen vermag, über ganz Europa. Greinus selbst formuliert es etwas bescheidener: „Man darf sich am Ende nicht zu wichtig nehmen. Wir sind Dienstleister.“ Nun denn.

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