Blickwinkel: Peter Gelb

„Es geht ums Überleben“

Schon vor Monaten hat die Metropolitan Opera in New York ihren Spielbetrieb eingestellt. Und es wird noch ein Jahr dauern, bis sie wieder öffnet. General Manager Peter Gelb berichtet, wie er das Haus ohne öffentliche Fördergelder durch die Krise manövriert.

© Brigitte Lacombe

Peter Gelb

Peter Gelb

Mr. Gelb, seit wann ist die Metropolitan Opera wegen Corona geschlossen?

Peter Gelb: Im März, als deutlich wurde, dass Zusammenkünfte in großen Sälen eine Gefahr für die Gesundheit der Besucher und unseres Personals darstellen, haben wir zusammen mit der Leitung der Carnegie Hall und des Lincoln Center den lokalen Regierungsvertretern erklärt, dass wir uns zu einem Shutdown entschlossen hätten. Noch am gleichen Tag gab der Regierungschef von New York bekannt, dass wir den Spielbetrieb einstellen sollten. Aber der erste Anstoß ging von uns aus.

Was tun Sie, um die Coronakrise zu überbrücken?

Gelb: Zuerst einmal haben wir auf die große Bibliothek mit audiovisuellen Mitschnitten unserer Aufführungen zurückgegriffen, die im Rahmen unserer Kino-Reihe „Met Live in HD“ entstanden sind, und einzelne Aufführungen online zur Verfügung gestellt. Die Reihe mit inzwischen 135 Teilen wurde vor 15 Jahren von mir initiiert, als ich General Manager der Metropolitan Oper wurde. Aber auch unsere historischen Fernsehaufzeichnungen haben wir als Stream angeboten. Von 1978 bis zu den frühen 2000er-Jahren sind rund hundert Mitschnitte entstanden. Einige habe ich sogar selbst produziert, als ich in den späten 1980er-Jahren die Medienabteilung der Met geleitet habe.

Die Metropolitan Oper ist ein Pionier in der Verwendung elektronischer Medien zur Verbreitung von Opernaufführungen. Ist sie damit für die Krise gut gewappnet?

Gelb: Schon seit den frühen Radioaufzeichnungen, die bis in die 1930er-Jahre zurückreichen, ist die Met international präsent. Das alles geschah nicht in Vorbereitung auf eine Pandemie, aber es hilft uns tatsächlich in dieser Situation, den Kontakt zu unserem Publikum weltweit nicht zu verlieren. Immerhin leben siebzig Prozent der Zuschauer, die Met-Aufführungen im Kino sehen, außerhalb der USA.

Es gab aber noch weitere Initiativen während des Shutdowns …

Gelb: Im April produzierten wir unsere „At-Home Gala“, auf der sich über 40 Sängerinnen und Sänger von Zuhause per Skype an einer Live-Aufführung beteiligten. 750.000 Zuschauer nahmen an diesem Event auf der Met-Website teil. Im Vergleich: Unsere Kino-Live-Streams wurden bisher von rund 15 Millionen Menschen gesehen.

Welche Rolle spielt dieser große mediale Erfolg generell für das Opernhaus und die Aufführungen vor Ort?

Gelb: Er ist enorm wichtig, weil wir von staatlicher Seite keine Unterstützung erhalten und auf private Sponsoren angewiesen sind. Durch unser Streaming-Angebot und die „At-Home Gala“ konnten wir – obwohl wir im Frühjahr den Spielbetrieb eingestellt und achteinhalb Wochen unserer Spielzeit verloren haben – die Summe unserer Förderer noch steigern und 30.000 neue Sponsoren weltweit gewinnen, die es sehr zu schätzen wissen, dass wir diese Inhalte kostenlos anbieten.

Im Juli ist dann die neue kostenpflichtige Online-Reihe „Met Stars Live in Concert“ angelaufen, die alle 14 Tage an unterschiedlichen Schauplätzen einer Sängerin, einem Sänger oder Sängerduo gewidmet ist …

Gelb: Das ist unser Versuch, noch einen Schritt weiter zu gehen und diese Aufführungen als Unterstützung für unsere Künstler und das Opernhaus zu monetisieren.

Ist die Produktion einer solchen Reihe in Zeiten von Corona nicht schwierig?

Gelb: Die Produktionsbedingungen sind jedenfalls sehr ungewöhnlich. Wenn wir unser Telefongespräch beendet haben, werde ich mich sofort ins Studio begeben, wo wir unsere nächste Aufführung produzieren. Ich bin ja nicht nur General Manager des Hauses, sondern produziere auch unsere Medien-Events. Zusammen mit unserem Regisseur Gary Halvorson werde ich von New York City aus eine Produktion mit Joyce DiDonato in der Jahrhunderthalle in Bochum leiten – auch das Kamerateam befindet sich 3.000 Meilen entfernt von uns in Deutschland.

Wie haben Sie die Auftrittsorte der Künstler ausgewählt?

Gelb: Es sind Lokalitäten in der Nähe jener Orte, an denen sich die Künstler gerade aufhalten, weil Reisen ja immer noch schwierig ist. Ursprünglich wollten wir das Programm mit Joyce DiDonato in Barcelona aufzeichnen, wo die Sängerin derzeit lebt. Weil Barcelona aber ein Covid-19-Hotspot wurde und das deutsche Kamerateam nicht einreisen konnte, nahmen wir Antwerpen ins Visier. Dann brach auch dort Corona aus, so dass wir schließlich in der wunderbaren Jahrhunderthalle in Bochum gelandet sind.

Mit welcher Perspektive schauen Sie in die Zukunft?

Gelb: Normalerweise hätten wir Ende September unsere neue Spielzeit eröffnet. Doch schon vor Monaten teilte man uns mit, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs vor Ende Dezember unmöglich sei. Jetzt hat man die Wiedereröffnung sogar auf September 2021 verschoben. Die Art wie wir in den USA mit der Gesundheitskrise umgehen, unterscheidet sich stark von der Vorgehensweise in Deutschland. Weil klare Ansagen von Oben fehlen, sind die Zustände desaströs. Die Stadt New York, die ursprünglich das Epizentrum der Krise war, befindet sich inzwischen zwar wieder einigermaßen unter Kontrolle. Aber unsere lokalen Behörden sind sehr besorgt, ob das auch so bleibt. Daher sind Zusammenkünfte von maximal 50 Menschen erlaubt. Als die diesjährige US-Tennis-Saison eröffnet wurde, befanden sich keine Zuschauer im Stadion.

In Deutschland sind die Opernhäuser ja bereits wieder geöffnet – für eine beschränkte Anzahl von Besuchern …

Gelb: Selbst wenn das bei uns erlaubt wäre, würden wir es nicht tun, weil die wirtschaftliche Situation es uns nicht erlaubt. In Deutschland werden die Opernbetriebe staatlich subventioniert, daher können auch Aufführungen mit kleinem Publikum und entsprechenden Sicherheitsabständen im Saal stattfinden. In den USA ist das nicht der Fall. Wir müssen eine große Anzahl unserer 3.800 Plätze füllen, um ausreichende Einnahmen zu generieren. Und auch für die Wiedereröffnung müssen wir eine wirtschaftliche Lösung finden, denn wir glauben nicht, dass das Publikum sofort zurückkehren wird.

Wie groß ist der finanzielle Verlust durch den Shutdown?

Gelb: Bisher haben wir etwa 100 Millionen Dollar verloren. Aber wir haben auch viele Mitarbeiter in Zwangsurlaub geschickt. Seit Ende März haben die Orchestermusiker und Chorsänger kein Geld mehr von uns erhalten, wir bezahlen nur noch die Krankenversicherung. Damit sind unsere Kosten gesunken. Andererseits sind – wie gesagt – die Spenden gestiegen. Trotz des großen Verlustes konnten wir die letzte Spielzeit mit einem ausgeglichenen Haushalt beenden. Aber wenn wir nach vorne schauen, gibt es viel Ungewissheit. Wir starten ohne Aufführungen in die neue Saison und wissen nicht, mit welchen Zuwendungen vonseiten der Sponsoren wir rechnen können. Daher müssen wird unsere Anstrengungen verstärken, das Publikum weltweit mit unseren medialen Aktivitäten zu erreichen.

Haben Sie keine Angst, dass die Menschen sich an den medialen Konsum von Musik gewöhnen und dann nicht mehr in die Oper gehen?

Gelb: Was wir momentan anbieten, ist eine temporäre Lösung, aber keine dauerhafte Alternative. Darsteller erreichen ihre größte Leistung, wenn sie die Anwesenheit des Publikums spüren, und auch das Publikum sucht die Verbindung mit den Menschen auf der Bühne. Ich habe mein Leben lang im musikalisch-künstlerischen Bereich gearbeitet und die Mittel des Fernsehens oder Radios genutzt, um die größtmögliche Anzahl von Zuschauern oder Zuhörern mit dem Künstler zu verbinden. Aber die fundamentale Basis dieser Verbindung ist die Anwesenheit von Künstler und Publikum im selben Raum. Auch die „Met Live in HD“-Reihe ist deshalb so erfolgreich, weil das Publikum im Kino die Erfahrung mit dem Publikum in der Metropolitan Opera teilt. Würden wir das Ganze mit einem leeren Zuschauersaal aufzeichnen, wäre das nicht das Gleiche. Die Pandemie ist ein Test für Opernhäuser, den momentanen Herausforderungen mit Einfallsreichtum zu begegnen. Dabei geht es ums Überleben und nicht um Alternativen für die Zukunft. Aber ich bin sicher: Was wir aus dem Umgang mit der Krise gelernt haben, wird zum Bestandteil unserer künstlerischen DNA.

Das heißt, die Met nach Corona wird nicht mehr die gleiche sein?

Gelb: Ich glaube tatsächlich, dass unser Programm nach der Wiedereröffnung mutiger werden sollte, dass wir neuere Werke spielen und Kompositionsaufträge vergeben müssen, um auch jüngere Besucher anzusprechen. Interessanterweise waren die beiden großen Kassenschlager der letzten Saison „Akhnaten“ von Philip Glass und George Gershwins „Porgy and Bess“. Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen, was zeigt, dass die Met sich bereits stark verändert hat. Wir müssen fortschrittlich denken und uns neu ausrichten.

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