OPERN-KRITIK: TIROLER FESTSPIELE ERL – ABSCHLUSS-SOIREE

Familienbande

(Erl, 29.7.2019) Oper als dialektische Botschaft: Wie feiert man ein furioses Festival-Finale ohne den vom Hof gejagten Prinzipal und Patriarchen Gustav Kuhn?

© Xiomara Bender

Abschlusskonzert Tiroler Festspiele Sommer

Abschlusskonzert Tiroler Festspiele Sommer

Kein Geringerer als Gerard Mortier hielt am 11. Juli 1998 die Eröffnungsrede der Tiroler Festspiele Erl. Der größte Visionär und bedeutendste Intendant des europäischen Musiktheaters der letzten 40 Jahre nobilitierte damit ein blutjunges Festival gleichsam vorab. Und er gab damit in der Tat einem Projekt seinen Segen, mit dem der Dirigent Gustav Kuhn in den Folgejahren sein Lebenswerk schuf. Erl wurde zum österreichischen Alternativ- und gleichzeitig Anti-Bayreuth. Immer wieder dirigierte Kuhn den „Ring“, den er zudem selbst in Szene setzte – so gar nicht im Stile der Dekonstruktion und des Experiments, wie es das Regietheater nicht zuletzt in Bayreuth pflegt, sondern aus dem Geiste der Musik, in zurückhaltenden Bühnen-Arrangements ganz ohne Buh-Aufreger. Eine eigene Wagner-Kuhn-Gemeinde entstand da am Inn.

Stars machen, statt Stars einkaufen

Vom „Geist von Erl“ war zum jetzigen Festspiel-Finale in vielen Gesprächen zu hören. Dieser Geist wird zumal in den großen Kollektiven gelebt, dem Orchester und Chor, in denen der familiäre Gedanke der Akademie, des motivierten Erarbeitens von für die meisten Mitglieder neuem Repertoire, dem Meeting und Mating von Musikern aus Ost und West Ereignis wird. Kernkompetenz und Markenzeichen der Festspiele ist zudem das über Jahre angelegte Hineinwachsen junger Sänger in dramatische Partien. Da gibt es also gleichsam echte Erl-Karrieren wie jene der russischen Sopranistin Anna Princeva, die zur Abschluss-Soirée „Tu che le vanità“ aus Verdis „Don Carlo“ sang, mit edlem Spinto, intensiver Gestaltung und berührenden Pianissimi. Erl hatte nie das Budget, um Stars einzukaufen, es hat Stars gemacht. Wobei zur Festspiel-Familie immer auch bereits bedeutende Sänger gehörten, die sich dem Geist verpflichtet fühlten. Kammersänger und Bass-Bariton-Altmeister Oskar Hillebrandt war jetzt nochmals zu Gast mit „Riez, riez“ aus Massenets „Don Quichotte“. Da sitzt immer noch jeder Ton. So geht Singen.

© Xiomara Bender

Anna Princeva

Anna Princeva

Nur einer fehlt: Gustav Kuhn im #MeeToo-Zeitalter

Visionär und Gründer, Prinzipal und Patriarch Gustav Kuhn freilich fehlte zum festlichen Finale des diesjährigen Sommerfestivals. Im Herbst musste er seinen Hut nehmen. Die #MeeToo-Debatte hatte den Dirigenten, der sich dem Lebensmotto „Wein, Weib und Gesang“ eng verbunden fühlen muss, eingeholt. Öffentlich wurde über sexuelle Belästigung und einen selbstherrlich eigenwilligen Führungsstil debattiert, der auch zur ungleichen Bezahlung von Orchestermusikern und nicht regelkonformen Vertragsverhältnissen geführt haben soll.

Herkulesaufgabe für Andreas Leisner

Für eine Festspiel-Saison übernahm dann im vergangenen Herbst Andreas Leisner die künstlerische Leitung. Vor dem Opernregisseur, Kulturmanager und Dirigenten lag eine Herkulesaufgabe. Er brachte Transparenz, Fairness und Regelkonformität in den Festivalbetrieb. Und er entwarf in Kürze ein Programm, das ganz seine Handschrift trug und doch auch ganz den Geist von Erl atmete, wie Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner betont, der als wichtigster Förderer und Ermöglicher des Festivals eine Schlüsselrolle spielt, um Kuhns Lebenswerk in die Zukunft zu führen. Leisner frischte Kuhns Inszenierung von Rossinis „Wilhelm Tell“ auf, setzte die Ticket-Cash-Cow „Aida“ in Verbindung mit der grandiosen Ausgrabung von Braunfels „Die Vögel“ aufs Programm, lud bedeutende Dirigenten und spannende Regieteams ein und entwickelte eine Festspiel-Dramaturgie, die europäisches Format hat.

Glänzender künstlerisch-diplomatisch-dramaturgischer Balance-Akt

Nicht zuletzt Andreas Leisners „Komposition“ der Konzert und Oper einenden Abschluss-Soirée war nun bestes Beispiel, wie beherzter Aufbruch und Reverenz an den Gründer Gustav Kuhn zusammenspielen können – ein glänzender künstlerisch-diplomatisch-dramaturgischer Balance-Akt, bei dem zum Glück keine Reden geschwungen wurden. Die hier zwingend mitschwingenden Ambivalenzen von nötiger Distanzierung und angemessener Ehrerbietung transportiert die Musik in ihrer semantischen Mehrdeutigkeit schließlich deutlich besser als jedes gesprochene Wort. Bass-Naturereignis Andrea Silvestrelli, der über Jahre Kuhns Hagen und Fafner war, nutzte Rossinis „La Calunnia“-Arie für ein sehr persönliches Statement von der Macht der Verleumdung. In Schuberts „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“, enorm feinfühlig gesungen von Julian Orlishausen, konnte, wer wollte, zwischen den Noten- und Textzeilen lesen, was das Lied wohl mit dem Abgewanderten zu tun haben könnte.

© Xiomara Bender

Andrea Silvestrelli

Andrea Silvestrelli

Die ungeahnten Schattierungen der strahlenden Tonart C-Dur

Opern-Dialektik schlechthin glückte Leisner schließlich mit der Festwiese aus Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, aufgeführt „nach einer Inszenierung von Gustav Kuhn“. Andreas Leisner dirigierte das Orchester der Tiroler Festspiele Erl mit seinen warm abgetönten Streichern in der idealen Mitte aus innerer Freiheit und polyphoner Strenge. Da erklang ein menschenfreundlicher Wagner. Da sang ein an seinem Hans Sachs-Charisma sehr wohl zweifelnder Franz Hawlata ohne alle auftrumpfenden Heldenbaritontöne. Da schenkte Ferdinand von Bothmer dem Junker Stolzing innige Tenorlyrik. Da befreite James Roser den Beckmesser von aller bösen Judenkarikatur und sang den Stolzing-Widersacher mit geradewegs belkantistischem Bariton. Leisner ließ Richard Wagners das Leben feiernde finale C-Dur krachen und demonstrierte gleichwohl die Ambivalenzen des Tradition und Innovation versöhnenden Werks. Da konnte der nicht anwesende, aber doch indirekt präsente Ex-Prinzipal eigentlich glücklich sein, wie sein Erbe in die Zukunft geführt wird.

Tiroler Festspiele Erl
Abschluss-Soirée
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg u.a.

Andreas Leisner / Ekhart Wycik / Beomseok Yi (Leitung), Jaafar Chalabi (Bühne), Lenka Radecky (Kostüme), Frederik Baldus, Joo-Anne Bitter, Ferdinand von Bothmer, Iurie Ciobanu, Franz Hawlata, KS Oskar Hillebrandt, Hui Jin, Svetlana Kotina, Anna Lucia Nardi, Julian Orlishausen, Giovanni Battista Parodi, Anna Princeva, James Roser, Alena Sautier, Raphael Sigling, Andrea Silvestrelli, Bianca Tognocchi, Giorgio Valenta, Nicola Ziccardi, Chor und Orchester der Tiroler Festspiele Erl

Auch interessant

OPERN-KRITIK: TEATRO ALLA SCALA - TOSCA

Kino ohne Kamera

(Mailand, 7.12.2019) Anna Netrebko triumphiert zur Saisoneröffnung der Scala in der Titelrolle von Puccinis Verismo-Schocker „Tosca“, aber die vernachlässigte Personenregie enttäuscht. weiter

Opern-Feuilleton: Luciano Pavarotti

Pavarottissimo

Ein neuer Dokumentarfilm über Luciano Pavarotti gibt intime Einblicke in das doppelte Leben des größten Tenors seit Enrico Caruso. weiter

Premiere: Der goldene Drache

Was macht der Zahn in der Thai-Suppe?

Peter Eötvös’ Oper „Der goldene Drache“ ist eine bitterböse Groteske über soziales Elend. weiter

Kommentare sind geschlossen.