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Buchrezension Michael Wolfssohn – Genie und Gewissen

Sympathisierte Herbert von Karajan mit den Nazis?

Antisemitismusforscher Michael Wolffsohn erteilt in seinem akribisch recherchierten Buch Herbert von Karajan die Absolution.

vonSabine Näher,

Michael Wolffsohn war Professor für Neuere Deutsche Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München und geht in seinem Buch „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ der Frage nach, ob Karajan, nachweislich NSDAP-Mitglied, ein Nazi war. Mit unglaublicher Akribie wägt er auf 368 Seiten jedwedes Für und Wider ab, ganz einer korrekten wissenschaftlichen Vorgehensweise verpflichtet. Er sichtet Dokumente in zahlreichen Archiven, zitiert einschlägige Veröffentlichungen, führt Gespräche mit Menschen, die beruflich wie privat in direktem Kontakt zu Karajan standen, und er wertet all diese Quellen objektiv aus. Quasi im Zentrum des Buches steht ein vielsagendes Zitat: „Dass das ein Fehler war, bin ich bereit zuzugeben, aber wir Künstler leben in einer anderen, abgeschlossenen Welt. Andernfalls wäre es unmöglich, Musik, die für mich das Höchste und Einzige ist, richtig darstellen zu können. Entweder man macht Musik oder Politik.“ Das erklärte Karajan im März 1946 bei der Befragung durch die österreichische Entnazifizierungskommission, die ihm den Beitritt zur NSDAP 1935 vorhielt.

1947 in Tel Aviv geboren: Historiker und Publizist Michael Wolffsohn
1947 in Tel Aviv geboren: Historiker und Publizist Michael Wolffsohn

Das könnte eine reine Floskel sein, schnell dahingesagt, um den begehrten „Persilschein“ zu erhalten. Doch Wolffsohn kann in aller Ausführlichkeit nachweisen, dass es sich genau so verhält. Alle Gesprächspartner bestätigen das, und es gibt keinerlei Quellen für eine wie auch immer geartete politische Betätigung des Künstlers. Dass die vielen Kontakte zu jüdischen Menschen im privaten wie beruflichen Umfeld ihm zur NS-Zeit zum Verhängnis hätten werden können und in der Nachkriegszeit keine opportunistischen, sondern persönliche bzw. fachliche Gründe hatten, kann Wolffsohn belegen. Folgerichtig erteilt ihm der Autor, Sohn jüdischer Flüchtlinge, deren Familien 1939 gerade noch aus Deutschland nach Palästina gelangen konnten, seine ganz persönliche Absolution.

Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Herder, 368 Seiten
26 Euro

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