Interview Steven Sloane

„Ich bin und bleibe ein Bochumer“

Steven Sloane war den Bochumer Symphonikern fast drei Jahrzehnte lang treu. Zur kommenden Spielzeit wechselt der Dirigent nach Jerusalem.

© Marcus Witte

Steven Sloane

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Ursprünglich war das Gespräch in der Universität der Künste in Berlin geplant, wo Steven Sloane Dirigier-Professor ist. Dann jedoch schwenkt der US-Amerikaner auf seine Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße des Ku’damms um. Das sei doch viel angenehmer.

Fast die Hälfte Ihres Lebens haben Sie mit den Bochumer Symphonikern verbracht. Wie fühlt sich das an?

Steven Sloane: Es ist ein Privileg. Die Möglichkeit, als Musiker und Künstler mit solch einem Klangkörper so lange kontinuierlich arbeiten zu können, ist eine große Ehre. Mein erstes Dirigat bei den Bochumer Symphonikern war ja bereits 1986, also vor 34 Jahren. Damals war ich als Gast in Bochum, und von Anfang an gab es da eine besondere Beziehung zu diesem Orchester. Mit der Stelle als Generalmusikdirektor war dann die Verantwortung für den gesamten Orchesterbetrieb verbunden, für die künstlerische Seite ebenso wie für die Finanzen. Das war eine unglaubliche Herausforderung für einen jungen Dirigenten, aber auch die Chance, zu lernen und zu gestalten.

34 gemeinsame Jahre – für einen international tätigen Dirigenten ist das ziemlich exotisch.

Sloane: Das mag sein, aber in erster Linie ist es ein Glück. Ich fühlte mich im Orchester und in der Stadt von Beginn an willkommen und bin und bleibe ein Bochumer. Aber natürlich gab es noch weitere gute Gründe: Zum einen die fantastische Entwicklung des Orchesters, das sein Repertoire wie auch seine Spielkultur enorm verbessern und erweitern konnte. Und zum anderen der langjährige gemeinsame Kampf für ein neues Konzerthaus in Bochum.

Sie meinen das Anneliese Brost Musikforum Ruhr, das im Oktober 2016 eröffnete.

Sloane: Genau. Etwa zwanzig Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zum Abschluss der Bauarbeiten und schließlich der Eröffnung. In den ersten Jahren ging es uns in Bochum um die qualitative Entwicklung des Orchesters und den Ausbau der Zuhörerzahl. Ich war davon überzeugt, dass wir aktiv an unser Publikum herantreten mussten, um Erfolg zu haben. Dabei war es sogar von Vorteil, dass wir ohne feste Spielstätte an bis zu 18 verschiedenen Orten in der Stadt spielten, also auch überall präsent waren. Auf der anderen Seite war das Orchester seit seiner Gründung 1919 sozusagen heimatlos. Als wir Ende der Neunzigerjahre mit unseren Anstrengungen begannen, mussten wir viele Rückschläge hinnehmen. Verschiedene Standorte wurden ebenso geprüft und wieder verworfen wie Architektenentwürfe, und immer endeten die Planungen und damit unsere Hoffnungen damit, dass das Haus nicht finanzierbar sei.

Ziemlich zermürbend. Wie ging es weiter?

Sloane: Irgendwann, als das Projekt wieder einmal endgültig gescheitert schien, habe ich mit unserem Freundeskreis ein Nottreffen arrangiert: Wir nahmen das Projekt selbst in die Hand und riefen eine Bürgerinitiative ins Leben. Am Tag der Gründung kamen durch Privatgelder bereits 80.000 Euro zusammen – das war sehr ermutigend. Und schließlich überraschte uns Norman Faber, der Gründer des Lotterieunternehmens Faber, mit einer unglaublichen Zuwendung. Er stellte uns eine Impulsspende von fünf Millionen Euro in Aussicht, allerdings unter drei Bedingungen: Die Stadt sollte die Anschubfinanzierung annehmen und den Bau offiziell beschließen, das Haus sollte in der Innenstadt gebaut werden, und – für uns am schwierigsten – wir sollten innerhalb weniger Monate weitere zwei Millionen Euro Spenden aus privater Hand sammeln.

Einige Tage später gaben wir eine Pressekonferenz, die wie eine Bombe einschlug. Das war der Start unserer Stiftung, mit der wir dann die Gelder einwarben, einerseits über die Ansprache weiterer großer Spender, andererseits aber auch über Aktionen, die ich ein wenig von Barack Obamas Wahlkampf und seiner 1-Dollar-Spendenaktion abgeschaut hatte. Wir schafften nicht nur die 2 Millionen: Am Ende konnten wir über 20.000 Menschen überzeugen und begeistern. Bis 2009 kamen insgesamt zwölf Millionen Euro zusammen. Dann kam der Nothaushalt und die Stadt konnte ihre geplanten 15 Millionen Euro nicht beisteuern. Das Projekt war tot.

© Christoph Fein

Steven Sloane

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Wie kam es dennoch zum Bau?

Sloane: Nach all diesen Anstrengungen sollte Schluss sein, so viele Hoffnungen enttäuscht? Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Wir haben ein neues Konzept erdacht: Kein solitäres Konzerthaus mehr, sondern ein Musikzentrum für Bochum, das die vom Abriss bedrohte Marienkirche im Herzen der Stadt ebenso involvierte wie die Bedürfnisse der Musikschule, die auch ständig nach Räumen suchte. Und dann hatten wir wieder ein wenig Glück, mit der neuen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Drei Tage nach ihrer Vereidigung hatten wir nämlich den „Day of Song“ als Teil eines Kulturhauptstadt-Projekts. Im ganzen Ruhrgebiet gab es Konzerte, in der Gelsenkirchener Schalke-Arena waren allein 65.000 Besucher. Beim anschließenden Empfang konnte ich Frau Kraft von unserem Projekt erzählen – und knapp drei Monate später konnte dank neuer Impulse aus dem Land die Finanzierung doch noch realisiert werden. Heute können wir zu Recht stolz sein, denn das Musik-forum ist ein Riesenerfolg und hat das kulturelle Leben der Stadt bereichert.

Was für ein Marathon!

Sloane: Ich dachte immer, dass ich im Hauptberuf Musiker sei, aber mittlerweile fühle ich mich auch wie ein semi-semi-professioneller Architekt und Fundraiser! Zurück zu Ihrer Frage: Tatsächlich braucht es Durchhaltevermögen. Aber das gilt ja für vieles, und ich denke, es gehörte schlicht zu meiner Verantwortung als GMD dieses Orchesters. Davon abgesehen kann niemand so ein Projekt alleine schaffen, es war eine gemeinsame Aufgabe. Orchester, Stiftung, Freundeskreis, Politiker, die Bochumer Bürger: Sie alle zusammen haben das mitgetragen.

Und nun gehen Sie nach Israel, zum Jerusalem Symphony Orchestra. Das Orchester ist nicht neu für Sie.

Sloane: Nein, wir sind „alte Bekannte“, denn ich habe immerhin zehn Jahre in Israel gelebt und gearbeitet. Die musikalische Kultur des Landes ist hoch entwickelt, viele junge Musiker haben in Europa und speziell in Deutschland studiert und sind nach Israel zurückgekehrt. Jerusalem als Hauptstadt hat einen besonderen Status inne, insofern kommt dem JSO eine wichtige Rolle zu. Die Stadt hat fast eine Million Einwohner, davon sind ein Drittel Araber, ein Drittel orthodox-religiöse und ein Drittel säkularisierte Juden.

In meinem ersten Jahr werde ich ein interkulturelles Projekt angehen. Es ist kein politisches Projekt, sondern hat einen geistlichen Hintergrund. Es trägt den Titel „Psalmen“, „Tehilim“ auf Hebräisch, „Zabur“ auf Arabisch, denn das Buch der Psalmen ist auch im Islam heilig. Es wird ein dreiwöchiges Festival geben, das ganz Jerusalem einbezieht, also auch die arabische Gemeinde. Wir gehen in die Altstadt und werden in Kirchen und verschiedenen historischen Gebäuden spielen. Ich denke, das JSO sollte auch über den Westteil der Stadt hinausdenken und das Orchester der ganzen Stadt sein.

Werden Sie auch Auftragswerke an israelische Komponisten vergeben?

Sloane: Definitiv. Schon beim Eröffnungskonzert der Saison werden wir zwei Uraufführungen spielen. Ich möchte auch neue Reihen ins Leben rufen, um eine Zuhörerschaft zu erreichen, die sich bisher nicht für das klassische Musikgeschehen begeistern konnte. Es steht eine Menge Arbeit an: Ich bin Professor an der Universität der Künste in Berlin, Erster Gastdirigent und Künstlerischer Berater der Oper Malmö, außerdem noch eineinhalb Jahre Intendant beim Musikforum in Bochum und Designierter Musikdirektor des JSO.

Und Sie haben vier Kinder.

Sloane: Nun, meine beiden Söhne sind bereits erwachsen. Meine ältere Tochter wohnt in Bochum, die Kleinste ist knapp drei Jahre alt. Meine Frau ist Opernregisseurin und wir werden noch besprechen, wie wir unser wundervolles und komplexes Leben in Hinblick auf den Wechsel arrangieren. Wir werden sicher einen Weg finden – vor Großprojekten habe ich keine Angst (lacht).

CD-Tipp

Joseph Marx: Orchesterlieder

Angela Maria Blasi (Sopran)
Stella Doufexis (Mezzosopran)
Bochumer Symphoniker
Steven Sloane (Leitung)
Naxos

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