Thüringer Bachwochen 2019

Lebendige Geschichte

Die Thüringer Bachwochen befassen sich mit dem Bauhaus-Jubiläum, und doch steht alles im Zeichen Johann Sebastian Bachs und seiner Familie.

© Stadtverwaltung Erfurt / Vitalik Gürtler

Krämerbrücke Erfurt

Krämerbrücke Erfurt

Die Bauhaus-Idee wurde zuerst dort verwirklicht, wo Johann Sebastian Bach zweihundert Jahre zuvor im Dienst von Herzog Wilhelm Ernst stand: 1708 siedelte Bach von Mühlhausen nach Weimar über, wo er zunächst als Hoforganist, ab 1714 als Konzertmeister wirkte, ehe er 1718 nach Köthen ging. Weimar war bis dahin die längste Aufenthaltsperiode des 1685 in Eisenach geborenen und durch seine Herkunft dem Gebiet des heutigen Thüringen besonders verbundenen Komponisten, Organisten und Lehrers.

Bachs Schaffen bildet heute das Zentrum der Thüringer Bachwochen. Schwerpunkte ergeben sich bei dem Festival, das auch zu den Ursprüngen der Musikerfamilie Bach führt, eher zwanglos. Aber Jubiläen wie „500 Jahre Reformation“ (2017) und eben „100 Jahre Bauhaus“ in diesem Jahr fordern zu besonderen Akzenten heraus. Das größte Musikfestival Thüringens hat eine verhältnismäßig kurze Geschichte. Zum ersten Mal fand es 1992 statt, pausierte zwischenzeitlich einige Jahre und wird seit 2005 durch einen eigens dafür gegründeten Verein gestaltet. Sofern die alle zwei Jahre stattfindenden Telemann-Tage Magdeburg im späten Winter nicht den Anfang machen, eröffnen die Thüringer Bach­wochen die üppige Reihe mit­tel­deutscher Barock-­Festivals vor den Händelfest­spielen Halle, dem Bachfest Leipzig, mit dem man die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren verdichten wird, dem Bachfest Dresden sowie dem Güldenen Herbst in Weimar.

© Jens Haentzschel

Herderkirche Weimar

Herderkirche Weimar

Eröffnungskonzert am Ursprungsort der Familie Bach

Die Thüringer Bachwochen setzen neue künstlerische Impulse und sind eine Aufforderung zum Erkunden der an Kulturschätzen reichen Landschaft. Dieses Jahr eröffnet am 13. April das Vokalensemble Stile Antico zusammen mit dem Lautenisten Edin Karamazov das Festival in der Kirche St. Viti im früheren Wechmar, das heute Teil der Landgemeinde Drei Gleichen ist. Dort ließ sich Johann Sebastian Bachs aus Ungarn stammender Ur­urgroßvater nieder, dessen Wohnhaus seit 1888 als Bach-Stammhaus gepflegt wird. Seit 1997 beherbergt das Gebäude auch das Museum der Thüringer Spielleute. Hier wird also deutlich, aus welchen noch heute wirksamen Prägungen sich die Musiker­familie Bach entwickelte.

© Wikimedia-Commons

Bach Museum Wechmar

Bach Museum Wechmar

Ein biografischer Ort ist auch die Dornheimer Kirche St. Bartholomäus, in der Johann Sebastian am 17. Oktober 1707 seine Cousine zweiten Grades Maria Barbara Bach heiratete. Dort kann man am Ostermontag in einer Matinée die jun­ge polnische Geigerin Maria Włoszczowska und danach in der nur knapp vierzig Kilometer entfernten Stadtkirche Waltershausen eine von Wouter Dekoninck aus Bachschem Musikmaterial und Choral­texten konstruierte Große Messe 1739 für Bach und Luther hören. Darüber hinaus konnten die Veranstalter der Bachwochen weltweit führende Musiker und Musikgruppen wie das Concerto Köln mit dem Bariton Benjamin Appl oder das Salomon’s Knot Baroque Collective gewinnen. Für genauso wichtig halten sie Begegnungen mit regionalen Interpreten wie dem MDR-Sinfonieorchester und der Weimarer Musikhochschule.

Große Sakralwerke

Kantatengottesdienste gibt es in Weimar und in der süd­thüringischen Residenzstadt Meiningen, die im späten 19. Jahrhundert eine Blütezeit als Musik- und Theaterstadt erlebte. Regelmäßig gelangen bei den Bachwochen große Sakralwerke zur Aufführung, dieses Jahr etwa Bachs Mat­thäus-­Passion mit dem Gabrie­li ­Consort (14.4.) sowie Gottfried Heinrich Stölzels Passionsoratorium Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld in der Schlosskirche Gotha, dem einstigen Wirkungsort des Komponisten, den Bach so schätzte (20.4.).

Idyllen, Entdeckungen, Zeit­genössisches und innovative Aufführungsformate – zusammengenommen ergibt all das weitaus mehr als ein vergangenheitsorientiertes, museales Musikprojekt. So bilden etwa performative Projekte schillernde Kontrapunkte zu all den altehrwürdigen Konzertstätten. Das historistische Volkshaus Jena beispielsweise wird zum Schauplatz von Flowers (we are), die zweite Auseinandersetzung der französischen Choreografin Claire Croizé mit Bachs Musik (26.4.). In der Nacht zum Karsamstag kommt es in der Weimarer Jakobs­kirche (in deren Sakristei Goethe und Christiane Vulpius getraut wurden) zu einem außergewöhnlichen Konzentrat der Johannes-Passion: Allein mit Klavier, Orgel, Schlagzeug und seiner Stimme rekapituliert der Tenor Benedikt ­Krist­janssen wie schon im Radial­system Berlin die Leiden Christi.

© Jens Haentzschel

Georgenkirche Eisenach

Georgenkirche Eisenach

Klangvolle Verlängerung der Bachwochen

Bei den Thüringer Bachwochen sind solche Projekte Magneten gleichermaßen für Festspiel­reisende wie für Besucher aus der Region. Deren Anspruch ist im Bundesland mit der höchsten Dichte an Kultur­orchestern zu Recht besonders hoch. Eine außergewöhnliche Verlängerung erfahren die Thüringer Bachwochen bei der „Pilgerfahrt ins Bachland“ der Gaechinger Cantorey mit ihrem Leiter Hans-Christoph Rademann vom 13. bis 15. September. An diesem Wochenende sind dann wesentliche Werke Bachs in Eisenach, Dornheim, Weimar und Arnstadt zu erleben. Auch da wird man merken, dass Orte, an denen man sich dem Geist Bachs und deren Geschichte besonders nahe fühlen kann, eine außergewöhnliche Anziehungskraft besitzen.

Johann Sebastian Bach

Thüringer Bachwochen

13. April bis 05. Mai 2019

Die Thüringer Bachwochen finden jährlich zwischen April und Mai in verschiedenen Städten Thüringens statt. Als künstlerischer Leiter ist seit 2004 der Organist Silvius von Kessel tätig. weiter

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