Sibelius: Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52

(UA Helsinki 1907)

Im September 1904 zog Silbelius mit seiner Familie in „Ainola“ ein. Er nannte seine umwaldete Jugendstilvilla nach seiner Frau Aino, die ihm sechs Töchter gebar und die ganze Last des gemeinsamen Lebens trug. Sibelius konnte nur komponieren, und auch das musste er neu lernen, denn „in Helsinki starb jede Melodie in mir“. Nach dem überwältigenden Schluss – und Erfolg der Zweiten– war ein Neubeginn fällig, aber wie? Nicht städtisch, sondern ländlich – wie sein Umzug ins 30 Kilometer entfernte Järvenpää, und einfach, naturbelassen und still – wie Ainola.

Allegro moderato – ein einfaches, einstimmiges, mehr wiegendes als tanzendes Motiv, von den tiefen Streichern in mäßigem Tempo „mit liegendem Bogen“ (sozusagen in naturbelassener Strichart) gespielt, in sieben Takten siebenmal wiederholt und doch nie gleich, ersetzt das symphonische Hauptthema. Die beiden (plagalen) Kadenzakkorde, mit denen Hörner und Fagotte im achten Takt einsteigen, sind die gleichen, mit denen der ländliche Satz ausklingen wird. Auch das Seitenthema in den Violoncelli – nach einer einfachen (einstimmigen) und archaisch naturbelassenen Modulation der Blechbläser – ist ein Schulbeispiel für kompositorische Ökonomie: Es besteht nur aus vier Tönen. Als ein fünfter dazukommt, schnurrt es zusammen zu einer Folge von murmelnden Sechzehnteln. Diese entfalten keine Dramatik, sondern bilden den Hintergrund der stillen, leisesten Durchführung, die je komponiert wurde – wie Farbtupfer im Heidekraut oder die gezackten Linien der Tannenspitzen dieses Spaziergangs rund um Ainola ...

Andantino con moto, quasi allegretto – ein mehr wiegendes als tanzendes, im Takt schwankendes Nachtstück in der mondsilbernen Tonart gis-Moll. Seine letzten Takte aber stürzen in das ...

Moderato – nach drei Takten schon: allegro – etwas später: piu allegro. Die Stille Ainolas ist nicht mehr zu ertragen. Unruhe, Nervosität, Gereiztheit breiten sich aus. Sibelius möchte etwas Neues schaffen, hantiert aber mit altem Material. Verzweifelt wirft er es durcheinander – Chaos entsteht. Er baut eine unfertige Kantatenhymne ein (nach Markku Hartikainen), aber seine wütenden Hände zerreiben sie: Ihm ist nicht hymnisch zumute. Die Krise der Sinfonik im 20. Jahrhundert bricht herein – die Dritte wird sie nicht lösen. Sie hat nicht mehr das Selbstvertrauen der Jugend und noch nicht die Selbstkritik der Reife – ihr C-Dur ist schließlich ein Gedankenstrich –

(Mathias Husmann)