Blickwinkel: Regina Lux-Hahn und Matthias Schulz

„Wir hoffen auf viele Nachahmer!“

Das Kinderopernhaus der Staatsoper Unter den Linden wird zehn Jahre alt und erhielt in diesem Jahr den OPUS KLASSIK in der Kategorie „Nachwuchsförderung“. Ein Gespräch mit Initiatorin Regina Lux-Hahn und Staatsopern-Intendant Matthias Schulz.

© Pascal Bünning

Das Kinderopernhaus Unter den Linden inszeniert „Die Liebe zu den drei Orangen“

Das Kinderopernhaus Unter den Linden inszeniert „Die Liebe zu den drei Orangen“

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum des Kinderopernhauses und zum OPUS für das beste Musikvermittlungsprojekt 2020. Was macht das Kinderopernhaus so besonders?

Regina Lux-Hahn: Das Besondere ist die Nachhaltigkeit. Kinder machen bei uns nicht nur einen Ferienworkshop oder einmal ein Projekt. Wir arbeiten langfristig mit opernbegeisterten Kindern, die wir in allen 3. Jahrgängen unserer Kooperationsschulen erreichen. Egal, ob die Eltern ein Abo haben oder nicht wissen, was eine Oper ist: Die Kinder, die interessiert sind, gehen ins Kinderopernhaus – aus eigenem Interesse. Hier sind die Angebote so ausgerichtet, dass sie ohne Helikopter-Eltern daran teilnehmen können. Das ist sehr wichtig. Wir machen kein Casting, kein Vorsingen. Nur die Motivation und die Verbindlichkeit der Kinder zählt. Mit 13 Jahren können sie an den weiterführenden Projekten der Jungen Staatsoper teilnehmen.

Was für einen nachhaltigen Effekt hat denn die Opernbegeisterung der Kinder genau?

Lux-Hahn: Wir wecken nicht nur die Opernbegeisterung von Kindern und Jugendlichen, sondern erreichen viele Familien außerhalb des etablierten Publikums. Vom Projektfonds „Kulturelle Bildung“ werden wir auch dafür mitgetragen, die Oper an die Ränder Berlins nach Marzahn, Treptow-Köpenick und Reinickendorf zu bringen. So werden Schwellenängste abgebaut.

Herr Schulz, was ist Ihnen als Intendant wichtig am Kinderopernhaus?

Matthias Schulz: Mich begeistert daran, dass Kinder selber Oper machen. Die Beteiligten singen, schauspielern, sie arbeiten am Stück mit und dürfen auch kleine Regisseurinnen und Regisseure sein. Und das passiert in den Kiezen von Berlin. Der Erweiterungsprozess aus Lichtenberg heraus war mir sehr wichtig. Dabei und bei unserem zweiten großen Leuchtturmprojekt, dem Opernkinderorchester, ist die Anbindung an die Staatsoper entscheidend. Es ist keine Education-Arbeit, die ergebnisoffen ist. An einem bestimmten Punkt, nämlich zur Premiere, muss ein gewisses Niveau erreicht sein. Wir haben am Haus auch die reinen Mitmachprojekte ohne diesen Anspruch. In diesen Projekten ist das ausdrücklich anders und da möchte ich persönlich ein Zeichen setzen.

Wie profitiert das traditionelle Opernpublikum vom Kinderopernhaus?

Schulz: Das ist wie ein frischer Wind, der durch das Haus weht. Davon werden auch die Mitarbeiter einschließlich des Intendanten berührt! Es klingt abgedroschen, aber tatsächlich vergrößert sich die Familie der Staatsoper. Die Familien der beteiligten Kinder sitzen bei den Aufführungen ja immer mit im Saal. Die Vorstellungen sind immer ausverkauft. Wir müssen viel mehr Termine anbieten, damit noch mehr Menschen sehen, wie ernsthaft die Kinder bei der Sache sind.

© Markus Nass

Matthias Schulz und Regina Lux-Hahn bei der Verleihung des OPUS KLASSIK 2020 in Berlin

Matthias Schulz und Regina Lux-Hahn bei der Verleihung des OPUS KLASSIK 2020 in Berlin

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert?

Lux-Hahn: Ich habe vor zehn Jahren gesehen, das klassische Musik und Oper im Alltag von Kindern überhaupt keine Rolle mehr spielen. Das wollte ich ändern. Damals als Regionalmanagerin des Caritasverbands hatte ich die Möglichkeit, Brücken zu bauen. Dadurch, dass das Kinderopernhaus unter der neuen Intendanz fest an die Staatsoper Unter den Linden angebunden ist, haben meine Ambitionen eine neue Dimension erfahren. Der Name der Staatsoper hat eine große Zugkraft. Davon profitieren wir bis in die Peripherie der Stadt.

Schulz: Wir haben die große Verantwortung, Impulse zu setzen. Wir bieten etwas an, das die Kinder des Alltags enthebt. Wir können nicht ersetzen, was in den anderen Bildungsinstitutionen fehlt. So wie Frau Lux-Hahn brauchen wir Menschen, die Kinder und Erwachsene im besten Sinne an den Ohren packen und ihre Begeisterung teilen. Es ist wichtig, dass die Vermittler gut bezahlt und fest angestellt sind. Da suchen wir den Schulterschluss mit der Politik und gehen als gutes Beispiel voran.

Was muss noch passieren, um diverses Publikum in die Oper zu locken?

Schulz: Unsere Kunst sollte wieder als etwas Selbstverständliches wahrgenommen werden und nicht als abgehobene „Hochkultur“. Dabei kann uns das Kinderopernhaus helfen. Wir hoffen auf viele Nachahmer, denn es gibt ja nichts Besseres als Kinder, die als Anwälte für die Sache auf der Bühne stehen.

Lux-Hahn: Wir reden nicht über die großen Stars der Klassik, wir reden über Bildung. Wir profitieren hier in Berlin davon, dass die Kulturpolitik unser Anliegen mittlerweile kontinuierlich und nicht nur projektweise unterstützt. Das ist in Deutschland in dieser Form einmalig – aber es könnte in jeder Stadt sein! Es gibt ja vielerorts Theater, Schulen und Sponsoren. Zurzeit bereiten die Kinder Wagners „Lohengrin“ vor. Sie lernen die Sage kennen, diese unfassbare Musik. Das alles ergreift die Kinder. Ich bin sehr dankbar, so arbeiten zu können und freue mich auf viele Aufführungen im Mai 2021.

Auch interessant

Nominiert zum „Publikum des Jahres 2020“: Komische Oper Berlin

Erst wieder öffnen, dann wieder schließen

Die Besucher der Komischen Oper Berlin sind nominiert für das „Publikum des Jahres 2020“. weiter

Livestream Sonderkonzert

Benefizkonzert unter den Linden

Am 15. November um 15 Uhr machen die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim mit einem Sinfoniekonzert insbesondere auf die schwierige Situation von freischaffenden Kollegen aufmerksam und rufen zu deren Unterstützung auf mittels Spenden an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung. weiter

Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – Die Großherzogin von Gerolstein

Kein nymphomanes Dummchen!

(Berlin, 31.10.2020) Barrie Kosky verzichtet in seiner Inszenierung von „Die Großherzogin von Gerolstein“ an der Komischen Oper Berlin auf Corona-Seufzer und wendet den für die Theaterkultur eingesetzten Begriff „Freizeitindustrie“ ins Visionäre. weiter

Kommentare sind geschlossen.