Corona: Inspiration in der Krise

Kunst nach Corona

Stay at home: Das Wohnzimmer wird zur improvisierten Konzertbühne. Aber wie geht es weiter? Die Kunst findet immer eine Antwort.

© Gemeinfrei/Pixabay

Katastrophen, Kriege und Seuchen waren schon immer ein Quell der Inspiration. Die Frage erscheint nicht abwegig: Wann kommt der erste große Corona-Roman, das ergreifende Musikdrama, die raumgreifende Video-Installation? Im Kleinen gibt es bereits Ergebnisse. Der Musikdramaturg und Autor Arno Lücker hat sich Beethoven vorgenommen. Legendär seine Beschäftigung mit dessen Klaviersonate c-Moll op. 111, die Lücker in einer Serie von 335 Folgen Takt für Takt analysierte und zerlegte. Dekonstruktion scheint seine Sache zur sein. Jetzt hat er sich die Partitur von „Für Elise“ vorgeknöpft. Das Problem bei dem melodiesatten Liebesschnalzer: Dicht an dicht drängeln sich die Intervalle, in Spucknähe gerückt zwischen den Notenlinien. Achtung, Ansteckungsgefahr! „Viel zu engschrittig, viel zu chromatisch“, konstatiert Lücker. „Deshalb heißt es ab jetzt: Mindestens eine große Terz Abstand zwischen allen Tönen!“

„Für Elise“ in der „Corona-Version“

Genau das hat der umtriebige Notenzerpflücker gemacht und Hand angelegt. Auf YouTube spielt er seine „Corona-Version“ nicht nur dem erstaunten Publikum vor, sondern stellt die Partitur gleich komplett ins Netz, zur freien Verwendung, damit jeder seine eigene Interpretation erstellen kann. Viele Musiker folgen dem Aufruf und präsentieren ihrerseits eigene Videos. Die Idee geht sozusagen viral. Aber nicht nur Abstandhalten sei wichtig, mahnt Lücker. „Niemand braucht mehr als drei Mal das Gesamtwerk von Beethoven! Seien Sie fair! Hamstern Sie nicht!“ Der Mann denkt finanzplanerisch besonnen.

Etwas versöhnlicher, geradezu poetisch stimmt der künstlerische Kommentar, den Raphael von Hoensbroech anbietet. Der Intendant und Geschäftsführer des Konzerthauses Dortmund spielt auf LinkedIn eine einfache, wenn auch weit entrückt scheinende Weise, die eine Landschaft im Stil impressionistischer Werke beschreiben könnte. Jedoch blickt seine Miniatur mit zarten Klaviertönen nicht in die Ferne. Sie verweist vielmehr auf jenen Ort, der aktuell das Zentrum der Vernunft repräsentiert: das Zuhause. Während die Musik erklingt, baut sich die Partitur Note für Note vor dem User auf. Bei den ersten Punkten ahnt man schon: Es sind nicht nur Noten, es sind Buchstaben. Nach 46 Sekunden steht da: „Stay Home!“ Daheim ist es doch am Schönsten. Zumindest für eine Weile.

Multimedia-Tipps:

Arno Lücker: „Beethoven Für Elise – aber nicht zu nah! (Corona-Version)“

Raphael von Hoensbroech: „Stay Home“

concerti-Terminredakteur Marvin Balzer mit der „Corona-Version“ von Beethovens „Für Elise“:

Zudem eine Version für zwei Klaviere mit Sicherheitsabstand:

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