Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Das Rheingold

Stimmenfest und Budenzauber

(Berlin, 12.6.2021) Regisseur Stefan Herheim spart nicht an Kalauern im nun nachgelieferten „Ring“-Vorabend, Sir Donald Runnicles, das wagnerversierte Orchester und das gefeierte Ensemble begeistern restlos.

© Bernd Uhlig

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Szenenbild aus „Das Rheingold“

An der Deutschen Oper Berlin hat die Pandemie den geplanten neuen Nibelungen-Ring ziemlich aus dem Tritt gebracht. Zumindest den ursprünglichen Zeitplan konnte man nicht einhalten. Aber wer vermochte das schon. Im Juni 2020 war nur eine provisorische, halbkonzertante Rheingold-Variante auf dem Parkdeck hinter der Deutschen Oper möglich. Dieses Durchhaltetrostpflaster für die Wagner-Gemeinde rechnet nicht mit.  Im September startete man dann mit der „Walküre“ – jetzt wurde „Das Rheingold“ nachgereicht.

Musikalisch grandios

Was die Protagonisten auf der Bühne und Sir Donald Runnicles mit dem hörbar ringversierten Orchester der Deutschen Oper boten, war schlichtweg grandios. Vor allem das Fest der Stimmen löste Jubel beim Publikum aus. Das Orchester mit seinem erzählerischen Sog und den ausgelegten Motivspuren ebenso. An der Spitze der Ensembles beeindrucken vor allem Markus Brück als grandioser Alberich und Thomas Blondelle als obendrein komödiantischer Loge im fast klassischen Mephistokostüm oder Ya-Chung Huang als Mime mit Wagnerbarett. Aber auch der vokal standfeste Derek Welton als Wotan und Annika Schlicht als präzise Fricka und die souverän warnende Erda Judit Kutasi überzeugen ohne Abstriche. Das gilt aber auch für Jacquelyn Stucker als Freia, Thomas Lehman als Donner und Matthew Newlin als Froh sowie für Andrew Harris und Tobias Kehrer als Fasolt und Fafner sowie Valeriia Savinskaia, Irene Roberts und Karis Tucker als Woglinde, Wellgunde und  Flosshilde.

Gestärkte Stringenz, doch offene Fragen bleiben

Stefan Herheims großes Regieprojekt vor seinem Wechsel auf den Intendantensessels des Theaters an der Wien freilich, das in der „Walküre“ zwischen Ambition und extensiv eingesetzter Koffermetaphorik verschüttet zu werden drohte, liefert jetzt im „Rheingold“ zwar mit etlichen Bildern und szenischen Lösungen rückwirkend Erklärungen, die über den Cliffhanger am Ende hinausgehen und vor allem seinen methodischen Zugriff im Detail ausbreiten. An der Seite von gestärkter Stringenz marschieren aber auch die offenen Fragen auf bislang noch wackligem Grund mit.

© Bernd Uhlig

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Ganz so, wie die Göttersippe auf dem halsbrecherischen Regenbogensteg Richtung Problemimmobilie Walhall. Wotan lässt Fricka, Freia, Donner und Froh alleine dort einziehen, zaubert schon mal ein Schwert für den folgenden Teil aus der Partitur, schiebt den Souffleurkasten beiseite, zieht das Jacket aus und verschwindet dahin, wo er Erda vermutet. Die hatte ihren Auftritt mit der Warnung vor dem Ende genau von diesem Platz der Souffleuse aus. Das gedankliche Vorspulen in Wotans Ausbruch ins Menschlich-Allzumenschliche  zwischen „Rheingold“ und „Walküre“ wird gekrönt mit einer Großprojektion der Embryos von Siegmund und Sieglinde auf das jetzt schon mal zur metaphorischen Hunding-Esche geformte Riesentuch.

Übersprudelnde Phantasie des Regisseurs

Auf eins zwei hat Herheim so das, was im „Zwischenring“ passiert, mitinszeniert. Das kann man als Zuschauer durchaus nett finden. Oder übertrieben. Es entspringt wie viele Einfälle und Gags des Abends auch der übersprudelnden Phantasie dieses Regisseurs, der gerne den Bühnenzauberer gibt. Außerdem liebt er es deftig und deutlich. So oft wie diesmal wurde der jugendlichen, sich sofort in ihren Geiselnehmer-Riesen Fasolt verliebenden Freia wohl noch nie an die Brust gefasst. Zum Glück ist die golden gepanzert – die goldenen Äpfel der Jugend halt.

Einen regelrechten Kalauer macht die Regie aus der Verwandlung Alberichs in einen Riesenwurm, die Wotan und Loge bei ihrem Besuch in Nibelheim einfordern. Zunächst greift Wotan zur Partitur, liest mit, was aus dem Graben als akustischer Riesenwurm aufsteigt, imaginiert sich also ein Bild aus der Musik. Dann aber greift sich Alberich in den Schritt, dreht sich mit dem Rücken zum Publikum und öffnet vor Loge und Wotan seinen Mantel, wie der Klischee-Exibitionist im Park. Wotan freilich bricht (so ähnlich wie die alte Frau im entsprechenden Witz mit dem langen Bart) in schallendes Gelächter aus. Na ja.

© Bernd Uhlig

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Zugespitzte Zitate aus der Rezeptionsgeschichte des „Rings“

Interessanter ist da während des Rückwegs aus Nibelheim Wotans hinzu erfundenes Probezaubern mit dem Ring, den er eigentlich noch gar nicht in seinen Händen haben dürfte. Hier hat er und genießt dessen Zauberkraft. Er ist eben auch nur ein Mensch, der gerne spielt. Und in der Hinsicht dem Regisseur durchaus ähnlich. Loge bringt den ausgeflippten Gott aber – mit der Partitur drohend – wieder auf Kurs. Dass Wotan dann an der vorgesehenen Stelle nicht nur den Ring, sondern gleich noch einen Finger Alberichs an sich reißt, das Schmuckstück mit dem Mund entfernt und den Finger im hohen Bogen wegwirft, ist eines der zugespitzten Zitate aus der Rezeptionsgeschichte des „Rings“, auf die Herheim immer wieder Bezug nimmt.

Auch den (Wagnerschen) Konzertflügel als Ort für Auf- und Abgänge zu benutzen, ist ja legitim, wenn alles aus der Musik erwächst. Bei Herheim kommt nicht nur das Personal aus diesem Flügel, sondern auch das gigantische Riesentuch. Damit werden die Rheinwogen getanzt oder durch einen einfachen Trick eine beeindruckende Gebirgslandschaft imaginiert. Sie wird aber auch Projektionsfläche, die dann wieder in dem Schlund des Instrumentes verschwindet. Wenn die Techniker noch ein bisschen üben, und es bis zur Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit fürs Publikum schaffen, dann sind das fantastische Herheim-Effekte. (Beim Bühnenbild assistierte Silke Bauer dem Regisseur.)

© Bernd Uhlig

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Szenenbild aus „Das Rheingold“

Der Rhein als Flüchtlingsstrom

Dass man zu Beginn ins Stöhnen kommt, wenn ein mit Koffern ausgestatteter Flüchtlingsstrom in der Mode der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts anmarschiert (Kostüme: Uta Heiske), hat sich das Regietheater selbst zuzuschreiben. Diese Bilder sind eben reichlich überstrapaziert. Selbst wenn man keine platten Rückschlüsse vom Fließen des Rheins auf den Strom von Flüchtlingen zieht, sondern die mehr als unbehauste Zeitreisende ansieht. Warum die sich dann allerdings ihrer Klamotten entledigen und in Unterwäsche miteinander rummachen, erschließt sich nicht wirklich. Dass Alberich scharf auf die flotten Rheintöchter ist, versteht man auch ohne die ziemlich alberne Beinahe-Orgie im Hintergrund. Einen sozusagen politischen Zeitbezug verpasst Herheim dem Regime Alberichs über seine Nibelungen-Armee. Die lässt er zu Wagners Musik in Uniform (à la Wehrmacht) marschieren. Mit erhobenem rechten Arm. Wenn Alberich seiner Truppe tänzelnd folgt, erinnert das an Chaplins Großen Diktator. Wirklich fesseln können ihn der göttliche Ringdieb und sein teuflischer Helfer erst, nachdem der mit Wagner-Barett auftauchende Mime seinem Bruder hier mal eins mit dem Hammer verpassen durfte.

Pointen-Überschuss

Im Detail seiner Personenführung nutzt Herheim jede noch so kleine musikalische Pointe als choreografische Vorlage. Bei ihm fährt die Musik seinen Darstellern geradezu wortwörtlich in die Glieder. Und das in Perfektion mit einem gelegentlichen Überschuss. Da er dabei jeden Witz mitnimmt, kommt szenisch hin und wieder auch der etwas alberne Kalauer raus. Im Großen und Ganzen hat er – das kann man nach den zwei vollendeten Teilen sagen – vor allem eine ästhetisch durchgängige Erzählung im Visier – also das Gegenstück zu Frank Castorfs „Ring“. Die Substanz und der Weltbezug des Weltendramas freilich bleiben noch im Nebel. Aber bis zum Untergang der Götter sind ja noch einige Koffer ein- und auszupacken.

Deutsche Oper Berlin
Wagner: Das Rheingold

Sir Donald Runnicles (Leitung), Stefan Herheim (Regie & Bühne), Silke Bauer (Co-Bühnenbildnerin), Uta Heiseke (Kostüme), Torge Møller (Video), Ulrich Niepel (Licht), Alexander Meier-Dörzenbach & Jörg Königsdorf (Dramaturgie), Derek Welton Thomas Lehman Matthew Newlin, Thomas Blondelle, Markus Brück, Ya-Chung Huang, Andrew Harris, Tobias Kehrer, Annika Schlicht, Jacquelyn Stucker, Judit Kutasi, Valeriia Savinskaia, Irene Roberts, Karis Tucker, Orchester der Deutschen Oper Berlin

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