Operetten-Tipps zur Weihnachtszeit

Mehr Sorgfalt, mehr Frechheit, mehr Queerness

Weihnachtszeit ist auch Operetten-Zeit – zum Glück, denn in den letzten Jahren erlebt die sogenannte „leichte Muse“ neue Höhenflüge.

© Tom Schulze

Die Hippies sind los: „Der Vogelhändler“ aus Leipzig

Die Hippies sind los: „Der Vogelhändler“ aus Leipzig

Das Verhältnis der Premieren­zahlen zwischen Operette und Musical hat sich in den letzten Jahren umgekehrt. Aktuell gibt es an freien und Subventions­theatern also weitaus mehr Musical- als Operetten-Produktionen. Für die früher als „leichte Muse“ domestizierte Kunstform bedeutet das den vorteilhaften Rückgewinn jener Exklusivität, welche sie nach 1945 durch populäre Verkaufsstrategien und inflationäre Verbreitung in Radio und Fernsehen weitgehend verlieren musste. Inzwischen spürt man bei Operetten-Einstudierungen wieder mehr Sorgfalt, mehr Frechheit, mehr Queerness, mehr Ironie. Das macht sich vor allem bemerkbar bei zu Unrecht als bieder betrachteten Werken wie Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“, mit dem jetzt das Nordharzer Städtebund­theater in Konkurrenz zum Theater Altenburg-Gera tritt. Ersatzspielstätten setzen dort und in Leipzig während des Umbaus der Stammhäuser innovative Kräfte frei: Kay ­Kuntze entfesselte im Theater­zelt Altenburg ein aufgeheiztes Treiben um den „armen Wandergesell‘“, von dem wirklich jede was will.

Zur verspielten Angelegenheit mit unerwarteten Nebenwirkungen wurde auch Zellers „Der Vogelhändler“ durch die Musikalische Komödie Leipzig in der Eventlocation Westbad. Dort machte Rainer Holzapfel aus der Kurfürstin Marie eine Theater­direktorin und aus dem Adam aus Tirol ihren bevorzugten Darsteller, die sich beide die temporäre Subventionslücke mit einem knisternden Flirt versüßen. Das Theater Pforzheim mit „Wiener Blut“ und das Theater Hof mit „Die Zirkusprinzessin“ halten die Erinnerung an Repertoiresäulen hoch, die derzeit etwas von ihrem früheren Glanz einzubüßen scheinen. Dagegen bringt das Theater Bremen unter dem Titel „Pariser Leben“ nicht echten Offenbach, sondern eine Gala mit Titeln von Puccini bis Piaf.

Exotik und Mondänität

Zunehmend interessieren sich prominente Dirigenten wieder mehr für Operetten: Stefan Soltesz in Köln und Friedrich Haider in Essen nehmen sich des durch die Mischung aus Pathos und Sentiment äußerst heiklen „Land des Lächelns“ von Franz Lehár an. Das Staats­theater Meiningen erinnert an Puccinis zu Unrecht vernachlässigtes Operettenprojekt „La rondine“. Dieses geriet bis zur Uraufführung in Monte-Carlo schließlich doch zu einer durchkomponierten melancholischen Komödie, die nach Wiener Vorbildern raffinierte Kompositionsstrategien des späten Richard Strauss und des reifen Lehár vorwegnimmt. Allerdings mit einem emanzipatorischen Zug: Die Edelkurtisane Magda geht auf nichtkommerzielle Männerjagd. Doch der Operetten-Überflieger ist wie schon 2018/19 Paul Abraham. Die Komische Oper Berlin beschenkt ihre Fans jede Weihnachten mit einem sensationellen Operetten-Fund. Abrahams „Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus“ ist eine Paraphrase von „Madama Butterfly“, wobei bei Paul Abraham heiße Rhythmen fast immer die Summe aus Exotik und Mondänität sind. Die Erfolgswelle von „Märchen im Grand Hotel“ erreicht derzeit Hannover und Meiningen (ab Januar). Aktueller geht es nicht: In dieser Operette von 1934 spielen Promis vor der Kamera sich selbst!

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