Katrin Zagrosek ist seit September 2018 Geschäftsführende Intendantin der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Die Kulturmanagerin blickt mit viel Zuversicht und Kreativität auf die kommende Saison und das Musikfest Stuttgart, das in diesem Jahr zum ersten Mal digital und hoffentlich auch mit Publikum stattfinden wird.

Statt das Musikfest Stuttgart ausfallen zu lassen, haben Sie sich für eine digitale Version entschieden. Was bedeutet das für Sie und Ihr Team?

Katrin Zagrosek: Als wir merkten, dass die Inzidenz wahrscheinlich nicht schnell genug zurückgeht, haben wir überlegt, welche Veranstaltungen digital übertragbar wären. Für die audiovisuellen Übertragungen müssen wir noch mal einen ordentlichen sechsstelligen Betrag in die Hand nehmen. Der kommt obendrauf bei gleichzeitig ausbleibenden Erlösen aus dem Kartenverkauf. Das allein hat dazu geführt, dass wir das Programm verschlanken mussten. Aber gleichzeitig lässt uns die vorliegende Planung immer noch die Hintertür offen, falls es Mitte Juni doch wieder möglich wäre, für hundert Personen zu spielen. Ganz ausgeschlossen ist das ja nicht. Wir würden die Veranstaltungen aber trotzdem aufzeichnen und hätten dann eben ein Hybrid-Festival.

Sind Sie mit der Planung zufrieden?

Zagrosek: Ich denke, wir haben eine gute Planung gefunden. Sie besteht aus Live-Aufzeichnungen von Ensembles, die nach Stuttgart reisen oder von hier kommen und in dem geplanten Raum mit ihrem Programm auftreten. Das wird von uns digital ausgestrahlt. Andere Ensembles, die wegen Quarantäne-Regelungen nur erschwert anreisen können, bleiben zu Hause und stellen uns einfach ihre aufgezeichneten Konzerte zur Verfügung.

Welche Vorteile sehen Sie im digitalen Programm?

Zagrosek: Wir können die aktuelle Situation besser beleuchten. Denn alle Künstler werden im Rahmen der Aufzeichnungen ein Grußwort oder ein Kurzgespräch führen, in denen es darum geht, was die Pandemie mit ihnen macht, was ihre Lichtblicke sind, wie es ihnen geht. Und auf diese Weise wird am Ende ein Dokument dieser extremen und außergewöhnlichen Zeit entstehen. Das hat Bestand und wirkt auch im Nachhinein noch. Das hat mich letztendlich von der Digitalausgabe überzeugt.

Gibt es für das Publikum die Möglichkeit aktiv am Festival teilzuhaben und sogar mit den Künstlern in Kontakt zu treten?

Zagrosek: Unser „Musikfestcafé“ wird live übertragen und mit einer Chatfunktion ausgestattet sein. Bei den Konzerten wird das wahrscheinlich auch möglich sein. Es kann aber auch sein, dass wir manche Konzerte bereits ein paar Stunden vorher aufzeichnen und sie dann pünktlich zum Abruf bereitstellen. Mit Liveübertragungen haben wir nämlich schon schlechte Erfahrungen gemacht.

Inwiefern?

Zagrosek: Probleme mit dem Urheberrechtsgesetz. Bei einem Livestream der h-Moll-Messe hat Facebook das Konzert nach gut einer Stunde einfach abgebrochen, weil irgendein Algorithmus zu erkennen glaubte, dass es sich um eine Einspielung handelt, also um eine Raubkopie. Das lässt sich durch eine zeitversetzte Live-Aufzeichnung vermeiden. Oder man kann auf andere Internet-Plattformen ausweichen.

Welchen Livestream haben Sie sich zuletzt angesehen?

Zagrosek: Unseren eigenen (lacht). Auch wenn ich mir nicht immer die Zeit für ein ganzes Konzert nehme, finde ich diese Möglichkeit nach wie vor fantastisch. Es passiert immer wieder, dass ich mir kurze Clips anschaue, zum Beispiel mit Simon Rattle, der Mozarts „Gran Partita“ dirigiert. Das macht dann schon Freude.

Sind die Konzerte beim Musikfest umsonst?

Zagrosek: Ja, unser Digitalfestival wird kostenlos sein. Wir machen das ja zum ersten Mal beim Musikfest Stuttgart. Wir müssen uns im digitalen Raum erst einmal eine Reichweite aufbauen.

Welches ist Ihr Konzert-Highlight?

© Matthias Baus

Katrin Zagrosek

Katrin Zagrosek

Zagrosek: Es fällt mir schwer, einen einzelnen Programmpunkt zu benennen. Es ist ein sehr facettenreiches Programm geworden mit so vielen unterschiedlichen Künstlern. Ich freue mich sehr auf diese erste Ausgabe des Musikfests, die wir mit so vielen fantastischen Kooperationspartnern ausrichten. Mit dabei sind das Staatsorchester Stuttgart, die Stuttgarter Philharmoniker und das SWR Symphonieorchester. Das Stuttgarter Kammerorchester macht etwas ganz Neues, extra für diese Digitalversion. Ich freue mich auf diese Vielfalt und bin auch neugierig auf die Resonanz und die Erfahrungen sowie die Rückmeldungen unseres Publikums.

Rechnen Sie damit, dass vielleicht doch noch Publikum erlaubt sein wird?

Zagrosek: Natürlich hoffe ich das nach wie vor. Und ich hoffe, dass sich die meisten danach sehnen, wieder ins Konzert gehen zu dürfen. Ich glaube nicht mehr das, was ich vielleicht früher einmal befürchtet hätte: dass das Digitale dem Analogen was nimmt. Ich glaube, das befruchtet sich gegenseitig.

Für Sie schließen sich die Formate also nicht aus?

Zagrosek: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass es Lust macht, wenn man online mit kurzen Videos auf ein Konzert oder ein Ensemble aufmerksam gemacht wird. Und ich glaube, dass es nach Corona vielleicht so sein wird, dass man die Freiheit hat, zwischen dem einen oder anderen zu wählen. Und wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, dann werden unsere digitalen Konzerte auch nicht mehr kostenlos sein.

Sie sind seit 2018 Geschäftsführende Intendantin der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Konnten Sie trotz Pandemie schon einige Ihrer Ideen umsetzen?

Zagrosek: Man macht natürlich viele Erfahrungen. Und vor allem der Weg in die Digitalisierung hat durch die Pandemie einen ordentlichen Schub bekommen. Es ist uns ja einfach aufgezwungen worden. Das war auf jeden Fall eine gewinnbringende Erfahrung, die uns auch keiner mehr nimmt und die auch unser ganzes Auftreten nach Corona auch weiterhin prägen wird.

Was bedeutet die aktuelle Situation für Ihre Musiker?

Zagrosek: Es geht schlicht um Existenzen. Die Tatsache, dass wir in der Bachakademie während Corona kaum eine Produktionsphase abgesagt, sondern immer musiziert und die künstlerische Arbeit fortgesetzt haben und am Ende eben ein digitales Produkt hatten, dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin sehr froh darüber, dass wir das geleistet haben, denn das hat den vielen Solo-Selbstständigen und Freiberuflichen geholfen in dieser Zeit über die Runden zu kommen und schlussendlich auch den Stiftungszweck der Bachakademie erfüllt, der im Kern bedeutet zu musizieren und aufzutreten. Hätten wir das reduziert oder eingestellt, hätten wir die gesamte Stiftung in Frage gestellt. Es ist mir wichtig zu sagen, dass wir keine Arbeitsphase ausgelassen haben. Denn das Ergebnis ist eine schöne Anzahl an Konzert-Streams und viel Erfahrung, mit der wir jetzt in dieses digitale Musikfest gehen.

Das Motto des Musikfests lautet #geschmacksache. Inwieweit lässt sich dieses digital umsetzen?

Zagrosek: Wir haben beispielsweise den Sommelier Bernd Kreis zu Gast im Musikfestcafé. Und mal schauen, ob wir den Zuschauern ein wenig augenzwinkernd vorschlagen, neben der Musik auf irgendeine Weise auch den kulinarischen Geschmack bei sich zu Hause aufleben zu lassen.