Blickwinkel: Mustafa Akça

„Es juckte mir in den Fingern, Musiktheater zu den Menschen zu bringen“

Mustafa Akça bringt mit seinem Operndolmuş das Musiktheater von der Komischen Oper Berlin direkt in die Kieze.

© R. Kruse

Mustafa Akça

Mustafa Akça

In Ihrer Biografie steht, dass Sie ausgebildeter Handwerker und Schauspieler sind. Wie sind Sie zur Oper gekommen?

Mustafa Akça: Meine biografischen Eckdaten sind eine Mischung aus den Wünschen meiner Eltern und dem, was ich selbst wollte. Und so verbindet sich Handwerkliches mit Künstlerischem. Es war 2011 und ich war bereits einige Jahre als Quartiersmanager tätig, als eine Kollegin mir die Ausschreibung nach einem Verantwortlichen für die Konzeption und Durchführung eines Öffnungsprozesses hin zu einer vielfältigen Stadtgesellschaft der Komischen Oper Berlin zeigte. Ich machte mich schlau und entdeckte bundesweit nichts Vergleichbares. Die Ausschreibung versprach eine spannende Herausforderung und so bewarb ich mich. Obwohl ich mit klassischer Musik bis dahin wenig Kontakt hatte, juckte es mir sprichwörtlich in den Fingern, Musiktheater zu den Menschen zu bringen und sie für Oper zu begeistern.

Woher kam die Idee zu „Selam Opera!“

Akça: Als ich anfing, trug das Vorhaben den Namen „Türkisch. Oper kann das!“. Ich fand den Titel in einer internationalen Stadt wie Berlin und als jemand, der in vielen Milieus zu Hause ist, zu eng auf einen bestimmten Personenkreis bezogen. Daher machte ich der Leitung gleich zu Beginn verschiedene Vorschläge, um ein breiteres, bisher nicht gewonnenes Publikum zu erreichen. Wir entschieden uns für den Projektnamen „Selam Opera!“, was auf Türkisch umgangssprachlich so viel wie „Hallo Oper!“ bedeutet. Das wird auch auf Arabisch oder Hebräisch verstanden, weil es ähnlich klingt, nämlich Salam und Shalom.

Was war das Ziel hinter dem Projekt?

Akça: Das Vorhaben hat viele Ziele und Absichten, die sich fortwährend verändern und angepasst werden. Es gibt aber zwei grundlegende Ziele: zum einen, Menschen egal welchen Alters und welcher Herkunft für Musiktheater zu begeistern, indem man aktiv auf sie zugeht und via Musik und Gesang mit ihnen ins Gespräch kommt. Erst auf zweiter Ebene geht es darum, dass diese Menschen dann auch irgendwann zu einer Vorstellung in unser Haus kommen. Man muss Oper nicht mögen. Aber es wäre doch schade, wenn man die Voraussetzungen dafür hat, sie zu lieben, es aber einfach nicht weiß!

Zum anderen möchten wir uns als Kulturinstitution mit dem Publikum weiterentwickeln. Dazu gehört, sich für das „Eigene“, aber auch das „Andere“ zu sensibilisieren und eingefahrene Muster und eingetretene Pfade zu verlassen oder zumindest zu überdenken. Das bedeutet, sich für eine erweiterte Auffassung von Kultur zu öffnen. Dabei ist der überkommene klassische „Bildungsauftrag“, der glaubte, das Gegenüber auf ein „höheres Niveau“ anheben zu müssen, längst passé. Im Mittelpunkt steht vielmehr das gemeinsame Probieren und Tun.

Wie ist der „Operndolmuş“ entstanden?

Akça: Wenn man vor der Herausforderung steht, in einem so etablierten Opernhaus wie der Komischen Oper Berlin und in einer Stadt wie Berlin, wo es vor innovativen Projekten nur so sprudelt, neue Publikumsschichten zu erreichen, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Daher habe ich den Vorschlag gemacht, hinauszufahren und die Menschen in den Stadtteilen und Kiezen, also in ihrer gewohnten Umgebung, aufzusuchen; und dabei ganz bewusst auf die große Bühne zu verzichten. Im Gepäck haben wir Arien, Duette und Instrumentalnummern zentraler Werke des Opernrepertoires, aber auch Lieder außerhalb des klassischen Kanons. Es ist eine emotionale und humorvolle Darbietung, die Themen wie Heimat, Fernweh und die Frage nach Zugehörigkeit aufnimmt und die über Länder und kulturelle Grenzen hinweg verbindet.

Beim Operndolmuş gibt es kein trennendes Podium, alle befinden sich in demselben Raum und die Grenze zwischen Künstler/innen und Publikum ist durchlässig. Vom Operndolmuş besucht werden Nachbarschaftshäuser, Bezirksbibliotheken, Stadtteilbüros und andere Orte, an denen nie zuvor eine Oper gastierte. Nach der Vorstellung bleiben Künstler/innen und Publikum ungezwungen beisammen und können sich über das Erlebte austauschen. Es ist ein schönes Gefühl, etwas so Tradiertes und Etabliertes wie „Oper“, was manch einem ja fast so etwas wie Ehrfrucht einflößt, mit dem Wort „Dolmuş“, was übersetzt so viel wie „voll“ heißt und auf die typischen Sammeltaxis in der Türkei anspielt, zu verbinden – und es dann mit Leben zu füllen.

© Robert Recker

Mit dem Operndomuş geht es für die Sänger direkt in die Kieze

Mit dem Operndomuş geht es für die Sänger direkt in die Kieze

Haben Sie nach fast 10 Jahren „Selam Opera!“ das Gefühl, dass die Oper in den Kiezen angekommen ist?

Akça: Sowohl mit der gezielten Erweiterung unseres Kinderchores mit Kindern, die nicht nur aus Haushalten kommen, in denen ein Klavier oder ein Flügel zur Einrichtung gehören, als auch mit unserem Operndolmuş, aber auch mit anderen Bemühungen im Rahmen von „Selam Opera! “ haben wir fast jeden Winkel Berlins und darüber hinaus erreicht. Beim Kinderchor sind wir anfänglich regelrecht von Bezirk zu Bezirk und von Tür zu Tür gegangen und haben Familien mit Kindern auf der Straße, Erwachsene in Supermärkten, Kneipen, Vereinen usw. angesprochen und sie auf unseren Kinderchor aufmerksam gemacht. Die Mühe hat sich gelohnt: Unser Kinderchor ist viel diverser, als er es vorher war.

Und mit unserem Operndolmuş haben wir mehr als 100 Orte angefahren. Wenn Sie in den Straßen Berlins unterwegs sind und nach der Komischen Oper fragen oder nach Oper generell, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das Wort „Operndolmuş“ fällt. Das alles spricht für sich, denke ich.

Welche Herzensprojekte möchten Sie mit „Selam Opera!“ noch verwirklichen?

Akça: Oh, eine Menge! Als ein gebürtiger Berliner Junge ist es mir wichtig, beinahe vergessene Postberliner Geschichten wieder aufleben zu lassen. Und als Gastarbeiterkind ist zum Beispiel die Geschichte der Gastarbeiter/innen-Generation, die vor über 60 Jahren angeworben wurde und zum Arbeiten kam, genug Geld verdienen wollte, um dann wieder in die Heimat zurückzukehren, ein äußerst bewegendes Thema. Und dann gibt es ja auch noch die unzähligen Geschichten derjenigen Türk/innen, die in der Vergangenheit und auch aktuell aus politischen Gründen ins Exil nach Deutschland gegangen sind wie z.B.: Cem Karaca, Selda Bağcan, Melike Demirağ, Bülent Ersoy und andere. Mir schweben darüber hinaus Kooperationsprojekte mit Opernhäusern in der Türkei vor. Die Liste an Ideen ist unendlich lang.

Was denken Sie: warum ist Musik besonders gut dazu geeignet, Menschen zu integrieren und zu einen?

Akça: Weil sie in der Lage ist, direkt die Gefühlsebenen anzusprechen, ohne dass man die Sprache verstehen und sprechen muss. Natürlich spielen unterschiedliche Hörgewohnheiten eine Rolle. Im Westen sind wir an bestimmte Klänge, Melodien und Instrumente gewöhnt und empfinden diese als angenehm und bewegend. Hören wir aber beispielsweise fernöstliche Klänge, lösen sie bisweilen Irritationen aus oder treffen womöglich sogar auf Unverständnis. Hier entsteht ein Bruch, der nichts mit Qualität, sondern schlicht und ergreifend mit Gewohnheiten zu tun hat, den man aber wiederum mit den unterschiedlichsten Mitteln überbrücken kann. Man muss nur darauf achten, dass der unmittelbare Zugang nicht verstellt ist.

Das Thema Rassismus ist derzeit aktuell wie nie. Wie stark sind Sie in Ihrem Alltag (oder auch bei Ihren Projekten) von Rassismus betroffen?

Akça: Dieses Thema ist für mich seit meiner Geburt in Berlin-Kreuzberg allgegenwärtig und, wenn wir realistisch sind, wird es auch ein Teil unseres Alltags und unseres Berufslebens bleiben, egal ob wir am Theater oder auf der Baustelle arbeiten. Ich versuche stets, die Dinge zu hinterfragen. Wenn in einer Operette aus dem 19. Jahrhundert oder vom Anfang des 20. Jahrhunderts von „Zigeunern“ die Rede ist (und in der Operette begegnet uns diese Bezeichnung oft, manche tragen ihn sogar im Titel!) müssen wir uns mit den verschiedenen, historisch bedingten Bedeutungsebenen von derlei Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Sichtweisen vergangener Zeiten kann man nicht einfach unkommentiert übernehmen. Man muss sich sehr genau damit auseinandersetzen und zu einem sehr bewussten künstlerischen Umgang damit finden. Dafür gibt es keine Patentlösungen. Selbstauferlegte Stückverbote helfen nicht weiter. Nur aus der Auseinandersetzung entsteht eine erweiterte Erkenntnis.

Wie sieht es momentan aus:  Macht der „Operndolmuş“ eine Corona-Pause oder gibt es ein Hygiene-Konzept?

Akça: Auch unser Operndolmuş mit unserem aktuellen Thema „Kesin Dönüş“, auf Deutsch „Rückkehr“, musste erst einmal pausieren.

© Piero Chiussi

Mit „Selam Opera!“ organisierte Mustafa Akça 32 Konzerte in Berliner Hinterhöfen

Mit „Selam Opera!“ organisierte Mustafa Akça 32 Konzerte in Berliner Hinterhöfen

Was machen Sie zurzeit? Gibt es „Corona-Projekte“?

Akça: Nach einer kurzen Phase der Orientierung haben wir unsere Köpfe zusammengesteckt und haben unter dem Titel „Komşu Dolmuş“, was übersetzt etwa „Voll mit Nachbar/innen“ bedeutet, ein ca. 25-minütiges Programm zusammengestellt. Die Stückwahl mit bekannten und noch zu entdeckenden Liedern und Arien aus Opern/Operetten haben wir so ausgesucht, dass sie die Entbehrungen der aktuellen Situation wie z. B.: Abstand, Nähe, Liebe, Reisen oder etwa den Friseurbesuch und andere Banalitäten des Alltags aufnimmt.

Wir sind mit zwei Sänger/innen, die fest in unserem Ensemble sind, und drei Musiker/innen aus unserem Orchester in Berliner Hinterhöfen aufgetreten. Das war für alle ein Erleben auf Abstand und doch ganz unmittelbar. Wir haben Briefe in die Briefkästen eingeworfen, um die Bewohner/innen von unserem Vorhaben zu informieren und sie aufzufordern, uns von ihrem eigenen Fenster oder Balkon aus zuzuhören und zuzuschauen. In den letzten drei Wochen vor der Sommerpause im Juli haben wir 32 Konzerte in ganz Berlin gespielt.

Wie waren die Reaktionen?

Akça: Die Resonanz war auf beiden Seiten sehr positiv. Auch für uns, die zum ersten Mal nach fast drei Monaten wieder „live und in Farbe“ vor Menschen auftreten durften, war es etwas sehr Besonderes. Vor einem echten Publikum singen und spielen zu dürfen und deren Reaktionen mitzuerleben, ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Erlebens von Musik und Theater.

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