Opern-Kritik: Nationaltheater Mannheim – Die Meistersinger von Nürnberg

Kasperletheater für Große

(Mannheim, 28.10.2018) Nigel Lowery verulkt Richard Wagner very British – und verzwergt ihn.

Mannheim „Die Meistersinger“ © Hans Jörg Michel

Mannheim „Die Meistersinger“

Muss man Hans Sachs mögen? Den Schusterpoeten aus Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ muss man natürlich nicht mögen. Weder als Mensch, noch als Deutscher, als Opernfreund und natürlich auch als Regisseur. Man kann aber. Weil er eine von den Gestalten Wagners ist, die in ihrem menschlichen Maß nachvollziehbar sind. Als Witwer, der mit sich ringt, ob er nicht doch selbst um die junge Goldschmieds-Tochter Eva wirbt, die er schon als Kind in seinen Armen gehalten hat. Und der klug genug ist, dem jungen Stolzing dabei zu helfen, Eva zu bekommen.

Szenenbild aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

Die Meistersinger von Nürnberg: Astrid Kessler (Eva) und Thomas Jesatko (Hans Sachs) © Hans Jörg Michel

Als Schustermeister, der sich um Ausbildung und Lebensstart seines Lehrbuben David ernsthaft kümmert (auch wenn er da manchmal zeitbedingt den Knieriemen einsetzte). Und als einer von denen, die in einer Handwerkergesellschaft und der Sängergilde ein Renommee hat, das er nicht nur zur Wahrung der Regeln einsetzt, sondern auch, um vorsichtige Reformen zuzulassen. So nach dem Motto der klugen Konservativen, dass sich etwas ändern muss, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Seine Ansprache zur Deutschen Kunst am Ende auf der Festwiese, wenn er seinen Reformimpuls dann doch wieder abbremsen will, ist vor allem durch die Rezeptions- und Realgeschichte seit dem Uraufführungsjahr 1868 so problematisch geworden, dass man heute halt besonders genau darauf achtet, was auf einer Bühne passiert, wenn vom „welschen Dunst“ die Rede ist und davon, dass kein Fürst bald mehr sein Volk versteht.

Interpretationsmodelle ohne Ende

Auch wenn man diesen Hans Sachs (in dem Barrie Kosky in seiner Festspielinszenierung in Bayreuth sogar ganz direkt ein Alter Ego von dessen Schöpfer sieht) nicht ungebrochen als den Über-Gutmenschen auf die Bühne bringen will, der nicht nur den Wahn der Welt und die Psyche der Meistersinger, der jungen Ritter und jener von deren potentiellen Bräuten versteht, dann gibt es immer noch viele differenzierte Ansätze, um einen Zugang zu dieser zentralen Figur Richard Wagners zu finden.

Das reicht von einem zum Reaktionär mutierten Altachtundsechziger, der die kontaminierte Schlussansprache ungebrochen als politisches Statement verkauft, wie es Katharina Wagner am weitesten getrieben hat. Man kann ihn auch als einen resignierenden Intellektuellen zeigen, der das Ganze als eine ernstgemeinte Warnung vor Globalisierung und Identitätsverlust auffasst, bevor er sich ins Private zurückzieht, wie bei Tobias Kratzer in Karlsruhe. Oder man kann ihn als vereinsamten Konservativen am Ende alleine dastehen lassen wie etwa Benedikt von Peter in Bremen oder in gewisser Hinsicht auch Barrie Kosky in Bayreuth.

Der Brite Nigel Lowery hat offensichtlich eine ausgeprägte Monty-Python-Affinität

Szenenbild aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

Die Meistersinger von Nürnberg: Ensemble © Hans Jörg Michel

Wenn in Mannheim jetzt Sachs und Beckmesser dabei wortwörtlich gemeinsam – unterm Schirm – im Regen stehen, ist das noch eine der eher treffenden Pointen des für Regie und Ausstattung allein zuständigen Nigel Lowery. Aber bei dem Briten mit offensichtlicher Monty-Python-Affinität schrumpft Sachs samt aller Meisterkollegen auf putziges Zwergenmaß. Und bleibt dort. Nur einmal, wenn er über den Wahn philosophiert, hat er die Chance, aus dieser vorgeführten Rolle auszusteigen. Da kommt er in Zivil. Aber das bleibt eine Ausnahme.

Ansonsten setzt Lowery auf eine Art von Kasperletheater für Große. Ganz und gar bei sich ist das, wenn er sich mit einem Marionettenspiel an der Rampe vor einer aufgespannten Leinwand um die Prügelfuge mogelt. Und so – wie dann auch bei der Festwiese – die Musik mit dieser recht radikalen Verweigerung szenisch bricht. Im Grunde spielt Lowery auch sonst mit dem Stück und dem, was ihm so dazu einfällt, und führt uns das vor. Und weil es eben auch eine Komödie ist, werden dazu noch jede Menge Witzchen über die Akte verteilt und beginnen dort ihr Eigenleben.

Theater auf dem Theater

Für deren Vorführung gibt es einen Bühnenrahmen, der ein (Kasper-)Theater auf dem Theater assoziiert. Mit einer zum Vorhang mutierten und reichlich benutzten Brecht-Gardine. Garderobieren im Arbeitskittel spielen mit, wenn sie dem Beckmesser Darsteller verschiedene Kostüm- und damit Interpretationsvarianten seiner Rolle anbieten. Den vorgeschlagenen Juden und dann den Nazi weist er mit einer Ihr-habt-sie-wohl-nicht-alle-Geste empört von sich. Beim schwarzen Gewand mit dem weißen Kragen (Advokat?) gibt er den Widerstand auf. Der Souffleur muss ihm seinen Kasten überlassen, wenn er das erste Mal den Merker spielt. Auch die Harfenistin, die sein Ständchen vor Evas Fenster begleitet, verlangt eine Sofortbezahlung. Theater auf dem Theater also, Brecht mit Monty-Python auf britisch gebürstet. Kann man mögen. Oder einfach nur albern finden.

Szenenbild aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

Die Meistersinger von Nürnberg: Tilmann Unger (Walther von Stolzing), Marie-Belle Sandis (Magdalene), Thomas Jesatko (Hans Sachs) und Christopher Diffei (David) © Hans Jörg Michel

Manches aus dieser Abteilung bleibt auch bewusst rätselhaft. Ein paar Mal fliegt ein Modell des Raumschiffs Enterprise unter der Decke von links nach rechts. Aber niemand der Besatzung beamt sich runter und greift ein. Wobei man sich am Ende nicht mehr sicher ist, ob Stolzing zu der Mannschaft gehört und sein Lohengrin-Strahlemannoutfit, dessen weibliche Version dann plötzlich auch Eva aus ihrem propperen Dummchen-vom-Lande-Kleid befreit, nicht doch zu den Gala-Uniformen Sternenflotte gehören.

Witzchen, Running Gags und Wohlfühlcomics

Mit den szenischen Witzchen ist Lowery großzügig. Das ist ganz nett, wenn die mit kräftigem Ölbildstrich gemalten Gewölbe-Kulissen bei Stolzings erstem „Fanget-an!“- Auftritt beim Vorsingen plötzlich auf- und niederschweben und die Meister wie verzaubert zu tanzen beginnen. Oder wenn der Singstuhl so klein ist, dass er selbst der Witz ist.

Szenenbild aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

Die Meistersinger von Nürnberg: Chor des Nationaltheaters Mannheim © Hans Jörg Michel

Platter wird es, wenn zwei Kulissenpappbüsche (die mehr nach Sternenhimmel als Fliederbusch aussehen) aufeinanderzustreben, sich vereinen und wenn sie sich wieder voneinander lösen, einen kleinen Busch von ihrer Art zurücklassen. Und es bleibt rätselhaft, wenn eine Trauergemeinde immer wieder einen Sarg durch die Szene trägt und das zum Running Gag wird. Dazwischen immer die erbarmungslos verzwergten Meister. Um ausgerechnet Wagners Meistersingern das Menschliche und das historisch politisch Relevante so auszutreiben und aus ihnen eine Art Wohlfühlcomic zu machen, bedarf es wohl britischen
Humors.

Der GMD muss Wagner auf Kurs Richtung Nürnberg halten

So müssen vor allem Alexander Soddy und das Orchester Wagner auf Kurs Richtung Nürnberg halten. Was dem GMD im Laufen des Abends zunehmend sicherer und in Balance zur Bühne auch gelingt. Der Beifall für ihn und seine Musiker war denn auch ganz zu Recht besonders herzlich. Aus dem Ensemble ragen vor allem der frische David des Christopher Diffey und der Beckmesser heraus. Dass Joachim Glotz ausgerechnet seinen Beckmesser vor der völligen Demontage zum letzten Zwerg bewahrt, ist Verdienst seiner stimmlichen Präsenz und seines darstellerischen Charisma.

Szenenbild aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

Die Meistersinger von Nürnberg: Thomas Jesatko (Hans Sachs) © Hans Jörg Michel

Als Sachs kann Thomas Jesatko den Kampf gegen sein albernes Kostüm und die Perücke nicht gewinnen. Stimmlich macht er von Akt zu Akt aber Boden gut. Tilman Ungers Stolzing ist stimmlich etwas eng fokussiert aber standfest. Bei Magdalena haben sich der Regisseur und Marie-Belle Sandis zu sehr auf die Lästerer eingelassen, die sie als die Alte bezeichnen – Astrid Kesslers sehr beweglich spielende Eva ist stimmlich Geschmacksache, besticht aber mit klarer Diktion. Die Meisterriege (von denen Bartosz Urbanowicz neben Hans Foltz auch noch den Totenkopf-Nachwächter übernimmt) ist solide besetzt.

Ein Schelm wer meint, dass sich dieses Zusammentreffen von britischem Humor der Marke Lowery mit den Meistersingern womöglich gar als ein Pro-Brexit-Argument verwenden ließe.

Nationaltheater Mannheim
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Alexander Soddy (Leitung), Nigel Lowery (Regie, Bühne & Kostüme), Thomas Jesatko, Sung Ha, Samuel Levine, Rainer Zaun, Joachim Goltz, Thomas Berau, Uwe Eikötter, Koral Güvener, Raphael Wittmer, Marcel Brunner, Dominic Barberi, Bartosz Urbanowicz, Tilmann Unger, Christopher Diffey, Astrid Kessler, Marie-Belle Sandis, Opernchor und Extrachor

Die Meistersinger von Nürnberg – sehen Sie den Trailer:

Weitere Termine: 1., 10. & 25.11.2018, 20. & 26.1., 2.2.2019

Termine

Samstag, 15.12.2018 15:00 Uhr Nationaltheater Mannheim
Sonntag, 16.12.2018 19:00 Uhr Nationaltheater Mannheim
Samstag, 29.12.2018 15:00 Uhr Nationaltheater Mannheim
Sonntag, 13.01.2019 11:00 Uhr Nationaltheater Mannheim
Samstag, 19.01.2019 15:00 Uhr Nationaltheater Mannheim

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