Neun Jahre arbeiteten das London Symphony Orchestra und sein Erster Gastdirigent Gianandrea Noseda an ihrer Gesamteinspielung von Dmitri Schostakowitschs Sinfonien. Als mutiger Vorteil erweist sich dabei die Entscheidung, alle 15 Werke sowie die Festliche Ouvertüre op. 96 als Live-Mitschnitte aus dem heimischen Barbican Centre zu präsentieren. Das regt gerade bei den umfangreichen Sinfonien wie der „Leningrader“ dazu an, sich ganz auf die Konzertatmosphäre einzulassen. Dass dabei nicht alles perfekt klingt sowie die leicht hallige Akustik des Saals steigern die Natürlichkeit dieses Zyklus. Noseda fokussiert über weite Strecken auf ein ausgewogenes, fein ausdifferenziertes, detailsinniges und fließendes Klangbild. Spannungsbögen werden klug aufgebaut, die rohe Plastizität vermieden. Exemplarisch ist das in der zehnten Sinfonie nachzuhören, deren berühmtes Scherzo wie ein Fiebertraum anmutet, aber nicht in Effekthascherei abdriftet. Auch die oftmals beißende Ironie und Ambivalenz kommen zur Geltung. Die Tempi sind überwiegend moderat gewählt, was über weite Strecken gut funktioniert. Bisweilen jedoch, etwa im episch dimensionierten Kopfsatz der Achten, leidet darunter die erzählerische Qualität. Eine große Stärke liegt wiederum in den kammermusikalisch gedachten Sätzen, in denen die Musiker aus London ihre exzellenten solistischen Qualitäten unter Beweis stellen. Allen voran die Holzbläser begeistern. In Summe eine präzise und durchaus einsteigerfreundliche Lesart.
Schostakowitsch: Sinfonien Nr. 1-15 & Festliche Ouvertüre op. 96
Elena Stikhina (Sopran), Vitalij Kowaljow (Bass), London Symphony Chorus, London Philharmonic Choir, London Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda (Leitung)
LSO




