Mozart: Sinfonie Nr. 38 D-Dur KV 504 „Prager“

(UA Prag 1787)

Als Mozart im Januar 1787 mit seiner Frau nach Prag reiste, um die Figaro-Begeisterung der Prager zu erleben, hatte er eine neue Sinfonie im Gepäck, die dort uraufgeführt wurde und seitdem Prager Sinfonie heißt. Von dieser Reise brachte er den Kompositionsauftrag für Don Giovanni mit nach Wien.

So weit die historischen Daten – trotzdem sind sich alle Musiker darin einig, dass Mozart hier schon die Don Giovanni-Atmosphäre allgemein, und in der Adagio-Einleitung besonders die der Komthurszene – den Auftritt des von Don Giovanni ermordeten Vaters der Donna Anna, welcher ihn nun vor das ewige Gericht lädt – in einer packenden sinfonischen Vision vorweggenommen hat. Das Allegro-Hauptthema ist dem der Don-Giovanni-Ouverüre auffallend ähnlich: Aus brodelnder Tiefe bildet sich ein helles, böses Lachen. Der Duktus der Sinfonie ist dramatisch-opernmäßig, die Gestik elegant und unbändig. Das Presto-Finale hat die Rasanz von Giovannis Champagnerarie.

Niemand hat den Eindruck dieser Musik treffender beschrieben als Eduard Mörike in seiner Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“: „Es war ... so gewiß, so ganz gewiß, dass dieser Mann sich schnell und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehrte, dass er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge …“

Die Prager hat nur drei Sätze – wo ist das übliche Menuett vor dem Finale? Generationen von Forschern haben nach dem Menuett oder nach Erklärungen für sein Fehlen gesucht, aber niemand hat wohl in die Partitur geschaut – dort hält es sich verborgen: Der zweite Satz Andante G-Dur 6/8 (also doppelter Dreiertakt) beginnt zwar mit einem elegischen, stark chromatisch getrübten Thema über bewegungslosem Bass, aber schon nach acht Takten tritt sein unterschwelliger Tanzcharakter mit eindeutigen Menuettschritten hervor. Der zweite Satz hat ein doppeltes Gesicht: Elegie und Menuett – wie Weinen und Lachen.

Möglicherweise hat Mozart im Bewusstsein, dass das Menuett im Andante schon anwesend ist und ein weiterer Satz im Dreiertakt überflüssig wäre, gleich das Presto folgen zu lassen. Das Rätsel des fehlenden Menuetts wäre dann im Geheimnis des vieldeutigen zweiten Satzes, der somit zum Mittelpunkt der Prager Sinfonie wird, geborgen – dort ist es gut aufgehoben!

(Mathias Husmann)