Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

(UA München 1868)

Im Mittelpunkt steht eine warme Sommernacht: Johannisnacht! Ein duftender Fliederbusch (Holunder) führt eine handfeste Prügelei herbei. Wer weiß, wie das geschah? fragt Sachs in seinem Wahnmonolog (er müsste es wissen, denn er selbst hat an des Wahnes Faden gezogen).

Dieser Schuster und Poet dazu ist ein echter Volksheld, und die Meistersinger sind eine echte Komödie. Nun aber kam Johannistag! Für Wagner kam nach der Weltennacht des Tristan die Nürnberger Festwiese mit Handwerkerzügen und Volkstanz: Mädel aus Fürth! ruft David, Lehrbub von Sachs, begeistert (dessen Ohrfeige beförderte ihn am Morgen zum Gesellen).

Die Meistersinger haben eine klassische Ouvertüre, die in den (nicht ganz klassischen) Schlusschoral eines Gottesdienstes mündet: In den Zwischenspielen werfen sich Eva (Tochter des Goldwirkers Pogner) und Walther (ein adliger Zugezogener) vielsagende Blicke zu. Ihr Vater hat Eva dem besten Singer versprochen, daraufhin möchte Walther Meistersinger werden. David führt ihn (selbst noch unfertig) ein in der Meister Tön und Weisen. Prompt fällt Walther auf der Meisterversammlung durch. Nur der alte Sachs ist betroffen von seinem Liebeslied.

Abends, in seinem Fliedermonolog, sinnt er darüber. Kollege Beckmesser, Stadtschreiber, will am nächsten Tag um Eva singen und testet sein Werbelied unter ihrem Fenster. Sachs nagelt seine Kritik dazu mit dem Hammer auf Beckmessers Schuhe, die dieser in der Meisterversammlung angemahnt hatte – eine gelungene Retourkutsche! Eva (eine junge Dame, die Sachs zu nehmen weiß) lässt ihre Amme Magdalene (eine späte Jungfer, die mit David angebändelt hat), statt ihrer am Fenster sitzen, sie selbst kuschelt mit Walther hinter einer Linde. Weglaufen können sie nicht, denn Sachs hat mit seiner Arbeitslaterne eine Lichtschranke gelegt. David glaubt, Beckmessers Ständchen gelte Magdalene, und prügelt ihn durch, was alle Nürnberger weckt, die ihrerseits gern alte Rechnungen begleichen. Als das Nachtwächterhorn ertönt, flüchten alle in die Kammern, als der Wächter auftritt, sind nur noch ein paar Holzbläser unterwegs.

Am Morgen erhält Walther eine persönliche Meisterlektion von Sachs, der ihm die Anwendung musikalischer Regeln auf die Ehe erklärt. Sachs schreibt die Weise auf, die Walther geträumt hat. Als der geschundene Beckmesser seine Schuhe abholen will, findet er den Text und nimmt ihn an sich. Sachs überlässt ihm das Blatt, damit es nicht nach Diebstahl aussieht. Mit einem intimen Quintett (beide Paare und Sachs) wird Walthers Lied getauft: Die Morgentraumdeutweise. Dann geht es zur Festwiese, wo Beckmesser durchfällt und Walther Eva gewinnt.

Pünktlich zur Gründung des Deutschen Reiches (1871) lässt Wagner seinen Sachs dabei sogar eine Volksbefragung durchführen (natürlich nicht ergebnisoffen). Als die Meister, ein Auge zudrückend, Walther in die Zunft aufnehmen wollen, lehnt dieser ab. Da hält Sachs ihm und uns eine Standpauke: Verachtet mir die Meister nicht! Darin ist viel von deutscher Kunst die Rede, aber hat er nicht recht? In Deutschland werden heute Orchester aufgelöst, Theater stranguliert, es wird nicht mehr gesungen, Musikunterricht findet kaum noch statt – müssten wir nicht vor Sachs erröten?

Die Meistersinger sind dramaturgisch, sprachlich und musikalisch ein Meisterwerk. Bei den väterlich-liebevollen Szenen zwischen Sachs und Eva weint das Herz, bei den drastisch-komischen Szenen mit Beckmesser oder David lacht das Herz – und man merkt nicht, dass man viereinhalb Stunden gesessen hat.

(Mathias Husmann)

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