Nominiert zum „Publikum des Jahres 2021“: Bayerische Staatsoper

Von Jubelstürmen und Unmutsbekundungen

Das Publikum der Bayerischen Staatsoper ist vor allem: treu und leidenschaftlich.

© Felix Loechner

Bayerische Staatsoper/Nationaltheater

Bayerische Staatsoper

Es gibt den uralten Witz, in dem ein Münchner nach der Wagner-Aufführung aus dem Nationaltheater geht und es in genau diesem Moment zu regnen beginnt. Was er daraufhin sagt? „Des a no!“ Das auch noch – der naheliegende Teil der Pointe bezieht sich natürlich auf die Kulturferne des gemeinen Münchners, der in die Oper geht, weil man halt in die Oper geht. Dafür nimmt er dann auch mal eine fünfstündige Leidenszeit auf sich. Doch im Kalauer steckt noch eine weitere Wahrheit: Man geht ins Nationaltheater, weil es da ist. So wie weiland der Erstbesteiger des Mount Everest, Sir Edmund Hillary, sein lebensgefährliches Unterfangen damit begründete, dass dieser hünenhafte Berg halt da ist. Und Münchner sind nun mal Bergsteiger, das lässt sich nicht von der Hand weisen.

Heute freilich ist es nicht mehr so einfach, „mal“ ins Nationaltheater zu gehen, wo die Bayerische Staatsoper ihre Produktionen zur Aufführung bringt. Seit der Intendanz von Klaus Bachler darf sich das Opernhaus über Auslastungen von praktisch hundert Prozent freuen (in coronafreien Zeiten, selbstredend). In ist, wer drin ist – dieser typisch Münchnerische Spruch gehört auch zur Wahrheit. Was aber nur heißt, dass man schnell sein muss beim Kartenkauf. Denn schon lange bevor Peter Jonas, Bachlers Vor-Vorgänger, die Losung „Oper für alle“ ausgegeben hat und exquisiten Festspielvorstellungen auf den Max-Joseph-Platz übertragen ließ, war die finanzielle Verfassung eines Münchners nicht ausschlaggebend, ob er nun in die Oper kann oder nicht. Selbst Schüler müssen seit jeher nicht ihre Eltern um ein paar Mark oder Euro anhauen, sondern können die unverschämt niedrigen Preise für Schülerkarten locker von ihrem eigenen Taschengeld bezahlen.

Durch Mark und Bein

Dieses Investment zahlt sich aus. Denn abgesehen von jener Handvoll, die ausschließlich aus Prestigegründen in die Oper geht, sind die Besucher der Staatsoper vor allem: treu und leidenschaftlich! Gefällt ihnen eine Aufführung, wird gejubelt, und zwar schon lange bevor der letzte Ton überhaupt verklungen ist. Dann muss das Ensemble immer und immer wieder vor den Vorhang treten, so lange, bis das Publikum nicht mehr die Künstlerinnen und Künstler, sondern nur noch sich selbst beklatscht. Aber wehe, die Aufführung gereicht nicht zur Zufriedenheit der zahlenden Gäste. Ein Buh-Konzert im Nationaltheater erschüttert Mark und Bein. Dass das Publikum auch wankelmütig sein kann, musste Kent Nagano erleben in seiner Zeit als Interimsintendant und Generalmusikdirektor. Anfangs mochte man ihn schlicht nicht, was vielleicht auch an den lokalen Feuilletons gelegen haben mag (warum braucht man eine eigene Meinung, wenn man sie sich von einem honorigen Kritiker borgen kann?). Doch Nagano machte einfach weiter. Und dann? Was will man sagen: Plötzlich liebte man ihn. Und am Ende, als er 2013 weiterzog, beklatschten die Münchner wieder ihn und sich selbst, als gäbe es kein Morgen.

Die Bayerische Staatsoper flutet die digitalen Kanäle

Was nun Serge Dorny, seit 2021 Intendant, mit der Staatsoper und ihrem Publikum vorhat und wie dieses darauf reagieren wird, wird sich erst zeigen, denn während der Coronazeit passierte etwas, das niemand für möglich gehalten hätte: Man kam plötzlich problemlos an Opernkarten, sogar noch am Tag der Vorstellung selbst. Doch der Kontakt zum Publikum bleibt auch diesen schwierigen Zeiten gewahrt, denn ganz im „Laptop und Lederhosen“-Sinne flutet das altehrwürdige Traditionshaus alle denkbaren digitalen Kanäle, um auch weiterhin Oper für alle zu sein. Man hat sogar einen eigenen Tiktok-Account eingerichtet, mitnichten ein Feigenblatt für die Digital Natives der Stadt, sondern eine wirklich kreativ bespielte Plattform. Die Staatsoper braucht eben ihr Publikum, und das Publikum braucht seine Staatsoper. Eine perfekte Symbiose. Dafür nimmt man auch gerne mal ein Buh-Konzert in Kauf. Und sogar einen Regenschauer nach der Vorstellung.

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