Klassik meets Jazz: Gunther Schullers Third Stream

Die dritte Strömung

Der US-amerikanische Komponist Gunther Schuller definierte mit dem Third Stream in den 1950er-Jahren eine Musikrichtung zwischen Neuer Musik und Modern Jazz

Symbolbild "Third Stream" © shutterstock

Symbolbild "Third Stream"

Eine Musikrichtung in der Theorie zu begründen, noch dazu eine, die sich genau zwischen dem bewegen soll, was im populären Diskurs unter ernster- beziehungsweise unterhaltender Musik verstanden wird, ist ein ambitioniertes Unternehmen. Doch der US-amerikanische Komponist Gunther Schuller scheute diesen Aufwand nicht und begann in den 1940er- und 1950er-Jahren mit der Definition eines sogenannten Third Stream – einer dritten Strömung zwischen der europäischen Kunstmusik und dem Modern Jazz.

Verbindung von hochentwickelten Sphären

Das Ergebnis seiner theoretischen Überlegungen machte Schuller 1957 in einer Vorlesung an der Brandeis University in Waltham, Massachusetts publik. Er forderte die „Verbindung zweier im Materialstand und im künstlerischen Selbstverständnis hochentwickelter Sphären“. Folglich sollten die Kompositionen des Third Stream die westliche Kunstmusik – Schuller dachte hier an Neue Musik – und den Jazz mit ihren „wesentlichen Kennzeichen und Techniken“ miteinander in Verbindung bringen.

Nachdem sich Schullers Konzept in der Jazzszene herumgesprochen hatte, dauerte es nicht lange, bis sich erste Resultate abzeichneten. Bereits ein Jahr nach Schuller Vorlesung legten der ungarisch-britische Komponist Mátyás Seiber und der britische Jazz-Saxofonist John Dankworth ihre Komposition „Improvisations for Jazz Band and Symphony Orchestra“ vor, die bei ihrer deutschen Erstaufführung 1965 als einer der gelungensten Versuche beschrieben wurde, Schullers Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Dennoch konnte sich das Konzept des Third Stream zunächst nicht durchsetzten, was Schuller dazu brachte, sein Konzept genauer zu definieren.

Third Stream

Mehr als zwanzig Jahre später konkretisierte Schuller seine Ausführungen, indem er eine Liste veröffentlichte, die formulierte, was der Third Stream nicht beinhalten sollte. Darin zählte er auf, dass es sich keinesfalls um Jazz mit Streichinstrumenten handelt oder gar um Jazz, gespielt von einem klassischen Ensemble. Auch ist der Third Stream weder klassische Musik, gespielt von Jazzbands, noch stellt er Jazzkompositionen mit enthaltenen Klassikzitaten dar. Genauso schloss er aus, dass es sich beim Third Stream um Jazz mit formal-technischen Anleihen aus der Barockzeit handelt.

Schuller verwarf damit sämtliche Vorgehensweisen, die Jazzmusiker oder klassische Komponisten bereits in ihren Versuchen, die Kunstmusik mit dem Jazz zu kombinieren, umgesetzt hatten. Ob vom Symphonic Jazz Paul Whitemanns, den Jazz-Anleihen Debussys, Hindemiths und Gershwins bis hin zu Alec Templetons Versuch, die Fuge im Jazz zu etablieren, grenzte sich Schuller mit seinem Konzept vehement ab.

Zu dem Hauptvertreter des Third Stream sollte neben Gunther Schuller vor allem der Kontrabassist und Komponist Charles Mingus werden. Mingus legte im Laufe seiner Karriere mehrere Werke vor, welche mit Schullers Konzept in Einklang standen, sich jedoch nicht unbedingt drauf beriefen. Sein 1990 posthum erschienenes und von Gunther Schuller rekonstruiertes Album „Epitaph“ gilt heute als Paradebeispiel des Third Stream. Die mit einer dreißigköpfigen Band aufgenommene, mehr als zweistündige, großorchestral angelegte Suite in neunzehn Teilen liefert den Solisten Raum zur Improvisation, erinnert durch ihre Instrumentation zeitweilig an moderne Kammermusik und arbeitet mit impressionistischen Klängen.

Sonderfall: Modern Jazz Quartet

Einen Sonderfall des Third Streams stellt das Modern Jazz Quartet dar, obgleich sich die Mitglieder nie als Teil der Schuller’schen Ästhetik sahen. Vielmehr verlief die gesamte Karriere der vier Musiker im Grenzbereich zwischen Klassik und Modern Jazz, was sowohl an dem Kunstmusikinteresse des Pianisten John Lewis als an der improvisatorischen Herangehensweise des Vibrafonisten Milt Jackson lag. Dennoch gelang es dem Quartett über fast fünf Jahrzehnte einen einzigartigen Sound zwischen beiden Genres zu finden. Ihr Album „Third Stream Music“ von 1960 dokumentiert ihr Interesse an Schullers Konzept.

Trotz zahlreicher beeindruckender Ergebnisse namhafter Musiker und einer aus heutiger Sicht spannenden und teilweise leidenschaftlich geführten Diskussion über den Third Stream bleibt Gunther Schullers Idee von einer Synthese aus Jazz und Kunstmusik eine musikhistorische Randerscheinung. Vielleicht war es von vornhinein doch ein zu kühnes Unterfangen, eine improvisatorische und somit „unplanbare“ Musik wie den Jazz in ein theoretisches Konzept einer neuen Musikrichtung zu integrieren.

Charles Mingus‘ Epitaph:

Modern Jazz Quartet & The Beaux Arts String Quartet:

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