„Häuptling Abendwind“ an der Dresdner Semperoper

Scharfzüngiger Offenbach

Im neuen Spielraum der Semperoper entzündet „Häuptling Abendwind“ das Feuer.

© Rheinisches Bildarchiv Köln

Jacques Offenbach, um 1870

Jacques Offenbach, um 1870

Seit die Dresdner Staatsoper mit ihrer neuen Bühne „Semper Zwei“ ein Experimentierfeld für Stücke geöffnet hat, die sich der großen Bühne verweigern, unternimmt das Haus auch Ausflüge in die Welt der Operette. Deren Erfinder Jacques Offenbach, Kölner Frohnatur und scharfsinniger Satiriker seiner von Industrialisierung und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Zeit, ist im extrem konservativen Dresden eher selten zu hören. Umso erfrischender, dass die Semperoper mit der eigenen Orchesterakademie in ihrer Stückauswahl immer mutiger wird.

© Klaus Gigga

Semperoper Dresden – Semper Zwei, hier mit dem Bühnenbild zu "The killer in me is the killer in you my love"

Semperoper Dresden – Semper Zwei, hier mit dem Bühnenbild zu "The killer in me is the killer in you my love"

Mit dem Buffo-Einakter „Häuptling Abendwind“, einer ziemlich absurd anmutenden Kannibalengeschichte, die auf einer „wilden australischen Insel“ spielt, wagt sie sich an ein lange vergessenes Stück, das vordergründig gesehen sofort die „Rassismus!“-Protestierer auf den Plan rufen müsste, sich aber auf den zweiten Blick dank des scharfzüngigen Librettos von Johann Nestroy als groteske kolonialismuskritische Satire der 1870er Jahre entpuppt, wobei spannend sein dürfte, wie Dramaturgin Bettina Bartz in ihrer „zeitgenössischen“ deutschen Fassung mit dem Original umgehen wird.

Gesellschaftskritisch: „Häuptling Abendwind“ von Jacques Offenbach

Die Handlung ist reichlich bizarr: Häuptling Abendwind, Staatslenker der Südseeinsel, hat den Häuptling des Nachbarstammes zum Festmahl geladen, um über wichtige Staatsgeschäfte zu verhandeln. Es fehlt nur noch eine Spezialität für das Abendmenü. Ein soeben eingetroffener Schiffbrüchiger scheint für den Kochtopf gerade recht, doch stellt er sich als nach Europa verschickter Sohn des Nachbarn heraus, in den sich überdies die Tochter von Abendwind unsterblich verliebt hat.

Natürlich wird er unter glücklichen Umständen nicht gegessen, sondern durch Bärenfleisch ersetzt, woraufhin die Stämme beschließen, fortan auf den Konsum ihrer Artgenossen zu verzichten. Dabei nimmt das Stück nahezu die gesamte politisch-gesellschaftliche Realität seiner Zeit aufs Korn – eine Herausforderung für Dramaturgie und Regie, alle Anspielungen in der Gegenwart verständlich zu machen. Heuchelei, Nationalismus, falscher Stolz, Diplomatie überm Tisch und Nachtreten darunter – all das ist Teil der Faschingsburleske und will neben der gewohnt schmissigen Musik wiederentdeckt werden.

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