Operetten-Kritik: Komische Oper – Die schöne Helena

Atemloses Karussell der Bildungszitate

(Berlin, 11.10.2014) Der soeben bis zum Jahr 2022 verlängerte regieführende Intendant Barrie Kosky spitzt Offenbach für heutige Augen und Ohren an

© Iko Freese / drama-berlin.de

Nicole Chevalier (Helena), Ensemble

Jacques Offenbachs Zeitgenossen trennten streng zwischen dem hohen Ton der Oper und der unterhaltenden Sphäre. Daraus, dass Offenbach diese Trennung in seiner Musik nicht akzeptierte, erwuchs seine satirische Kraft und sein Erfolg. In der Operette Die schöne Helena geht es um eine völlige Entweihung des goldenen Zeitalters, das die Bürger des 19. Jahrhunderts in der Antike sahen. Offenbachs Musik akzeptiert in keinem Augenblick deren erhabene Aura. Offenbach vermengt den hohen und den niederen Theaterton, allerdings nutzt er die grammatischen Feinheiten der musikalischen Sprache seiner Zeit. Die beherrschen wir heute nicht mehr.

Skandalöse Mischung des Hohen und des Niederen

Deshalb hat es sich Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin zur Aufgabe gemacht, die einst skandalöse Mischung von Hohem und Niederem für heutigen Augen und Ohren anzuspitzen. Es geht ihm vor allem darum, noch virtuoser als Offenbach selbst zwischen dem Unechten und dem vermeintlich Echten zu wechseln.

Offenbachs Liberettisten Meilhac und Halévy zäumen das Pferd der trojanischen Sage von hinten auf. Der Schäfer Paris hat soeben auf dem Berg Ida die Göttin Venus bei einem Schönheitswettwerb zur schönsten Göttin erklärt und von Venus zum Lohn die schönste Frau der Welt versprochen bekommen – Helena. Paris kreuzt daraufhin in Helenas Heimat Sparta auf, in Gestalt des strahlkräftigen lyrischen Tenors Tansel Akzeybek als Marlboro-Cowboy. Die schöne Helena der Nicole Chevalier ist Show-Type pur. Es kommt kaum ein Satz aus ihrem Mund, der nicht von irgendeiner zungenakrobatischen Einlage oder einem Kunststück unterbrochen würde. Das Herz dieser rasanten Inszenierung, das als einziges auf Tempo des Normalbürgers pumpt, ist der Bass Stefan Sevenich als Kalchas. An dem fetten Oberpriester ziehen die Operettenfiguren auf Rollschuhen oder hinterteilschwingend und türenknallend vorbei.

Man befolge das oberste Operettengesetz

In Koskys Händen ist ein aufwändiger Opernapparat im Dienste Offenbachs wendig und spontan wie ein Ein-Mann-Orchester. Es wird so schnell zwischen Hohem und Niederem hin- und hergewechselt, dass die Frage, was echt ist und was nicht, obsolet wird. Damit befolgt Kosky das oberste Gesetz der Operette. Stärkstes Instrument hierfür ist das Orakel des Kalchas – ein riesiges verbeultes Grammophon. Aus ihm tönen die Klänge der „wahren“ Liebe: Zitate aus Wagners Tristan, den Wesendonck-Liedern. Das Orchester unter Henrik Nánási setzt den einzig wahrhaftigen Kern der Aufführung entgegen, die Musik Offenbachs. Die Musiker dürfen die Ernsthaftigkeit der hohen Muse noch zusätzlich entlarven, indem sie die Taube der Venus mit Gustav Mahlers Sechster Symphonie unterlegen und den Auftritt Agamemnons mit einem schicksalsdräuenden Ruf aus der Oper Elektra von Richard Strauss. Das sprichwörtliche Operettenfeuerwerk besteht an diesem Abend in einem Dauerfeuer musikalischer Bildungszitate. Das wirkt sehr unterhaltsam, zuweilen aber auch ein wenig atemlos.

Komische Oper Berlin

Offenbach: Die schöne Helena

Ausführende: Henrik Nánási (Leitung), Barrie Kosky (Inszenierung), Otto Pichler (Choreographie), Rufus Didwiszus (Bühnenbild), Buki Shiff (Kostüme), Johanna Wall (Dramaturgie), David Cavelius (Chöre), Diego Leetz (Licht), Nicole Chevalier, Tansel Akzeybek, Peter Renz, Theresa Kronthaler, Stefan Sevenich, Dominik Köninger, Tom Erik Lie, Philipp Meierhöfer

Weitere Infos zur Komischen Oper Berlin finden Sie hier.

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