Instrument des Jahres 2021: Die Orgel

Die Musikmaschine

Die Orgel ist das Instrument des Jahres 2021. Ein Streifzug durch ihre jahrtausendealte Geschichte.

© Alexander Voss

Die Schnitger-Orgel der St. Pankratius-Kirche in Neuenfelde

Die Schnitger-Orgel der St. Pankratius-Kirche in Neuenfelde

In Grimms Wörterbuch „geht, singt, pfeift, rauscht, klingt, tönt, hallt, schallt, braust, spricht, schreit“ sie, Mozart verehrte sie als „König aller Instrumente“. Es scheint, als ob die landläufige Prosa musikalischer Beschreibungen nie wirklich ausreichte, wenn es um die Orgel ging. Bis vor wenigen Jahren spielte man sie auch nicht: Man schlug sie. Und in den „Reisebildern“ von Heinrich Heine „stöhnt die Orgel wie ein seufzendes Riesenherz“. So besehen mag es eine Ironie der Musikgeschichte sein, dass ausgerechnet ­dasjenige Instrument mit solch lyrischen Umschreibungen bedacht wird, welches im Grunde genommen eine Maschine ist: Jemand öffnet mithilfe einer Taste oder eines Pedals ein Ventil, so dass ein Luftstrom, erzeugt von einem Motor (oder in früheren Zeiten von einem Blasebalg), durch die Pfeife wandern kann und diese ertönen lässt. Als Erfinder der Orgel gilt übrigens ein gewisser Ktesibios aus Alexandrien, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert gelebt hat und von Beruf das war, was man heute Ingenieur nennen würde.

Ein jahrhundertelanger Weg

Ktesibios ließ wohl zuerst seine Gattin Thais auf dieser Maschine spielen, was bedeutet, dass der erste Organist der Weltgeschichte eine Frau war. Auch das ist eine hübsche Ironie der Geschichte, bedenkt man, dass später die Kaiser des Römischen Reichs sich Orgeln in ihren Palästen einrichten ließen und am liebsten selbst drauf spielten, ehe das Instrument seinen Einzug in die so lange Zeit von Männern dominierte christliche Kirche hielt. Doch bis dahin war es noch ein jahrhundertelanger Weg: Das kaiserliche Instrument wurde nach der Teilung des Römischen Reiches im Westen bald vergessen, während es im Byzan­tinischen Reich nach wie vor zum festen Interieur der Herrscherhäuser gehörte. Manche maßen der Orgelmusik gar eine heilende Wirkung bei.

Erst 757 fand das Instrument seinen Weg nach Zentral- und Westeuropa, als Kaiser Konstantin V. dem Frankenkönig Pippin eine Orgel schenkte. Auch hier erlangte die Orgel als Palastinstrument große Beliebtheit, während die Christen eine herzliche Abneigung gegen sie verspürten, zumal sie ohnehin in ihren Anfängen keinerlei Instrumentalmusik in Gottesdiensten duldeten. Selbst die Märtyrerin Cäcilia konnte der Orgelmusik nichts abgewinnen, gleichwohl sie nach ihrem Tod als Schutzpatronin der Kirchenmusik Karriere machte – und auch das nur, weil ein Text von ihr fehlerhaft überliefert wurde (die dritte Ironie der Musikgeschichte). Ein folgenschwerer Fehler, denn in der Zeit nach Karl dem Großen hielt die Orgel endlich Einzug in die Kirchen nördlich der Alpen. Die allmähliche Entwicklung polyfoner Gesänge befeuerte den Erfolg der Orgel, die die Mehrstimmigkeit so ideal widerspiegeln konnte. Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren die meisten Kirchen des Abendlandes mit Orgeln ausgestattet.

Die Orgel als Kunstwerk

In dieser Zeit verfeinerte sich auch die Technik der Musikmaschine. Es wurden neue Konstruktionen für die Bälge entwickelt, mit denen man nun einen annähernd konstanten Luftstrom erzeugen konnte. Damit war auch der Kalkant geboren, jener jugendliche Helfer im Gottesdienst, der die Bälge zog oder trat. Das Wellenbrett wiederum brachte ungeahnte Möglichkeiten für die Traktur, also den Weg von der Taste zum Pfeifenventil. Auch das Pedal, die Mehr­manualigkeit und die Registerteilung wurden in dieser Zeit entwickelt. Letztere sorgte dafür, dass man nun auch einzelne Pfeifengruppen aktivieren konnte und nicht mehr ausschließlich mit vollem Werk spielen musste, was das Arsenal an Klangfarben ungemein bereicherte. Auch wurden die Gehäuse der Orgeln immer künstlerischer ausgestaltet.

Alle wesentlichen Elemente der heutigen Kirchenorgeln hat man somit bereits im 14. und 15. Jahrhundert entwickelt, ehe im 16. Jahrhundert die Blütezeit des Orgelbaus einsetzte. Die fand im 17. und 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt, als unter anderem ein Arp Schnitger in Norddeutschland und ein Gottfried Silbermann in Sachsen jene Orgeln bauten, die bis heute Maßstäbe setzen. Überhaupt wurde und wird den Erbauern von Orgeln eine Bedeutung beigemessen, wie man sie sonst bei keinem anderen Instrument kennt, allenfalls noch in Ansätzen beim Klavier.

© Frank Boxler/Vereinigte Domstifter

Merseburger Dom, Ladegastorgel

Merseburger Dom, Ladegastorgel

Tief empfundene Gefühlswelten

Am Dasein der Orgel als integraler Bestandteil der Liturgie konnte selbst die Reformation mit ihrer streckenweisen Feindseligkeit gegenüber Kunst und Musik im Kirchraum langfristig nichts ändern, wobei der Protestantismus immerhin die Begriffe „unerbauliche Papstleier“ und „Teufels Sackpfeife“ in den eingangs erwähnten Kanon der poetischen Umschreibungen für die Orgel integrierte. Auch wenn die Orgel ihrem Begriff als „Werkzeug“ für die Gotteshäuser (das altgriechische Wort órganon bedeutet genau das) stets gerecht wurde, war und ist sie für die Menschen mehr als das. Ihre zahllosen klanglichen Möglichkeiten können bis heute Gefühls­welten aus der Tiefe der menschlichen Seele emporholen, sei es auf meditative, feierliche, verzweifelte, dankbare oder gar ekstatische Art und Weise.

Was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass die jeweiligen Epochen und Moden nicht gerade zimperlich mit der Vergangenheit umgingen: Im 19. Jahrhundert, das immerhin so legendäre Orgelbauer wie Friedrich Ladegast, Wilhelm Sauer oder Aristide Cavaillé-Coll hervorbrachte, wurde die Instrumentenproduktion dahingehend industrialisiert, dass man mehr auf billige Massenanfertigung denn auf eine künstlerisch-individuelle Handschrift kleiner Werkstätten setzte. Was freilich die klanglichen Qualitäten hörbar minderte. Wertvollste Barockorgeln wurden dem Verfall überlassen oder gar abgerissen, ehe man nach dem Ersten Weltkrieg erkannte, welch außerordentliche Meisterwerke aus dem 17. und 18. Jahrhundert teilweise noch auf den Kirchenemporen schlummerten. Doch nun ereilte die Orgeln des 19. Jahrhunderts das Schicksal der Vernachlässigung und Zerstörung.

Inzwischen hat sich die westliche Hemisphäre glücklicherweise dazu entschlossen, die Orgeln aus sämtlichen Epochen zu schätzen und zu schützen – was auch die UNESCO so sieht, die 2017 die Orgel­musik und den Orgelbau als Immaterielles Kulturerbe anerkannt hat. Auch das Phänomen der Massenanfertigung geriet ins Hintertreffen – und das nicht nur in den Kirchen: Die Orgel gilt oft auch als Visitenkarte großer Konzertsäle. Und das ist auch gut so, schließlich soll das erhebende, ja mystische Potential dieser Maschine auch Menschen ohne christliche Prägung beglücken.

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