Opern-Kritik: Innsbrucker Festwochen der Alten Musik – L'amazone corsara

Märchenhaftes Vergnügen

(Innsbruck, 18.8.2022) Mit einer veritablen Entdeckung von Carlo Pallavicino und Preisträgern des Innsbrucker Cesti-Wettbewerbs liefert die Barockoper Jung der Innsbrucker Festwochen ein erstklassiges Sänger- und Opernfest.

© Birgit Gufler

Von erlesener und knalliger Buntheit: Carlo Pallavicinos „L'amazzone corsara“ bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

Von erlesener und knalliger Buntheit: Carlo Pallavicinos „L'amazzone corsara“ bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

Betreffend Opern-Entdeckungen sind die 46. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik ein sehr guter Jahrgang. Das lässt sich bereits nach der zweiten von drei Opernpremieren bestätigen (am 25. und 27. August folgt noch Giovanni Bononcinis „Astarto“). In Carl Heinrich Grauns „Silla“ (Berlin 1763) gab es nicht nur die vier Countertenöre Bejun Mehta, Valer Sabadus, Samuel Mariño und Hagen Matzeit zu bestaunen, sondern auch einen der spannendsten Opernakte des mittleren 18. Jahrhunderts. Und die Premiere der „Amazonen-Korsarin“ (Venedig, 1686) von Carlo Pallavicino ist nach Alessandro Melanis „L‘empiopunito“ bei den Festwochen 2020 ein weiteres Beispiel für viele Überraschungen, welche Opernentdeckungen Innsbruck aus dem späteren 17. Jahrhundert bereithält. Mit Preisträgern des Innsbrucker Cesti-Wettbewerbs lieferte die Produktion von Barockoper Jung ein erstklassiges Sänger- und Opernfest.

Musik macht Theater

Die Dekorationen auf der relativ kleinen Bühne der Kammerspiele im Haus der Musik sind mit wenigen Mitteln von erlesener und knalliger Buntheit. Drei Wände mit Büchern sind zu sehen, und vier junge Gestalten in Schwarz gehören dort zum Personal. Die Kostüme der Sänger sind diesen Elementen durch Schnitt, Stoffmenge, Luxus und Leichtigkeit ebenbürtig. Die Figuren des Dramas springen heraus aus der Bibliothek, Literatur wird zu Spiel, und manchmal greifen die vier stummen Gestalten ein. Man sieht und hört es, dass der für Szene und Ausstattung verantwortliche Alberto Allegrezza das ganze Ensemble mit seiner Liebe für dieses phantastische Dramma per musica angesteckt hat. Auch Luca Quintavalle und die zehn Musiker zeigen sich vom Pallavicino-Virus gepackt. In jeder Partie gibt es packende und betörende musikalische Stellen. Quintavalle lässt so manche Arie nur von einem Instrument begleiten und bringt immer einen der Szene angemessenen instrumentalen Farbtopf zum raffinierten Köcheln. Alles klingt straff, leicht und mit einer Vielzahl von Schattierungen. Nach drei Stunden hat man das Gefühl, der Abend könnte auch die doppelte Spieldauer haben. Das liegt auch an den goldrichtigen Tempi und der forsch federnden Haltung der Produktion.

© Birgit Gufler

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Mittelalterlicher Fabel-Stoff

Ein überraschendes Sujet hatte der gesuchte Librettist Giulio Cesare Corradi für Pallavicinos 1686 in Venedig uraufgeführte Oper ausgesucht. Kein mythologischer Stoff, keine altrömische Staatsaktion und keine Komödie mit Lehrabsicht, wie sie in diesen Jahren Alessandro Stradella und andere vertonten. „L‘amazzone corsara“ folgt einer sagenhaften Story frei nach den „Gesta Danorum“ des Saxo Grammaticus aus dem 12. Jahrhundert. Damit kommen einige Märchenmotive in das Stück. Die Titelfigur Alvilda lehnt sich gegen eine Liebesbeziehung auf wie Shakespeares Widerspenstige vor der Zähmung. Aber am Ende streckt sie vor dem König Alfo von Dänemark doch die Waffen, wird dessen Gattin wie Gilde die des viele schöne virtuose Arien singenden Olmiro. Trotz einer Vielzahl von Arientypen hat jede Figur ihren ganz eigenen Charakterton, singt Alvilda ihre männerverachtenden Tiraden anders als die praktikable Gilde ihre ausgetricksten Offensiven. „L’amazzone corsara“ präsentiert märchenhafte Kollisionen und veredelt diese auch mit im Barock noch immer gern goutierten Vergleichen zur antiken Mythologie.

© Birgit Gufler

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Ein Verfechter frühbarocker Theatermittel führt Regie

Die Inszenierung macht vieles von der Spätrenaissance sichtbar, vor allem in den Geschlechterpositionen. Alvilda ist natürlich ein Ideal. Aber mit ihrem militärischen Ruhm ist es bei Pallavicino und Corradi gleich am Anfang vorbei. Um sich seine schöne Gegnerin nach fünf Jahren erfolglosen Schmachtens endlich zu erobern, setzt Alfo die ihm in einer Schlacht endlich Unterlegene in einem steinernen Rapunzel-Turm gefangen. Auch das sieht man in der Inszenierung Alberto Allegrezzas, der sein Ensemble leichthin gestikulieren lässt. Der Flötist und Verfechter frühbarocker Theatermittel verfährt in seiner Bewegungssprache für die Figurenmit einer choreographischen Differenzierung auf Höhe von Pallavicinos Vertonung. Die Musik kommt mit ihrer gestischen, artifiziellen, auch psychologischen Geschmeidigkeit mühelos an einige bessere Werke des späten 18.Jahrhunderts heran. Oder täuscht das, weil alle auf der Bühne und im Orchester so gut sind?

© Birgit Gufler

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Szenenbild aus „L'amazzone corsara“

Tolles Ensemble

Während Alvilda lange Zeit spröde und aggressiv bleibt, kehrt Alfo beim sehr demütigen Liebeswerben seine weiche, fast frauliche Seite nachaußen. Der rote Samt steht ihm auch in derart intimen Momenten hervorragend. Julian Rohde hat dafür einen kernig-weichen Tenor und modelliert den Charakter mit dem Verständnis der Gegenwart, in der Männer eher sanft als hart sein sollten. Shira Patchorniks lyrischer Heroensopran in der Partie von Alfos Bruder Olmiro klingt dagegen schon sehr zielstrebig und auch nach vielen Koloraturen beachtlich rund. Helena Schuback vollzieht eine plausible Kontrastierung der Titelfigur. Eindrucksvolle bis scharfe Deklamationen kontrastiert sie in den Arien mit einer sehr sensiblen Klangkomponente. Einen noch größeren Part hat Hannah De Priest als Gilde. Sie gurrt, lockt und spinnt sinnvolle Ränke. Für jede von Gildes Ideen wechselt De Priest die Stimmfarbe. Der Countertenor Rémy Brès-Feuillet zeigt als Delio ein elegantes und fast freches Timbre, das mit seiner tänzerischen Wendigkeit optimal zusammenpasst. In ihrem Prolog als Fama stellt Marie Thêoleyre die Protagonistin Alvilda als furchteinflößende und sozial fast unzumutbare Regentin vor. Rocco Lia kann mit einem schlanken, kultivierten Belcanto-Bass an seinen großen Erfolg in „L‘empio punito“ vor zwei Jahren anknüpfen – diesmal in einer Vaterfigur, welcher er eher Eleganz als Strenge gibt. Vom begeisterten Publikum gab es für alle viel Applaus.

Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
Pallavicino: L’amazzone corsara, ovvero L’Alvilda regina de’ Goti

Luca Quintavalle (Leitung), Alberto Allegrezza (Regie, Bühne & Kostüme), Oscar Frosio (Licht), Helena Schuback, Julian Rohde, Shira Patchornik, Hannah De Priest, Marie Thêoleyre, Rémy Brès-Feuillet, Rocco Lia, Barockorchester:Jung

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