Nominiert zum „Publikum des Jahres 2020“: Oldenburgisches Staatstheater

Aller guten Dinge sind sieben

Das Oldenburgische Staatstheater beeindruckt mit vielfältigem Angebot.

© Andreas Etter

Oldenburgisches Staatstheater

Oldenburgisches Staatstheater

Fünfzig Kilometer westlich von Bremen liegt „Oldenburg in Oldenburg“. Die drittgrößte Stadt Niedersachsens schmückt sich mit einer rühmlichen Vergangenheit als Residenz des Großherzogtums Oldenburg. Heute ist die Universitätsstadt kulturelles Zentrum einer Region, in der man wohl kaum diesen Reichtum an Innovation erwarten würde.

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Das Oldenburgische Staatstheater beschäftigt rund 450 Mitarbeiter und bedient mit seinem breiten künstlerischen Spektrum ein großes Einzugsgebiet. Mit gleich sieben Sparten kann das Staatstheater aufwarten: Neben Oper, Konzert, Schauspiel und Ballet gibt es das Junge Staatstheater und das Niederdeutsche Schauspiel. Die „Sparte 7“ bietet Raum für Experimentelles und „community arts“. Das Staatstheater bewies stets eine große Aufgeschlossenheit gegenüber aktuellen künstlerischen Entwicklungen, wie es etwa die deutsche Erstaufführung von Adriana Hölszkys „Die Wände“ (1996) dokumentiert. Unter der Intendanz von Christian Firmbach, der seit 2014 im Amt ist, hat diese Aufgeschlossenheit eine neue Dimension erfahren. „Sparte 7“ hat sich dem Ideal einer Demokratisierung des Theaters verschrieben. Das Publikum wie auch die Mitarbeiter des Theaters können sich darin theatralisch „austoben“. Der Sinn ist es, Grenzen zu überwinden – seine eigenen wie auch diejenigen zwischen den Sparten oder zwischen Publikum und Bühne.

Den Blick nach vorn gerichtet

Vier Spielstätten stehen dem kreativen Team für diese Vielfalt zur Verfügung. Das Große Haus mit rund 550 Plätzen erstrahlt in barockem Prunk und bietet den fast dreißig Opern- und Schauspiel-Premieren eine würdige Kulisse. Auch Konzerte finden dort statt. Seit 1998 befindet sich nebenan noch das Kleine Haus mit 350 Plätzen in modernem Ambiente. Dazu kommen noch das Studio-Atelier „Spielraum“ und die ehemalige Exerzierhalle am Pferdemarkt Oldenburgs.

Die Spielstätten gruppieren sich zentral um das Wahrzeichen der Stadt, das Oldenburger Schloss, in dem sich heute das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte befindet. 1842 erhielt das Theater den Status „Großherzogliches Hoftheater“ und wurde 1938 zum Oldenburgischen Staatstheater. 1921 bekam es mit dem Oldenburgischen Landesorchester eine eigene Opern-Sparte. Auf Tradition legt man hier großen Wert, der Blick nach vorne spielt aber die größere Rolle. Im Gespräch mit Generalintendant Christian Firmbach merkt man schnell: Hier ist Nachwuchsförderung Chefsache. „Häuser wie wir sollten Entdecker-Häuser sein. Wir leisten uns gerade im Opernbereich viele junge Talente und versuchen, sie möglichst lange zu halten. Wie in einem Opernstudio sollen sie viele Erfahrungen sammeln und sich weiterentwickeln dürfen.“

© Stephan Walzl

Christian Firmbach

Christian Firmbach

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Alle Menschen erreichen

Um das Theater auch um die Facette „Glamour“ zu bereichern, wurde der Opernball ins Leben gerufen. „Die Tickets sind in kürzester Zeit vergriffen, die Friseurtermine ausgebucht, die Abendroben kommen ins Schaufenster: das Theater wird zum Stadtgespräch!“

Als großes Highlight im Spielplan stehen am Ende jeder Spielzeit die Jugendtheatertage, die 2021 trotz allem stattfinden sollen. Pandemiebedingt darf draußen inszeniert werden, die Eroberung des Internets als kreativer Ort ist natürlich ebenso willkommen, etwa Audiowalks, Hörspiele oder digitale Performances, die mehrere Künste vereinen. „Mit diesem Festival haben wir uns etwas Großes aufgebaut“, schwärmt Firmbach. Die Arbeit mit diversen Laientheater-Clubs sei breit aufgefächert auf hohem Niveau. „So eine Klasse im Bereich des Musiktheaters oder der Orchestermusik mit Nicht-Profis zu erreichen dauert immer etwas länger. Sollten wir das Preisgeld für das Publikum des Jahres gewinnen, wird es auf jeden Fall für musikvermittelnde Projekte eingesetzt.“ Familienkonzerte seien toll, um Lust zu machen und das bürgerliche Publikum abzuholen. Dafür steht der Intendant einmal im Jahr höchstpersönlich auf der Bühne – als singende und moderierende Kunstfigur Florestan, der mit dem dirigierenden Eusebius Komponisten entdeckt. Um in der Stadt weiter zu wachsen, brauche es aber mehr, vor allem die Arbeit mit Schulen, die alle Menschen erreicht.

Fest in der Stadt verankert

Mit 200.000 Besuchern pro Jahr kann sich das Staatstheater allerdings jetzt schon nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Im Gegenteil. Die Menschen aus Stadt und Umgebung kommen gerne und oft und zeigen dabei eine große Offenheit den vielen Sparten gegenüber. Wie sehr das Theater in der Stadt verankert ist, zeigte sich auch in den letzten Monaten. Von den Oldenburgern erhielt das gesamte Haus viel Zuspruch, Mitgefühl und Spenden – und die Zuversicht, dass das Publikum wiederkommt, sobald man es lässt.

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