Blind gehört Fauré Quartett

„Das hört sich ein bisschen ungeplant an“

Sascha Frömbling und Konstantin Heidrich vom Fauré Quartett hören und kommentieren CDs, ohne dass sie erfahren, wer spielt

© Mat Hennek

Fauré Quartett

Fauré Quartett

Es gibt einige gute Klaviertrios und viele gute Streichquartette, aber wohl nur ein Weltklasse-Klavierquartett: das Fauré Quartett, das 1995 von vier Studenten der Musikhochschule Karlsruhe gegründet wurde und seit langem in Berlin beheimatet ist. Zwei von ihnen wagten sich ans CD-Hören: der Bratscher Sascha Frömbling und der Cellist Konstantin Heidrich. Angespielt wurde jeweils der erste Satz.

Fauré: Klavierquartett Nr. 1 c-Moll op. 15

Trio Wanderer, Antoine Tamestit (Viola)

2008. harmonia mundi

SF: Dieser Quintfall über die Saite hier am Anfang und dann der Saitenwechsel, das ist sehr undankbar und gerät sehr leicht ein bisschen zackig. Das war hier nicht schlecht, aber auch nicht optimal. KH: Das sind definitiv nicht wir. Wir spielen es freier, mit etwas mehr Rubato. SF: Ich würde mich sogar dazu versteigen zu sagen, dass wir es französischer spielen – ein bisschen luftiger, biegsamer, flexibler. KH: Ich höre vier ziemlich gute Spieler, aber ich höre sie getrennt. Das kann an der Aufnahme liegen, aber auch daran, dass es kein festes Quartett ist. Und es ist alles sehr gerade gespielt. SF: Aber zum Glück nicht so schnell, wie man den Satz sonst häufig hört. Das ist ein Allegro molto moderato, und viele gehen da zu schnell durch. (4. Satz) SF: Hier sind die Sechzehntel sehr gut zu hören. Normalerweise hört man nur: Bom bom bom. Und hier: Dade dade dade. KH: Jetzt war einiges nicht so richtig supergut zusammen. Das kann aber daran liegen, dass ihnen das nicht so wichtig war. Vielleicht ging es ihnen mehr um den Schwung. Es ist ganz schön schnell. SF: Das Vibrato der Streicher ist nicht aufeinander abgestimmt, das hört sich für mich ein bisschen ungeplant an. KH: Schön klar hier in der Geige… SF: Gerade dieses c-Moll-Quartett ist ein so rundes, perfektes Stück! Fauré ist jede Saison bei uns auf dem Pult, auch weil er von den Veranstaltern unseres Namens wegen immer gewünscht wird. Und wir merken, dass es überhaupt keine Abnutzungserscheinungen gibt. Andere Stücke lassen wir immer mal ein, zwei Jahre liegen. Ich höre dieser Aufnahme eigentlich gerne zu. Vielleicht ist es mir nicht farbenreich genug, und einige Übergänge würde ich gern ein bisschen mehr ausgekostet wissen. Aber ich hab‘s auch schon richtig „preußisch“ gehört. Das ist das Trio Wanderer mit Tamestit? Sind das nicht sogar Franzosen? KH: So ein Konzert- oder Aufnahmeprojekt zu machen ist etwas anderes, als wenn man ein Stück zu viert allmählich in Fleisch und Blut übergehen lässt. Ein Rubato zu viert bildet sich erst über die Jahre. SF: Unser Ansinnen ist, dass wir uns dem Klavierquartett genauso widmen, wie es Streichquartette mit ihrem Repertoire tun. Gern werden auf Festivals Solisten zu einem Klavierquartett zusammengesetzt, und das hat natürlich seinen Reiz, der Spaßfaktor ist hoch. Aber man hört einfach, ob die Streicher mit der gleichen Bogengeschwindigkeit ziehen, ob das Vibrato abgestimmt ist, ob der Pianist in einem streicherischen Sinne spielt und ob die Streicher berücksichtigen, das sie mit einem Klavier spielen – das ist technisch eine andere Herangehensweise. Der Pianist bringt durch die Hammerwirkung immer einen gewissen konkreten Klang mit, gerade in einem größeren Saal, da muss man auch als Streicher einen sehr viel konkreteren Ansatz haben. Dieses Aufeinanderzubewegen zweier Gruppen, die ja eigentlich gar nicht zusammenpassen, Streicher und Klavier, ist eine Arbeit, die viel Zeit braucht. Aber das ist auch ein großer Reiz und kann viel Spaß machen.

Mozart: Klavierquartett Es-Dur KV 493

Pinchas Zukerman (Violine), Jethro Marks (Viola),
Amanda Forsyth (Violoncello), Yefim Bronfman (Klavier)

2008. RCA Red Seal

KH: Wenn ich das Stück nicht kennen würde, würde ich vom Klang her denken, das muss Romantik sein, aber von der musikalischen Sprache her muss es Klassik sein. Wieso spielen die es so? Es ist ziemlich langsam. SF: Feierlich verdrossen, um Thomas Kakuska vom Alban-Berg-Quartett zu zitieren. Da fehlt der Schwung. KH: Sie spielen es mit viel Handgelenks- statt Armvibrato. Da haben wir für uns andere ästhetische Vorstellungen entwickelt. SF: Irgendwie ist das hier eine totale Negierung all dessen, worüber man in den letzten Jahrzehnten viel nachgedacht hat. Wir spielen zwar auch nicht auf Barockinstrumenten. Aber wir haben uns ästhetische Gedanken gemacht. Und das hier ist eine völlig andere Schiene… KH: Mozart zu spielen ist für den Ensembleklang enorm wichtig, weil Klavier und Streicher miteinander abwechseln, und beides muss einen Bezug zueinander haben. SF: Das Klavier muss mehr wie die Streicher spielen, die Streicher wie das Klavier. KH: Bei Mozart ist es oft so: Es gibt faule Bässe, und dann kommen zwei, drei sehr schwere Takte. SF: Aber man merkt, ob es auch faul gespielt wird. Auch in den scheinbar unbedeutende Nebenstimmen ist so viel Seele enthalten, dass sie große Mitverantwortung haben, wie die Hauptstimme rüberkommt. Man kann hier die Bratschen- und Cellostimmen runterspielen, oder man kann auch mit wenig Material versuchen, viel auszudrücken.

Juon: Rhapsodie op. 37

Ames Piano Quartet

2000. Dorian Recordings

KH: Ein tolles Stück! Das ist Paul Juon? Der Russe, der so französisch klingt. SF: Aber die russischen Anklänge hört man schon. KH: Das müssen wir unbedingt mal spielen, oder? SF: Unbedingt. KH: Da sind wir sehr dankbar und können auch gar nichts weiter dazu sagen. (Lachen) SF: Ob es genug Repertoire fürs Klavierquartett gibt? Es gibt schon ein paar hundert Werke. Brahms hat drei Klavierquartette geschrieben, Dvořák zwei, Mendelssohn gleich vier, und danach landet man sehr schnell bei Komponisten, die man kammermusikalisch nicht so kennt wie Richard Strauss, William Walton, Turina, Josef Suk. Das op. 1 von Suk zum Beispiel ist einfach ein geiles Stück, das macht einen Heidenspaß zu spielen. Und bei Leuten wie Rheinberger oder Raff gibt es erst Recht viel Material – mal erste, mal zweite Liga… Natürlich steht das Streichquartett als Gattung im Vordergrund. Aber wir sind viel variabler, ein Klavierquartett umfasst ja auch das Streichtrio, das Klaviertrio in verschiedenen Besetzungen, das Klavier allein – und wir haben einen sinfonischen Klang, unser Klang kann viel voluminöser werden als der eines Streichquartetts. KH: Und wenn ich die Literatur vergleiche, muss ich sagen, dass ich als Cellist beim Klavierquartett gut bedacht bin. Ich kann viele Aufgaben übernehmen: Bass, Mittelstimme, als Teil des Streichtrios, im Duo, als Solist – es gibt alles. SF: Vielleicht sind die vier Stimmen ab der Romantik sogar gleichberechtigter im Klavier- als im Streichquartett.

Schumann: Klavierquintett Es-Dur op. 44

Delian Quartett
Igor Kamenz (Klavier)

2007. Oehms

KH: Das ist ein Streichquartett plus Klavier, würde ich tippen. Die Streicher haben eine gemeinsame Ästhetik. Das ist nicht unbedingt mein Geschmack, es ist auch wieder ziemlich nachgedrückt, aber in sich stimmig. Sie nehmen die schnellen Teile sehr schnell, die langsamen sehr langsam, das machen wir nicht so. SF: Schumann kommt hier wahnsinnig alt rüber. KH: Es ist so mit Absicht verträumt. Nicht aus dem Moment heraus entstanden, sondern: Wir machen‘s jetzt verträumt. SF: Mit all den Stereotypen, wie man Schumann eben so spielt. Was sie sagen wollen, scheint mir wie mit dem Schild hoch gehalten, aber nicht von innen heraus empfunden. KH: Was nicht heißen muss, dass es so ist. SF: Stimmt, aber es ist zu deutlich gezeigt. KH: Das liegt viel am Pianisten, wie er die Übergänge langsam macht. SF: Aber jetzt übergeben ihm die Streicher das ganze mit einem wahnsinnigen Rubato… KH: Aber das Quartett hat schon Pepp. … Naja, jetzt wird’s wieder langsam. Der Satz kommt nicht richtig ins Rollen.

Strauss: Klavierquartett op. 13

Mozart Piano Quartet
(Mark Gothoni, Hartmut Rohde, Peter Hörr, Paul Rivinius)

2005. MDG

SF: Hast du schon einen Verdacht? KH: Ich dachte zuerst, das sei das Mozart Piano Quartet mit deinem Lehrer Hartmut Rohde. SF: Das ist auch mein Verdacht. Es ist ziemlich homogen, kein Ad-hoc-Ensemble, gut aufeinander abgestimmt, logische Übergänge. KH: Dieses oder jenes Portamento ist vielleicht etwas dick aufgetragen, aber das ist absolut Geschmacksache… Schöne Ausklänge. SF: Das ist das farbenreichste Quartett heute. KH: Hier und da ist es mir etwas zu flüchtig. Aber gut empfunden, und das macht es dann überzeugend. Und ziemlich gut aufgenommen, schöner Klang. Das werden wir auch noch aufnehmen, das haben wir fest vor. SF: Allein wegen dieses zweiten Themas, das jetzt kommt, muss man das Stück spielen. Es ist wirklich ein schönes Stück, ein typischer Strauss. KH: Ein frühes Stück, aber es ist toll, was da schon alles drinsteckt.

Termine

Sonntag, 24.01.2021 17:00 Uhr Museum Kunstpalast Düsseldorf

Unerfüllte Liebe

Annette Dasch (Sopran), Fauré Quartett

Mittwoch, 27.01.2021 15:00 Uhr Mozart-Wohnhaus Salzburg
Donnerstag, 28.01.2021 20:00 Uhr Theater in Kempten

Fauré Quartett, Hans Piesbergen, Anna Schimrigk

Fauré: Klavierquartett Nr. 1 c-Moll op. 15, Chausson: Poême op. 25, Werke von Duvernoy, Viardot & C. Schumann, Turgenjew: Das Lied der triumphierenden Liebe

Samstag, 20.02.2021 20:00 Uhr Nikolaisaal Potsdam

Annette Dasch, Fauré Quartett

Werke von Debussy, R. Strauss, Lehár u. a.

Dienstag, 13.04.2021 20:00 Uhr Konzerthaus Berlin

Fauré Quartett

Fauré: Klavierquartett c-Moll op. 15 , Werke von Mahler, Mozart, Kirchner, Brahms, Schumann und Mussorgsky

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