Jazz: Neues Album von John Coltrane

Zwischen Tradition und Avantgarde

Über 55 Jahre lag ein verschollen geglaubtes Album von Jazz-Saxophonist John Coltrane in einer vergessenen Kiste. Am 29.6. erscheint „Both Directions at Once: The Lost Album“ bei Impulse! Records

© Chuck Stewart

John Coltrane

John Coltrane

Es war eine wirkliche Sensations-Nachricht, die die Jazzwelt kürzlich erreichte: Mehr als fünfzig Jahre nach dem Tod von John Coltrane erscheint ein verschollen geglaubtes Album des legendären Jazz-Saxophonisten. Darauf zu hören ist – und das ist die eigentliche Sensation – seine erste Quartett-Formation, die wahrscheinlich größte Jazzcombo aller Zeiten.

Die Aufnahmen vom 6. März 1963, gemeinsam mit McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrisson am Kontrabass und Elvin Jones am Schlagzeug, entstanden zwischen diversen Aufnahmesessions verschiedener anderer Projekte und Live-Verpflichtungen Coltranes in den legendären Rudy van Gelder Studios. Doch nach ihrer Entstehung gerieten sie schnell in Vergessenheit. Die originalen Tonbänder wurden sogar in den 1970er-Jahren bei einer Inventur der Lagerbestände des Labels Impulse! vernichtet. Doch Coltrane selbst sicherte sich eine Kopie des Albums, nahm sie mit nach Hause, wo das Tonband in einer Kiste landete und nach der Trennung von seiner damaligen Frau Naima aufbewahrt wurde. Nun tauchten die Aufnahmen im Nachlass der Familie auf und wurden von Coltranes Sohn Ravi für die Veröffentlichung nachproduziert.

© Jim Marshall

John Coltrane Quartet

John Coltrane Quartet

In zwei Richtungen gleichzeitig

Eine Sensation ist das Album deshalb, da sich John Coltrane im Jahr 1963 an einem künstlerischen Wendepunkt befand, auf der einen Seite kommerziell erfolgreiche Alben wie das zwei Jahre zuvor erschienene „My Favorite Things“ veröffentlichte, jedoch künstlerisch den Jazz weiter in Richtung Zukunft führen wollte. Der Wechsel zu Impulse! Records, deren Verantwortliche den wirtschaftlich erfolgreichen Kurs des Vorgängeralbums weiterführen wollten, ist sicher ein Grund für das Nichterscheinen des nun wiederentdeckten Albums. Und so ging Coltrane nur einen Tag nach der Aufnahmesession vom 6. März 1963 erneut ins Studio, um mit dem Sänger Johnny Hartman ein ebenfalls sehr erfolgreiches Balladen-Album aufzunehmen.

Coltrane war jedoch fest entschlossen den Jazz weiterzuführen, gipfelnd schließlich in der Veröffentlichung seines Meisterwerks „A Love Supreme“ von 1965. „Both Directions at Once: The Lost Album“ steht genau zwischen beiden künstlerischen Wegen und ist zugleich die Abwendung Coltranes von den traditionellen Jazzkonventionen des Bebob hin zur musikalischen Avantgarde. Der legendäre Jazz-Saxofonist Sonny Rollins verglich die bevorstehende Veröffentlichung des Albums mit der Entdeckung eines Raumes in einer großen Pyramide – sicherlich eine der zutreffendsten Metaphern, ist „Both Directions at Once: The Lost Album“ doch eines der letzten fehlenden Bausteine in Coltranes musikalischer Entwicklung, die der Musikgeschichte bisher verborgen geblieben sind.

Hören Sie „Untitled Original 11383“, den ersten Track des Albums:

CD-Tipp

Both Directions at Once: The Lost Album
John Coltrane Quartet
Impulse!

Auch interessant

Porträt Iiro Rantala

Der Querkopf

Gemeinhin gilt Iiro Rantala als international bestens beleumundeter Jazzpianist. Dabei ist er vom Beginn seiner Karriere an auch in der Klassik beheimatet. weiter

3 Fragen an ...

3 Fragen an … Michael Wollny

Der Schweinfurter Jazzpianist Michael Wollny hat bemerkenswert viele Bezüge zur klassischen Musik weiter

ELBJAZZ 2018

Woodstock-Feeling im Hamburger Hafen

Das Hamburger ELBJAZZ-Festival ist seit acht Jahren fester Anziehungspunkt für Jazz-Fans aus aller Welt. concerti war am Festivalfreitag vor Ort weiter

Kommentare sind geschlossen.