Opern-Kritik: Oper Frankfurt – Ulisse

Wer bin ich?

(Frankfurt am Main, 26.6.2022) Tatjana Gürbaca inszeniert die viel zu selten zu sehende Oper von Luigi Dallapiccola mit dezenter Stringenz als großes szenisches Crescendo. Die zwölftonbasierte, gleichwohl suggestive Musik klingt unter Francesco Lanzillotta originell und vertraut zugleich.

© Barbara Aumüller

Tatjana Gürbaca inszeniert Luigi Dallapiccolas letzte Oper „Ulisses“ in Frankfurt

Tatjana Gürbaca inszeniert Luigi Dallapiccolas letzte Oper „Ulisses“ in Frankfurt

Die Geschichte ist bekannt. Sogar sehr, in verschiedenen Varianten und sehr lange. Botho Strauß etwa hatte sich 1996 mit „Ithaka“ die Rückkehr des Odysseus in seine Heimat vorgenommen. Eine der berührenden Episoden seines Lebens. Und das seiner Frau. Erst zehn Jahre Krieg, dann zehn Jahre Weltenbummelei. Und schließlich das große Aufräumen daheim. Dieser Teil seines Lebenslaufes ist auch in der letzten, äußerst selten gespielten Oper von Luigi Dallapiccola (1904 bis 1975) aus dem Jahre 1968 einer der packendsten, weil berührendsten. In Tatjana Gürbacas Inszenierung, die jetzt an der Oper Frankfurt vom ziemlich gut wieder gefüllten Auditorium so heftig wie einhellig bejubelt wurde, gehört das in ein szenisches Crescendo, das in einer Tiefgaragen-Tristesse beginnt (im Programmheft heißt es archäologische Ausgrabungsstätte) und sich dann immer als – sichtbar von technischen Helfern unterstütztes – Theater steigert.

Odysseus als Geschichtenerzähler von Rang

© Barbara Aumüller

Iain MacNeil (Odysseus) und Yves Saelens (Teiresias) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Iain MacNeil (Odysseus) und Yves Saelens (Teiresias) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Da ist erst die Göttin Kalypso (Juanita Lascarro begegnen wir auch als Penelope wieder), die ihn ziehen lässt, nicht ohne seine angebliche Sehnsucht nach der Heimat als Lüge zu benennen, die er vorschiebt, um die Meere befahren und die Welt erforschen zu können. Das beginnt damit, dass er unter lauter plaudernden Menschen in Alltagskleidung (es könnten an Geschichte interessierte Touristen sein) dafür einen symbolischen Motorradhelm aufgesetzt bekommt. Manch einer mag da stöhnend denken „na ja“. Zunächst strandet Odysseus dann bei den Phäaken und ist der Traummann von Königstochter Nausikaa (Sarah Aristidou). Im Palast lässt der Phäaken-König Alkinoos (Andreas Bauer Kanabas) den Sänger Demodokos (Yves Saelens) im Stile einer TV-Show über den – wie man meint – sicher längst vergessenen Odysseus räsonieren. Als der sich zu erkennen gibt, um selbst von seinen Abenteuern zu berichten, hat man den Eindruck, dass sein Gastgeber und dessen Publikum die Show mitmachen, ohne ihm wirklich seine Identität zu glauben. Odysseus aber bewährt sich als Geschichtenerzähler von Rang und imaginiert seine Abenteuer wortgewaltig, ganz so wie die Regisseurin mit schlichten, aber allemal effektvollen Mitteln.

Opulente Kostümeleganz

Die Verführung einiger seiner Kameraden durch den Gesang der Lotophagen mit  ihren blonden Haaren und blauen Röckchen im Schulmädchenlook etwa. Mit einer Stamm-Mannschaft entkommt er und gerät in die Fänge der berüchtigten Zauberin Kirke. In dieser Rolle glänzt Katharina Magiera nicht nur mit stimmgewaltiger Eloquenz, sondern auch mit so opulenter Kostümeleganz, wie man sie heute ganz selten mal auf einer Bühne sieht (ein wahres Meisterstück von Silke Willrett). Für deren Verführungsversuche bildet ein aufgezogener, großer, ornamentübersäter Wandteppich den Hintergrund. Wenn Magiera dann in ihrer zweiten Rolle als Melantho in Ithaka noch einmal als ziemlich übles Weibsstück auftaucht, dann erinnert nicht nur deren Kostüm an ihren Auftritt als Kirke. Unter den Frauen, die Odysseus begegneten, bleibt Kirke der Problemfall. Sie hat ihm eingeredet, dass alle Ungeheuer, die ihm begegneten, Projektionen seiner Seele sind.

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Iain MacNeil (Odysseus), Katharina Magiera (Melantho), Danylo Matviienko (Antinoos) und Chor der Oper Frankfurt in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Iain MacNeil (Odysseus), Katharina Magiera (Melantho), Danylo Matviienko (Antinoos) und Chor der Oper Frankfurt in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Exzellent durchchoreografierte Chorszenen

Da zum szenischen Crescendo, das Gürbaca für die einzelnen Kapitel der Abenteuer entwickelt, auch die stets exzellent durchchoreografierten Chorszenen (Einstudierung: Tilman Michael) gehören und die zwar reichlich Effekt machen, aber nicht separat ausgewiesen sind, darf man die Choreographie getrost der Regisseurin auf ihr Konto buchen. Nicht zum ersten Mal treibt sie die Arbeit mit dem Chor in die Perfektion! Ein Höhepunkt wird so der Abstecher, den Odysseus in die Unterwelt macht. Die Zombies tragen beige Trenchcoats. Hier begegnet Odysseus seiner Mutter. Hier prophezeit ihm der blinde Seher Teiresias (Yves Saelens) ewige Irrfahrt und ein Blutbad. Der erste Akt des pausenlos durchgespielten Zweiakters endet mit dem Abschied des Geschichtenerzählers Odysseus von Nausikaa und der Rückkehr nach Ithaka.

Das Leben als Orgie

Im Ithaka-Akt dann vergisst man das triste Gegenwarts-Grau völlig. Denn die Freier, die Penelope belagern, treiben es bunt. Das Leben als Orgie. Der (echte) Muster-Sixpack von Antinoons (Danylo Matviienko) wird hier genauso zum Kostüm wie die explodierende Phantasie bei der Auswahl von Figuren der antiken Mythologie (showtauglich aufbereitet versteht sich). Es liegt an der zwölftonbasierten, gleichwohl suggestiven Musik, am Spiel und an der dezenten Stringenz, mit der Gürbaca darauf hingearbeitet hat: Wenn Odysseus unerkannt daheim auftaucht und selbst der Sauhirt Eumäos (Brian Michael Moore) seinen Augen nicht traut, obwohl er den Blick seines Herrn erkennt, dann ist das trotz aller ästhetischen Nüchternheit ein ergreifender Moment. Man muss unwillkürlich an Orest denken, wie er sich bei Strauss seiner Schwester Elektra zu erkennen gibt. Für das große Rachegemetzel genügt in dieser Version der Geschichte die Dirne Melantho, die in den Glaskasten gesperrt wird, in dem der berühmte Bogen des Odysseus aufbewahrt worden war, und die dort mit Blut überschüttet wird.

© Barbara Aumüller

Katharina Magiera (Melantho), Iain MacNeil (Odysseus) und Dmitry Egorov (Telemachos) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Katharina Magiera (Melantho), Iain MacNeil (Odysseus) und Dmitry Egorov (Telemachos) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Odysseus als Sinnsucher

Dann wendet sich die Geschichte in sich selbst zurück und auf Odysseus und ein Fazit seiner Reise durch die eigene Seele. Er bleibt am Ende allein. Ein Leitmotiv im Text lautet „Schauen, dann erstaunen, und erneut wieder schauen“. Odysseus als Sinnsucher, das verraten auch die Akttitel. Dem ersten ist „Wo komme ich her?“, dem zweiten „Wo gehe ich hin?“ und dem Epilog „Vom Ich zum Du“ beigefügt. Das Wort, den Begriff, nach dem er am Ende sucht, ist für ihn HERR. In dem Falle würde das mögliche „Nun ja“ (zumindest der Atheisten) an den Librettisten Dallapiccola gehen. Nicht aber an die Regisseurin, die kam nämlich auf verblüffende Weise direkt von heute aus einer der bekannten Uralthelden und seiner Relevanz erstaunlich nah. 

Jubel für den kanadischen Bariton Iain MacNeil als Odysseus

Musikalisch steuerte Francesco Lanzillotta das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sicher durch die selten zu hörenden Gefilde und war dabei extrem auf die Verständlichkeit der Sänger bedacht. Obwohl das Ensemble durchweg zurecht bejubelt wurde, gebührte dem kanadischen Bariton Iain MacNeil ganz zu recht jener Zuschlag bei der Intensität des Beifalls, den er für seinen Odysseus verdiente. Das kernig metallische Timbre passte zum zweifelnden, aber unverwüstlichen Helden und wurde obendrein von einer mustergültigen Diktion sekundiert. Dallapiccolas Musik klingt modern, aber verschreckt nicht. Sie mag mitunter an ein tiefes stehendes Gewässer erinnern, aus dem dann plötzlich Wortwellen aufschäumen, manchmal auch Fontänen aufsteigen. Sie klingt über vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung originell und irgendwie vertraut. Da der Frankfurter Opernchef Bernd Loebe nicht nur ein Händchen für Stimmen hat, sondern auch einen Sinn für Dramaturgie, kann man sich diese „Ulisse“-Neuinszenierung getrost neben Faurés „Pénélope“ denken, die vor drei Jahren in Frankfurt über die Bühne ging. 

© Barbara Aumüller

Katharina Magiera (Kirke) und Iain MacNeil (Odysseus) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Katharina Magiera (Kirke) und Iain MacNeil (Odysseus) in Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt

Oper Frankfurt
Dallapiccola: Ulisse 

Francesco Lanzillotta (Leitung), Tatjana Gürbaca (Regie), Klaus Grünberg (Bühnenbild & Licht), Anne Kuhn (Mitarbeit Bühnenbild), Silke Willrett (Kostüme), Maximilian Enderle (Dramaturgie), Iain MacNeil, Katharina Magiera, Juanita Lascarro, Yves Saelens, Sarah Aristidou, Andreas Bauer Kanabas, Claudia Mahnke, Danylo Matviienko, Jaeil Kim, Sebastian Geyer, Brian Michael Moore, Dmitry Egorov, Marvic Monreal, Stefanie Heidinger, Julia Bell, Chor der Oper Frankfurt, Frankfurter Opern- und Museumsorchester

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