Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Fausts Verdammnis

Anti-Oper eines fernen 19. Jahrhunderts

(Berlin, 23.2.2014) Berlioz’ Fausts Verdammnis wird in der Deutschen Oper Berlin maßvoll in Szene gesetzt

© Bettina Stöss

Klaus Florian Vogt (Faust)

Wo sollte eine Aufführung von Hector Berlioz’ „Dramatischer Legende in vier Teilen“ heute in Deutschland stattfinden, wenn nicht in Berlin und dort in der Deutschen Oper? In der Hauptstadt hat man das eigentümliche Stück offenbar schon immer mehr zu schätzen gewusst als anderswo. Noch bevor selbst die französische Musikwelt Mitte des 19. Jahrhunderts ahnte, wie sehr in Fausts Verdammnis (La damnation de Faust) der Keim zu einer neuen, originellen Musiktheater-Sprache hätte liegen können (die nach Berlioz’ Lebzeiten kaum je fruchtbar genutzt wurde), hatte es 1847 bereits Vorstellungen in Berlin gegeben, kurz nach der Uraufführung in Paris. An der Deutschen Oper war das selten und angesichts der zunehmend tumben Verdi-Wagner-Puccini-Mozart-Dominanz heutzutage noch seltener gespielte Stück zuletzt 1983 von Götz Friedrich neu inszeniert worden.

In der Ägide des Intendanten Dietmar Schwarz ist der Choreograph Christian Spuck für diese Aufgabe verpflichtet worden – eine konzeptuelle Entscheidung und eine gute Wahl. Denn mit den gängigen Mitteln des Regietheaters ist dieser symphonisch geprägten, völlig undramatischen Anti-Oper kaum beizukommen. Berlioz, keineswegs im Maße Wagners und Verdis ein musikalischer Realist und psychologischer Konkretisierer, lässt dem Zuschauer eine merkwürdige, auch in seinen späteren Opern zu beobachtende Lücke für die eigene Imagination, die nicht vom Regisseur mit den gängig psychologisierenden Mitteln gefüllt werden kann. Ballett ist eine denkbare Antwort darauf, denn zweifellos hat Berlioz, ganz Ausgeburt des Pariser Grand-Opéra-Kosmos, Opernszenographie in weitaus positiverem Sinn denn Wagner als ein dekoratives Element verstanden.

Psychologisch, aber expizit holzschnittartig

Christian Spuck bleibt dennoch im Einsatz wirklicher Ballett-Choreographie sparsam. Tänzer und Chor treten als anonyme, meist zweifarbig grüngelbe Masse von Soldaten, Zechkumpanen, Stadtbewohnern auf, doch das eben könnte auch eine zeitgemäße Antwort auf Berlioz’ antipsychologische Typisierung der Figuren sein. Musik und Szene sind 19. Jahrhundert, aber eines, das uns hier tatsächlich einmal so weit weg, wenig vertraut und eigentlich unvorstellbar erscheint, wie es eine Epoche nunmal ist, die mitsamt ihrer sozialen und habituellen Tektonik vor genau 100 Jahren schon unwiederbringlich vorbei war.

Auch wenn wiederum Choreograph-Regisseur Spuck einmal psychologisch wird, wird er dies nicht auf heutige Art, sondern bleibt wiederum explizit holzschnittartig – alles andere wäre eine unangenehm anbiedernde Modernisierung: Auf der omnipräsenten, an Wieland-Wagner-Bilder erinnernden schrägen grauen Drehscheibe lässt Spuck zu Beginn einen Tänzer dunkler und einen heller Hautfarbe seine Kreise ziehen, als Ebenbild des Widerstreits in Fausts Seele wohl.

Vielleicht ist auch etwas anderes gemeint. Denn bekanntlich ist Faust bei Berlioz eine etwas andere Figur als bei Goethe: nicht unbedingt ein Sinnsucher bis zum Letzten, sondern vor allem ein verklemmter Intellektueller, der gerne einmal ins pralle Leben vorstoßen würde – wozu es aber buchstäblich mit dem Teufel zugehen muss. Ein mit der Wahrheit Ringender ist dieser Faust nicht, eher ein etwas verwundert-apathisch dahinschlurfender Sterblicher, der von Mephisto ordentlich durch den Kakao gezogen werden kann.

Blasser Faust vs. Ironisch-verführenden Méphistophélès

Vielleicht aufgrund der Rolle, vielleicht aufgrund seines darstellerischen Naturells bleibt Klaus Florian Vogt ein blasser, fast durchsichtiger Faust, auf den alle vielfältigen Szenen des Stückes ohne weiteres wie auf eine Leinwand projiziert werden können. Gegen das stets symphonisch samtig (aber durchaus nicht stets präzise zusammen) spielende Orchester des Donald Runnicles, das zumal an den Rändern bis auf Bühnenhöhe erhöht sitzt, kommt der durchschlagskräftige und zugleich in jeder Lage und Dynamik spielend leicht ansprechende Tenor Vogts mühelos an. Man ahnt, dass es ein technisch-akustisch geeigneteres Timbre als dieses für die Partie heute kaum gibt – alles weitere obliegt dem persönlichen Geschmack. Die vereinzelten Buhs für Klaus Florian Vogt am Ende jedenfalls sind völlig fehl am Platze. 

Samuel Youn als Méphistophélès gibt mit wendigem, schlankem Bariton einen ironischen Verführer, während Clémentine Margaine als Marguerite durch ihre präzise, glänzend stimmsichere Vorstellung der Partie beeindruckt. Vergibt Margaine dann leider ein wenig die Poesie der berühmten „Meine-Ruh-ist-hin“-Arie („D’amour, l’ardente flamme“) durch eine zu harte Tongebung, so bleibt der poetischste Augenblick dieser durchaus feinfühligen Inszenierung dann doch ihrer: das Lied vom König in Thule, welches Marguerite inmitten einer Stadt mit mittelalterlichen Spielzeughäusern unter nächtlichem Himmel singt.

Deutsche Oper Berlin

Berlioz: Fausts Verdammnis

 

Ausführende: Donald Runnicles (Leitung), Christian Spuck (Inszenierung und Choreographie, Emma Ryott (Bühne, Kostüme), Reinhard Traub, Ulrich Niepel (Lichtdesign), Jan Joost Verhoef (Videokunst), William Spaulding (Chöre), Dorothea Hartmann (Dramaturgie), Clémentine Margaine, Klaus Florian Vogt, Samuel Youn, Tobias Kehrer, Heidi Stober, Chor, Ballett und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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