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Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Nixon in China

Spektakel für Multitasker

(Berlin, 22.6.2024) Dem Gipfeltreffen zwischen Richard Nixon und Mao Tse-tung 1972 setzt das Künstlerkollektiv „Hauen und Stechen“ in ihrer Neuinszenierung von John Adams‘ „Nixon in China“ an der Deutschen Oper surreale Welten entgegen.

vonMichael Kaminski,

Reizüberflutung, die oft nicht zu bändigende Fülle der Einfälle: darin besteht die Antwort des Künstlerkollektivs „Hauen und Stechen“ auf ein historisches Ereignis, das seinerseits zum medialen Hype geriet. Der vom Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon beim Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung im Jahr 1972 ausgelösten Nachrichtenflut setzen die Regisseurinnen Franziska Kronfoth und Julia Lwowski an der Deutschen Oper Berlin surreale Welten, schrille Revue und brutale Performance entgegen. Das Dokumentarische zeigt sich auf das für den Handlungsgang von „Nixon in China“ Unerlässliche reduziert. Immerzu strengen sich die beiden Staatschefs an, ihre Bedeutung bis ins Unermessliche aufzuplustern. Wenn Mao bekundet, von seinem Lebenswerk werde nicht viel bleiben, so kokettiert er, dann würzt er die selbstverliebte Geste scheinbarer Demut allenfalls mit ein wenig Sentimentalität. Dies einzig, um desto überragender zu erscheinen. Der Philosophenhabitus soll Nixon imponieren, hingegen lässt der Große Vorsitzende für die Massen seinen markanten Kopf bis weit über jede Lebensgröße hinaus anschwellen. In Berlin machen‘s die Bühnenplastiker mit einem Riesenhaupt möglich, das sich der Machthaber bei Bedarf überstreift.

Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin
Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin

Menschliche Solidarität und amerikanische Hygienevorstellungen

Nixon wirft sich beständig in Positur. Jederzeit nah am Mann, reckt er sich, schwellt den Brustkorb, um in einer Mixtur aus Businessman und Cowboy allzeit bereit den Wettbewerbern zu beweisen, wo der Hammer hängt. Erdung und ehrliche Teilnahme am fremden Land und seinen Menschen bringt seine Frau Pat ins Spiel. Ihre Empörung über die vorrevolutionären Zustände in China ist ebenso echt wie die Besinnung auf die einfachen Verhältnisse, aus denen sie stammt. Kronfoth und Lwowski zwingen sie dennoch ins System der obwaltenden Machtstrukturen. Bühnenfiktion und reale gesellschaftliche Zustände von einst verwechselnd, greift sie zwar während der Aufführung des von Maos Gattin ersonnenen klassenkämpferischen Vorzeigeballetts zu Gunsten der Folteropfer des chinesischen Feudalismus ein. Doch lediglich, um von oben herab, in großer Abendrobe, mit perfekter Frisur und Handbrause das Blut von den Geschundenen zu duschen. Menschliche Solidarität beschränkt sich auf amerikanische Sauberkeits- und Hygienevorstellungen. Während Henry Kissinger in der bloßen Karikatur verharrt, die ihm das Werk ohnehin verpasst, überzeichnet das Spielleiterinnenduo Außenminister Chou En-lai zu einer elegisch angehauchten Figur aus dem romantischen Opernrepertoire, wie sie jedem lyrischen Bariton zupasskommt.

Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin
Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin

Pandas und Taikonauten

Alles dies siedeln Kronfoth und Lwowski in Yassu Yabaras Bildwelt an. Surrealistisch schweben Nixon und seine Entourage statt nach Peking einzufliegen an den Tentakeln einer ungeheuren Qualle aus dem Bühnenhimmel herab. Eine chinesische Raumsonde fährt auf Nixons Lob der völkerverbindenden Kraft der Raumfahrt hin aus dem Tisch fürs Staatsbankett in der Großen Halle des Volkes, um ins All abzuheben. Wo sie von einer zum Satelliten mutierten Büffetplatte erwartet wird. Eine multifunktionale Bogenbrücke dient gleichermaßen zur Andeutung auf chinesische Parkarchitektur wie – showmäßig illuminiert – als faustdicker Hinweis aufs Musical. Kostümbildnerin Christina Schmitt bevölkert die Szene mit Glitzercowboys aus dem US-Showbizz, Kollektiven in operettenhaften Maouniformen, Taikonauten, Außerirdischen, Pandas und Meeresgetier. Die Garderobe der Zentralfiguren gibt sich mehr oder minder karikiert. In der Farbe des Körpersaftes entsprechender Galarobe spült Pat Nixon das Blut von den Opfern des chinesischen Feudalismus. Chou En-lai pflegt im körperbetont-grauen Maßanzug seine poetische Edelmelancholie. Kollektive und Führungspersonal nimmt abwechselnd Martin Mallon mit seiner Livekamera ins Visier.

So findet denn, was sich weit im Bühnenhintergrund zuträgt, detailerpicht auf die Leinwand. Ein seitlich am Portal aufgestellter Green Screen ermöglicht, die Personnage in hollywoodreife Szenerien zu versetzen. Vieles davon geschieht simultan. Oft schaltet der Blick zwischen physischen Vorgängen auf der Bühne, Greenscreen und Leinwand hin und her, das Auge erbringt Höchstleistungen. Ob das Optimum an Wahrnehmung leistend, die eine oder der andere der Zuschauenden sich durchgehend befähigt zeigt, die Inflation an Reizen völlig zu verarbeiten, muss dahingestellt bleiben, darf aber bezweifelt werden.

Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin
Szenenbild aus „Nixon in China“ an der Deutschen Oper Berlin

Monumentalität und Groove im Wechsel

Musikalisch gleißt, leuchtet und glitzert das Werk von John Adams in seinen sämtlichen Facetten. Freilich ist die übersteuerte Mikrofonie während der ersten anderthalb Akte ein Graus. Danach hat die Tonabteilung die Sache im Griff. Den Chor der Deutschen Oper bewegt Jeremy Bines dazu, sich je nach Situation monumental oder groovig hören zu lassen. Aus dem Graben tönt das Orchester des Hauses unter Daniel Carter wechselnd pathetisch und dem musikalischen Unterhaltungstheater zugetan. Thomas Lehman ist ein viril geradeaus singender Nixon. Für die First Lady nimmt Heidi Stober durch vokale Strahlkraft und Eleganz ein, für privatere Augenblicke durch Wärme. Charaktertenoral durchschlagskräftig und höhensicher verkörpert Ya-Chung Huang den Großen Vorsitzenden Mao. Als dessen Frau besticht Hye-young Moon durch maßlos aggressive und arrogante Koloraturen. Kyle Miller ist ein lyrisch-nobel an der Welt leidender Chou En-lai. Seth Carico bleibt dem Kissinger-Zerrbild nichts schuldig.

Deutsche Oper Berlin
Adams: Nixon in China

Daniel Carter (Leitung), Hauen und Stechen (Künstlerische Leitung): Franziska Kronfoth und Julia Lwowski (Regie), Yassu Yabara (Bühne), Christina Schmitt (Kostüme), Martin Mallon (Video, Live Kamera), Henning Streck (Licht), Jeremy Bines (Chor), Kyle Miller, Thomas Lehman, Seth Carico, Elissa Pfaender, Deborah Saffery, Davia Bouley, Ya-Chung Huang, Heidi Stober, Hye-Young Moon, Gina-Lisa Maiwald, Angela Braun, Thorbjörn Björnsson, Jean Chaize, Brigitte Cuvelier, Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester der Deutschen Oper Berlin




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