Opern-Feuilleton: Sparmaßnahmen an der Bayerischen Staatsoper

Geht Oper auch billiger?

Die Stadt München stellt erneut den Zuschuss an die Bayerische Staatsoper komplett ein. Das Alarmzeichen wird zum Aufruf zu einer neuen Selbstsicherheit der Hochkultur.

© Felix Loechner

Das Nationaltheater, Spielstätte der Bayerischen Staatsoper

Das Nationaltheater, Spielstätte der Bayerischen Staatsoper

„Wenn die Not am höchsten, ist die Rettung am nächsten.“ So dichtet Bertolt Brecht bitterböse in seiner mit Hits gespickten Abrechnung mit der teuersten aller Kunstarten und nennt sie – als Kontrapunkt zum Geld gar chronisch schluckenden Musiktheater – „Die Dreigroschenoper“. Der Salonlinke scheint damit zu fragen: Geht’s nicht auch billiger? Wenn man Schauspieler statt Sänger auf die Bühne stellt? Das riesige Sinfonieorchester durch eine schmissige Combo tauscht? Den Chor radikal reduziert? Beim Schreiben dieser Zeilen zuckt man unwillkürlich mit den Fingern. Und will den Anfang dieses Textes gleich wieder streichen. Denn Politiker, die unter Kultur viel lieber das die Gewerbesteuer sprudeln lassende Oktoberfest verstehen als die ihre Subventionen in unverständliche Inszenierungen versenkenden Staatstheater, sie könnten ihn vollends missverstehen.

Doch die Ignoranz der Kulturpolitik ist längst so groß, der mit Sparen euphemistisch ummantelte Kürzungsfuror im Kultursektor derart real existierend, dass man um einen gewissen Galgenhumor kaum herumkommt. Der aktuelle Beleg kommt nun mal nicht aus den seit Jahren klammen Kleinstädten, die längst um die Existenz ihrer Theater und Orchester ringen, sondern aus einer der reichsten Kommunen Deutschlands: Just die Stadt München hat auch für das Jahr 2022 den gesamten Zuschuss zum Betrieb der Bayerischen Staatsoper in Höhe von fünf Millionen Euro eingestellt, dazu auch gleich die 500 000 Euro für die kleine Schwester des deutschen Branchenprimus, das Gärtnerplatztheater, komplett gestrichen. Insider munkeln, dass dahinter auch ein erpresserischer Kampf der roten Stadtregierung gegen den schwarzen Ministerpräsidenten Söder stecken könnte, der aus dem prall gefüllten bayerischen Steuersack ja den Löwenanteil der Förderung stemmt und das international bedeutendste deutsche Opernhaus mit seinem neuen, von ihm dezidiert gewollten Intendanten Serge Dorny und dessen ambitionierten Plänen schon nicht hängen lassen werde. Der Staatsintendant betreibt freilich jenseits des an der Isar üblichen Opern-glamours gerade die beherzte Öffnung in die Stadt hinein – zumal mit dem nun erstmals stattfindenden, augenzwinkernd mit der Mundart Bayerns spielenden „Ja, Mai“-Festival, das sich dafür mit den benachbarten Kulturinstitutionen intensiv vernetzt. Die Stadt beteiligt sich daran finanziell mitnichten.

Investitionen in die Zukunft und in die Demokratie

Nun wird die stolze Staatsoper des „Mia san mia“-Freistaats daran nicht untergehen. Einschränkungen des Programms sind vorerst nicht angedacht. Doch die Alarmzeichen, die durch die verantwortungslosen Entscheidungen deutscher Stadtkämmerer und der von ihrem Wohlwollen abhängigen, oft überforderten Kulturpolitiker ausgehen, dürfen nicht übersehen werden. Deutschland habe die reichste Theaterlandschaft der Welt, stellte Ulrich Khuon als Präsident des Deutschen Bühnenvereins fest. Doch wenn jetzt die Kosten der Pandemie sowie jene des Krieges in der Ukraine als Kürzungsauflagen auf die Ressorts verteilt werden, muss die Kultur ein ganz neues Selbstbewusstsein entwickeln und, statt zu klagen, deutlich darlegen, warum in sie gesteckte Subventionen nichts anderes sind als Investitionen in die Zukunft, in die Demokratie als Wertvorstellung wie als Lebensform einer offenen Gesellschaft. Die Bindung des Publikums gehört dazu wie dessen Rück- und Neugewinnung nach den pandemischen Schließungen. Nicht zuletzt aber auch die transparente Begründung der Kostenintensivität dieser Kunstform, die in ihrer Dichte, Qualität und Relevanz ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, um das Deutschland weltweit beneidet wird.

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