Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – Der fliegende Holländer

Bei Seegang nicht gekentert

(Berlin, 27.11.2022) Herbert Fritsch überrascht an der Komischen Oper Berlin mit Richard Wagners romantischer Oper – im überaus positiven Sinne.

© Monika Rittershaus

Gespenstergeschichte mit hohem Unterhaltungswert: Wagners „Der fliegende Holländer“ unter der Regie von Herbert Fritsch

Gespenstergeschichte mit hohem Unterhaltungswert: Wagners „Der fliegende Holländer“ unter der Regie von Herbert Fritsch

„Nicht anfassen!“ – dieser Zwischenruf ist ein kleines szenisches Leitmotiv, das Herbert Fritsch an der Komischen Oper Berlin Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ untergejubelt hat. Sich selbst und das Stück kann Fritsch damit nicht gemeint haben. Er hat nicht nur angefasst, er hat als Regisseur sogar recht beherzt zugelangt. Gemeint ist der ziemlich kompakte Holländersegler, der sich im Bühnenguckkasten erstaunlich vielseitig und wild zur Ouvertüre von der finster entschlossenen Mannschaft (von außen) bewegen lässt. Ohne zu kentern.

Mit seinem dazwischen gerufenen Berührungsverbot meint der Holländer, dass Daland die Finger von dem Kahn lassen soll. Den Gag greift Fritsch noch mal auf, wenn sich Daland vom Publikum ertappt fühlt, als er sich aus Versehen anlehnt. Am Ende, wenn die menschenleeren, von innen leuchtenden Kostüme des Holländers und Sentas aus der jetzt oben offenen Bühne gen funkelnden Sternenhimmel entschweben, gibt es den Zwischenruf noch einmal. Und man kann darüber nachdenken, ob damit noch mehr gemeint sein könnte. Der ganze Verklärungs- und Erlösungsüberbau der Geschichte etwa.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Perfekte Choreographie des Chors

Der stilisierte Segler bleibt jedenfalls das zentrale Ausstattungsutensil in der Gespenstergeschichte, die beim gelernten Schauspieler und spätberufenen, mittlerweile gehypten Opernregisseur Fritsch (71) einen überraschend hohen Unterhaltungswert hat. Im Graben wird Richard Wagners früher, wirklich großer Wurf vom Bonner GMD Dirk Kaftan zupackend dirigiert. Er liefert eine Musik mit erheblichem Seegang. Was sie ja immer ist. Diesmal aber besonders. Vor allem, weil man das auch sieht. Allerdings ohne einen eingeblendeten oder anderweitig imaginierten Tropfen Meereswasser.

Da kein Choreograph ausgewiesen wird, darf man die perfekte Choreographie des Abends ohne weiteres dem Regisseur zurechnen. Hier bewegt die Musik die verschiedenen Chormannschaften im Ganzen und im Detail ebenso wie die Protagonisten; entschlossen und so passgenau, wie man es selten erlebt! Man sieht, was man hört. Und da das, was man sieht, zum Teil auf eine überraschend leichte Weise ernst genommen wird, hört man vieles von dem, was man zu kennen glaubt, anders und neu. Eine Opern- bzw. Fritscherfahrung, auf die man schon gar nicht mehr zu hoffen wagte.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Wagnerpop: mit viel Grün und Rot

Die Bühne, die sich Fritsch (unter Mitarbeit von Andrej Rutar) wie immer selbst entworfen hat, ist auch hier bunt. Aber das nervt diesmal nicht, sondern ist Teil des Gesamtkunstwerks. Rubrik: Wagnerpop. Mit viel Grün und Rot natürlich. Bei den stilisierenden Kostümen von Bettina Helmi dominieren klassische Matrosenuniformen und helles Blau für die Norweger und ihre Bräute auf der einen Seite und eingetrübtes Pastell für die verrückten Klamotten der Holländerzombies auf der anderen. So ist immer alles fein zu unterscheiden. Auch wenn Gedränge in der Bühnenkiste herrscht.

Dass der (von David Cavelius einstudierte und mit dem Vokalconsort Berlin erweiterte) Chor der Komischen Oper neben seiner Hauptaufgabe zu singen auch ein komödiantisches Haus-Gen intus hat, nutzt Fritsch weidlich aus. Hier spielen sie allesamt eine Rolle und das mit Lust! Beim „Steuermann, lass die Wacht!“ erspart die Regie den Sängern und uns jede trampelnde Schunkelei – die Decke des Bühnenkastens wird leicht angehoben, und die Matrosen steuern den bekannten Chor-Hit der Oper von oben bei. Einfach so.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Dieser Holländer ist eindeutig nicht von dieser Welt

Sonst passiert hier aber nichts einfach so, sondern ist immer Teil eines Ganzen, das die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen vermag. Die Besatzung des Holländers besteht ja immer aus Zombies, also Wesen zwischen Leben und Tod. Diesmal sehen sie auch so aus, ohne gleich zu Horrorfiguren zu werden. Viele mit Frauenklamotten in einem heruntergekommenen Piratenlook. Nur ihr Boss (wie auch Senta auf der „anderen“ Seite) fällt schon optisch aus dem Rahmen. Auch er ist eindeutig nicht von dieser Welt. Die Garderobe gar von leicht lädierter Piraten-Eleganz. Bleiches Gesicht und eine rotgelockte Haarpracht, doch mit dem Sexappeal eines barocken Popstars. Wenn er wie ein Roboter staksend auftaucht ist das eine falsche Fährte – denn seine geschmeidige Körpersprache ist die pure lässige Verführung. Das ist einer, der das dröge Erdendasein hinter sich gelassen und wohl sogar zu verachten gelernt hat.

Sein Landgang ist eher aus der Kategorie „Man-kann-es-ja-nochmal-versuchen“, als ein Akt purer Verzweiflung. Damit ist der Figur alle Überfrachtung mit der Aura der Verdammnis und Erlösung genommen. Von diesem Holländer jedenfalls kommt man nicht los. Sein Charisma reicht weit über Senta hinaus. Er ist hier wirklich die Hauptfigur, vor allem weil Herbert Fritsch im Grunde seine Perspektive einnimmt. Günter Papendell hat gerade an der Komischen Oper schon oft überzeugt – dieser Holländerzombie ist ein echtes Meisterstück. Aber auch Daniela Köhler ist eine Senta von überragender vokaler und darstellerischer Überzeugungskraft. Stimmlich überstrahlen diese beiden das Ensemble deutlich, glänzen im Auftrumpfen, riskieren auch die leisen Töne.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Szenenbild aus „Der fliegende Holländer“

Die letzte persönliche Pointe des Regisseurs kommt zur Premiere mal wieder nach dem letzten Ton

Zwar nicht ganz mit ihrem Gesang, auf jeden Fall aber darstellerisch, halten auch der Steuermann von Caspar Singh, die Mary von Karolina Gumos und der vokal arg bemühte Brenden Gunnell als Erik mit. Dass Jens Larsen ein Erzkomödiant ist, der immer vollen Einsatz zeigt, erweist sich auch mit seinem Daland. Naturgemäß bleibt da vor allem der über und über mit Klunkern behängte Verkäufer seiner Tochter übrig. Beim Schlussapplaus fehlt der Regisseur zunächst. Der behielt sich wie immer eine persönliche Pointe vor und ließ sich auf einer Schaukel in den Schnürboden entschweben. Und blickte von dort in ein begeistert applaudierendes Publikum.

Komische Oper Berlin
Wagner: Der fliegende Holländer

Dirk Kaftan (Leitung), Herbert Fritsch (Regie & Bühne), Andrej Rutar (Bühnenbild-Mitarbeit), Bettina Helmi (Kostüme), David Covelius (Chor), Carsten Sander (Licht), Günter Papendell, Jens Larsen, Daniela Köhler, Brenden Gunnell, Karolina Gumos, Caspar Singh, Orchester der Komischen Oper Berlin, Chors der Komischen Oper, Vocalconsort Berlin

Auch interessant

Biennale der Berliner Philharmoniker 2023

Von exzessiver Neugier getrieben

Die Biennale der Berliner Philharmoniker fokussiert die Nachkriegs-Avantgarde. weiter

Tanz-Tipps im Februar 2023

Mädchenträume, Kakteen und Barockmusik

Der Februar hält vielerorts Klassiker und Novitäten des Tanztheaters bereit. weiter

Silvester- und Neujahrskonzerte in Berlin & Brandenburg

Walzer, Zirkus und Comedy

Von musikalischen Wundertüten und prächtiger Chormusik: Wir stellen Ihnen Veranstaltungstipps zum Jahreswechsel in Berlin und Brandenburg vor. weiter

Kommentare sind geschlossen.