Musikalische Spurensuche: Nordrhein-Westfalen

„Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat!“

Der Max-Bruch-Weg im Bergischen Land.

© Shutterstock

Blick auf Bergisch Gladbach

Blick auf Bergisch Gladbach

Den spektakulären Panoramablick in die niederrheinische Ebene, inklusive der Spitzen des Kölner Doms in der Ferne, gibt es heute noch, 150 Jahre nachdem Max Bruch an dieser Stelle zwischen dem bergischen Rommerscheid und Herrenstrunden stand. Ob der Komponist Ende des 19. Jahrhunderts exakt die gleichen Wege genommen hat wie die heutigen Wanderer? „Ich war nicht dabei“, antwortet Joachim Wittwer vom Bürgerverein Rommerscheid, der den Max-Bruch-Weg konzipiert hat. Vieles habe sich mittlerweile verändert: Das sumpfige Strundetal ist erschlossen, die Strunde selbst an vielen Stellen überbaut, es gibt neue, vielbefahrene Straßen, andere wiederum haben an Bedeutung verloren. Wittwer hat versucht, wichtige Lebensstationen des Komponisten miteinander zu verbinden. Denn Max Bruch wurde in Köln geboren, wirkte in Baden-Baden, Liverpool und in Berlin, sein Sehnsuchtsort jedoch war das kleine Bergisch Gladbach. Schon mit zwölf Jahren war er erstmals auf dem Igeler Hof zu Gast, der etwas außerhalb liegt. Die Mutter unterrichtete hier als Gesangslehrerin. Bruch verbrachte in den folgenden Jahren seine Ferien auf der Hofanlage, die für ihn ein Leben lang ein wichtiger Ort blieb. Hier und im nahen Bergisch Gladbach komponierte er ein Drittel seiner Werke, darunter auch sein großes Oratorium „Odysseus“ mit der für Bruch wichtigen Zeile im Schlusschor „Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat“, die man auch auf dem Komponisten-Denkmal im Höhenweg findet.

Geschichtsträchtiger Igeler Hof

„Der Wanderweg führt im Grunde genommen um den Igeler Hof herum“, erklärt Wittwer. Leider allerdings nur drum herum, denn bis heute wird das Anwesen von den Nachkommen des Papierfabrikantenpaares Richard und Maria Zanders bewohnt. Und die würden Wert auf ihre Privatsphäre legen, verrät Bürgerverein-Vorsitzender Karl Hubert Hagen. Vergebens sucht man den geschichtsträchtigen Ort daher auch auf dem Flyer, auf dem die Wanderroute eingezeichnet ist. Man muss schon wissen, wo der Hof liegt, um ihn überhaupt zu entdecken. Ohnehin ist man ohne diesen Flyer mit seinen kurzen Erklärungen zu den Stationen verloren, denn einordnende Infotafeln gibt es auf dem Weg noch nicht. Die sollen erst in diesem Jahr folgen. „Man kann nicht alles auf einmal machen“, erklärt Wittwer entschuldigend. Die Konzeption des Wanderweges ist für den Bürgerverein ein großes Projekt. Zehn Jahre lang habe man so einen Weg schon erstellen wollen, erklärt Hagen. Es habe aber derjenige gefehlt, der es ehrenamtlich umsetzt. Joachim Wittwer hatte sich vor gut zwei Jahren also an die Planung gemacht, bestehende Wanderwege in den neuen Max-Bruch-Weg integriert, Lebensstationen und Denkmäler mit eingeplant und auch darauf geachtet, dass der Weg durch idyllische Natur führt. Mittlerweile ist die Route mit einem eigens erstellten Notenschlüssel-Logo vom Sauerländischen Gebirgsverein gut markiert.

© Gemeinfrei

Max Bruch

Max Bruch

Beginn und Ziel ist das Heimatdenkmal in der Bergisch Gladbacher Fußgängerzone. Lebensgroß sitzen hier die Bronzeabbilder von Max Bruch und der Papierfabrikantin Maria Zanders, scheinbar im Gespräch vertieft. Die Statuen symbolisieren die lebenslange Freundschaft, die die beiden miteinander verband. Der Komponist hatte als Jugendlicher auf dem Igeler Hof den zwölf Jahre älteren Papierfabrikanten Richard Zanders und wenig später dessen Ehefrau Maria kennengelernt. Diese übernahm nach dem frühen Tod ihres Mannes die Fabrik und führte sie erfolgreich weiter. Auch die Freundschaft mit Max Bruch blieb bestehen. Davon zeugt unter anderem der zinnfarbene Freundschaftsbecher, den Maria dem Komponisten schenkte. „Zur Erinnerung an 40-jährige Treue, ungetrübte Freundschaft“ steht darauf. Der Becher befindet sich heute im Kulturhaus Zanders an der Odenthaler Straße, einer weiteren Station des Max-Bruch-Weges. Archivarin und Geschäftsführerin der Stiftung Zanders ist Magdalene Christ, die den Becher bis heute hütet. Sie berichtet, dass die Freundschaft zu Maria Zanders sehr persönlich war, fast familiär. Eines von Bruchs Kindern war das Patenkind von Maria Zanders, eine Tochter von ihr wiederum das Patenkind von Max Bruch. Viele Briefe wurden zwischen den Familienmitgliedern verschickt und lagern bis heute bei der Stiftung, neben zahlreichen Fotos, Notenhandschriften und Druckexemplaren mit handschriftlicher Widmung.

Sehnsucht nach dem lieben Gladbach

In den Briefen beschreibt Bruch auch immer wieder seine Liebe zu Bergisch Gladbach. Der Gegend widmet er auch ein eigenes Kapitel in seinen geplanten Memoiren: „Wo ich auch sein mochte, nie verließ mich die Sehnsucht nach dem lieben Gladbach und dem Igeler Hof, den Stätten meiner glücklichen Jugend. Und aus allen Fernen kehrte ich immer wieder, solange es meine Gesundheit gestattete, mit inniger Freude dahin zurück.“ Bruch beschreibt den schönen Buchenwald, lauschige Waldespfade, weite Wiesen und Felder. Von all dem bekommt man auf der Wanderung zwischen Bergisch Gladbach und dem Stadtteil Herrenstrunden einen guten Einblick. Das ebenfalls von Bruch beschriebene „reizend stille Tal“ sucht man allerdings vergebens: Mitten durch das Strundetal führt die viel befahrene Hauptstraße L286, die die Wanderung durch lautes Autogeräusch trübt. Einsamkeit, Ruhe und das Zwitschern der Vögel – das kann man nur auf Teilabschnitten genießen.

Neben den Lebensstationen des Komponisten gibt der Max-Bruch-Weg aber auch einen guten Einblick in die Industriegeschichte der Gegend. Der Fluss Strunde, dem man immer wieder begegnet, galt lange als „fleißigster Bach Deutschlands“. Vierzig bis fünfzig Mühlen seien an dem Fluss gebaut worden, berichtet Wittwer. In Bergisch Gladbach waren es vor allem die Papiermühlen, die den Nährboden für den großen Erfolg der Dynastie Zanders legten und die das Stadtbild prägten.

Schweres Jubiläumsjahr

2020 ist eigentlich Max-Bruch-Jahr, im Oktober ist der 100. Todestag des Komponisten. Das Jubiläum hat es in diesem Jahr allerdings schwer, denn es wird zum einen vom 250. Geburtstag des übergroßen Ludwig van Beethoven überstrahlt, außerdem musste die Max-Bruch-Ausstellung wegen der Corona-Pandemie auf das kommende Jahr verschoben werden. Ob die geplanten Vorträge in diesem Jahr stattfinden werden, kann Archivarin Magdalene Christ noch nicht mit Gewissheit sagen. Der Max-Bruch-Weg bietet da eine gute Alternative, sich mit dem Jubilar Max Bruch zu beschäftigen.

Max-Bruch-Weg
11,7 Kilometer, 113,5 Höhenmeter
Dauer: ca. 2 bis 3 Stunden
Start und Ziel: Heimatdenkmal in der Stadtmitte, Bergisch Gladbach

Wanderweg von Bergisch Gladbach über Rommerscheid nach Herrenstrunden und zurück durch das Strundetal.

Flyer und Karte unter finden Sie hier.

Kommentare sind geschlossen.