Opern-Kritik: Theater Bremen – Die Meistersinger von Nürnberg

Meisterdämmerung – Regiedämmerung

(Bremen, 21.9.2014) Hausregisseur Benedikt von Peter erzählt den deprimierenden Abgesang der Meistersinger aus Sicht einer sich emanzipierenden Eva

© Jörg Landsberg

Erika Roos (Eva)

Diese Neubefragung von Wagner einziger Komödie beginnt mit der Musik – kein schlechter Ansatz für eine Oper, die sozusagen sich selbst reflektiert, indem sie der Entstehung, der Wirkung und der Macht von schöpferischen Prozessen, dem Zusammenspiel von Tradition und Innovation und der Selbstvergewisserung einer bürgerlichen Gesellschaft durch Kunstproduktion und Kunstdiskurs nachspürt. Dazu hat Bühnenbildnerin Katrin Wittig ganze vier Etagen eines Baugerüsts ins Theater Bremen gewuchtet – und die oberen Etagen mit den Bremer Philharmonikern besetzt, die an diesem Abend also im Graben gar nichts zu suchen haben. Wir sehen also die Musik, sehen, wie das C-Dur-Strahlen gemacht wird und wie GMD Markus Poschner einen ganz eigenen Wagner-Klang erfindet. Der ist schon im Vorspiel schlank und flüssig, sachlich pathosfrei und dennoch packend.

Nicht so sehr das Ideal des Mischklangs hat der Dirigent im Sinn, viel mehr die Direktheit und Aggressivität einer klaren Klangrede. Der Witz kontrapunktisch durchgeführter Motive, die rhythmische Prägnanz, die oft unerhörten Details des Holzbläsergegackers – die Musik wirkt wie zum Greifen, wir erleben so viel mehr, wir hören so deutlich differenzierter als in handelsüblichen  Aufführungen dieser grandiosen Partitur, die uns einmal mehr als Wagners handwerklich beste und vielschichtigste, vom alten Choral und der strengen Fuge bis zur Zukunftsmusik reichend, vorkam. Wenn das Regietheater denn den Perspektivwechsel, den neuen, Tiefenschichten freilegenden Blick auf wohlbekannte Werke wagt, dann sollte es genau so wie hier beginnen: mit einer Frage an die Musik – und dem Ansatz einer Antwort. So weit so gut.

Perspektivwechsel-Regie

Benedikt von Peters oft scharfsinnige Perspektivwechsel-Regie hat also einen musikalischen Partner, wie er sich ihn nur wünschen kann. Führte der Perspektivwechsel im Falle von Verdis Violetta, die bei von Peter als einzige Figur auf der Bühne zu erleben ist, zu einer Fokussierung auf den Kern der Traviata, ist das Risiko diesmal ein viel höheres. Der Regisseur setzt Die Meistersinger aus Sicht der Eva in Szene, die zwar in diesem männerdominierten Stück – der Titel weist ja darauf hin – nur wenig zu singen, geschweige denn zu sagen hat – nicht jede Oper genügt nun mal modernen Gender-Gesichtspunkten –, aber als trauriges Objekt der multiplen Männerfantasien die Rettung durchs Regietheater durchaus nötig hat. Das pubertäre Pummelchen namens Evchen, von Geraldine Arnold in einen unsexy Overall und Leggings mit Röckchen drüber gesteckt – fristet also in ihrer Kinderstube mit Bilderbuch und Puppe ihr Dasein.

Abziehbilder aus Evchens Märchenbuch

Eva (Erika Roos singt die kurze Partie fast schon mit Sieglinden-Innigkeit zu einer großen Heldin empor) erträumt sich ihren Ritter und Retter, den Junker Stolzing, gerade so, wie sie ihn in ihrer Puppe vorgebildet sieht. So tritt er dann auch in Erscheinung, in seiner Rüstung gepanzert wie weiland René Kollo bei von Karajan. Chris Lysack singt ihn dann so unerschrocken, unverbraucht, mühelos und frisch, dass es eine Märchenwonne ist. Eine differenzierte Figur mit Entwicklungspotenzial vom anarchischen Außenseiter zum allseits geschätzten Salz in der Suppe eines sich erneuernden Nürnberg darf dieser Stolzing aber nicht sein.

Auch die Meister – wie so oft als diverse Wagner-Helden gewandet, hier nur leider ohne jede Individualität gezeichnet und im ersten Aufzug gleichsam weginszeniert – sind bloße Abziehbilder aus Evchens Märchenbuch. Und selbst Beckmesser, dem Wagner Züge des fiesen Wiener Kritikerpapstes Hanslick verlieh, ist genau die mäßig witzige Spießer-Karikatur, als den man ihn aus schlechten Traditionsinszenierungen kennt. Allein Hans Sachs trägt wie Eva Privatklamotten – in seiner zerbeult kotbraunen Hose nebst Schlabber-T-Shirt sieht Claudio Otelli (stimmlich ein ebenso rustikaler, konditionsstarker wie feinfühliger Sachs) wie ein desillusionierter Alt-68er aus, lässt dauernd die Schultern hängen, hat die Hände in die Taschen und sinniert depressiv vom Wahn dieser Welt vor sich hin. Sachs also ist neben Eva die zweite reale Figur der Inszenierung.

 

Dichte Kammerspielatmosphäre

Die psychologische Durchdringung der latenten Liebesbeziehung des alternden Charismatikers, Schusters und Poeten mit der mutterlosen Tochter des Goldschmieds Pogner gerät Benedikt von Peter grandios. Da wirkt die Resignation des Hans Sachs berührend glaubwürdig. Da kommen uns die Figuren selten nah, was auch am weiteren Wurf der Bühnenbildnerin liegt: Vor dem Riesengerüst, auf Höhe des eigentlichen Orchestergrabens, steht ein begrenztes Podest – Evas Kinderstube – als zentrale Spielfläche der Protagonisten, die uns in dichter Kammerspielatmosphäre wirklich nahekommen. Das große Ausstattungsstück wird intim – und das ist gar kein Manko, sondern eine Stärke dieser Produktion.

Gender-Gerechtigkeit mit Kollateralschäden

 

Aber: Die Meistersinger von Nürnberg als Emanzipationsgeschichte Evchens zu erzählen, schafft eben nicht nur Gender-Gerechtigkeit. Das Ummodeln der Kräfteverhältnisse mit dem weiblichen Blick auf all die grabschenden bis gewalttätigen Männer zeitigt Kollateralschäden. Von Peter hat eine Schicht im Meisterwerk „Meistersinger“ aufgespürt, die nicht zu leugnen ist: Ja, es gibt da einen Hang zur Frauenfeindlichkeit, moderne, starke, die Männer übertrumpfende Frauen stellt Wagner nicht hier, sondern im Ring des Nibelungen in den Mittelpunkt. Die Zeichnung des Hans Sachs aber geht letztlich komplett an Wagners Konzeption einer der positivsten Figuren und, pardon, auch schönsten Rollen der Operngeschichte vorbei. Dieser Eigenbrötler und Griesgram, dieser chronisch Frustrierte und Früh-Impotente, dieser restlos resignierte King Lear, dem seine Liebe, Land und Leute abhanden gekommen sind – er hat mit Hans Sachs wenig gemein. Überhaupt ist er in Bremen eine rein private Figur, so gar keine politische mehr. Dabei vermag die Weisheit des Sachs es doch, den privaten Verzicht zugunsten eines utopischen Gesellschafts-Entwurfs einzusetzen.

Verweigerung des C-Dur-Finales

Natürlich misstraut das Bremer Team mit Konsequenz dem Ende der Oper. Dazu wird dann auch musikalisch ins Wagner-Werk eingegriffen. Eva ist es, die Stolzings zentrale Zeile singt: „Will ohne Meister selig sein!“ Die Emanzipierte sucht mit ihrem Liebhaber das Weite, und Sachs hat wirklich niemanden mehr, dem er zurufen kann: „Verachtet mir die Meister nicht!“ Wenn auch nicht Verachtung gegenüber dem Stück, so ist es doch eine Verweigerung dieses C-Dur-Finales, die weh tun soll und dann auch weh tut. Und doch – der Regisseur wäre hier so gern klüger als der Komponist – hat die Musik, konzertant und vielsagend, das letzte Wort.

Theater Bremen

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Ausführende: Markus Poschner (Leitung), Benedikt von Peter (Regie), Katrin Wittig (Bühne), Geraldine Arnold (Kostüme), Claudio Otelli, Erika Roos, Chris Lysack, Loren Lang, Hyojong Kim, Christian-Andreas Engelhardt, Patrick Zielke, Bremer Philharmoniker, Chor und Extrachor des Theater Bremen

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