Opern-Kritik: Nationaltheater Mannheim – Der Freischütz

Zurück in die Zukunft

(Mannheim, 8.4.2022) Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ wird zu einem Himmelfahrtskommando der besonderen Art. Das Regie-Kollektiv liefert keine Überschreibung, sondern lädt zu einem ernsthaften Eintauchen in eine opulent erinnerte Vergangenheit ein, zu der auch unsere Gegenwart gehört.

© Christian Kleiner

Himmelfahrtskommando der besonderen Art: „Der Freischütz“ am Nationaltheater Mannheim

Himmelfahrtskommando der besonderen Art: „Der Freischütz“ am Nationaltheater Mannheim

„Kommando Himmelfahrt“ und „Der Freischütz“ – das hat in der Kombination einen bedrohlichen Klang. In Mannheim steht die bekannte Wortkombination aber nicht für einen riskanten und absturzgefährdeten Umgang mit der oft so genannten deutschen Nationaloper. Hier weiß man aus Erfahrung, dass es sich bei diesem „Kommando Himmelfahrt“ um den Aufmerksamkeit heischenden Künstlernamen für ein ambitioniertes Kollektiv handelt, das aus dem Hamburger Komponisten Jan Dvořák, dem Berliner Regisseur Thomas Fiedler und der Dramaturgin und Produktionsleiterin Julia Warnemünde besteht. Bei der Mannheimer „Freischütz“-Produktion stehen sie gemeinsam für Konzept, Regie und Dramaturgie.

Dreifaches Vorspiel

Ein kleines interaktives Vorspiel mit dem Saal bei der Verkündung der Maskenpflicht auch während der Vorstellung geht freilich nicht auf ihre Kappe. Bei dem Hinweis, man möge doch beim Verlassen des Zuschauerraumes auf die 1,5 Meter Abstandsregel achten, reagieren die Zuschauer eingedenk der völligen Realitätsferne dieser Bitte unisono mit gelassen rumorendem Gelächter. In der Praxis der von Haus zu Haus so verschieden gehandhabten Vorsichtsregelungen dürfte das eine Premiere gewesen sein.

Als dann eine Frau vor den Vorhang trat, drohte keine Ansage eventueller Ausfälle – alle waren zur Stelle und versuchten ihr Bestes. Es handelte sich um die Schauspielerin Astrid Meyerfeldt, die das erste Mal in aller Ruhe und gut verständlich in das Himmelfahrtskommando der besonderen Art einführte, das dann folgte.

© Christian Kleiner

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Ein „Freischütz“ mit allem Jungfernkranz-Drum und Jägerchor-Dran

Und das war – trotz geballter Deutungsambition – vor allem deshalb erstaunlich, weil es auch, ja sogar vor allem, die Geschichte erzählte, die sich seit zweihundert Jahren als unverwüstlich erwiesen hat. Das deren Umsetzung selten restlos überzeugt, liegt weniger an der Musik, die fest im kollektiven Gedächtnis eingegraben ist, sich da längst verselbständigt und sich bei Überschreibungen der verschiedensten Art als erstaunlich resistent erwiesen hat. In Mannheim gibt es einen „Freischütz“ mit allem Jungfernkranz-Drum und Jägerchor-Dran. Bei den Musiknummern fehlt nichts – und sie sind zumeist sinnvoll atmosphärisch, bisweilen sogar witzig in Szene gesetzt. Wenn Agathe ihr „Das Auge, ewig rein und klar, Nimmt aller Wesen liebend war!“ singt, umschwebt die Szene eine in sich gekehrte Todesahnung. Man könnte dabei durchaus an Elisabeth im „Tannhäuser“ denken. Oder das heikle „Jo ho! Tralalalala!“ des Jägerchores. Diese Jäger sind hier barock kostümiert vor ihrem Fürsten aufmarschiert. Der hat seinen kleinen Kronprinzen dabei, der – verwöhnter Bengel wie er ist – dem einen Jäger beim andächtig militanten Gesang auf den Fuß tritt und dann versucht, einen nach dem andern aus dem Konzept zu bringen. Als die Truppe auf eine Frage des Fürsten, ob er der Bitte des Erbförsters nachgeben und Max für dessen Nachfolge zulassen solle ,eisern schweigt und er sie seinerseits mit einem lauten Ausruf erschreckt, dann ist das auch eine Art, obwaltende Machtstrukturen mit Witz zu illustrieren. Das gehört zur im Ganzen stringenten Binnenlogik einer Freischützgeschichte, die für sich genommen auf Kostümopulenz (Kathi Maurer) und die Magie der Bühne (Heike Vollmer) setzt. Allerdings gibt es dabei immer wieder kleine Störungen, die in die radikale Neuverortung der ganzen Geschichte einbrechen und in ihrem Verlauf (oder unseren vermeintlichen Gewissheiten darüber) irritieren.

© Christian Kleiner

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Die Dystopie in einer Zeit nach einem imaginären zweiten Bürgerkrieg

Das Ganze spielt zwar, wie auch bei Friedrich Kind und Carl Maria von Weber, nach einem großen Krieg in den Überresten einer untergegangenen Welt. Es ist aber nicht der Dreißigjährige Krieg, der im 17. Jahrhundert den Gang der europäischen Geschichte nachhaltig beeinflusste, sondern die Zeit nach einem imaginären zweiten Bürgerkrieg in einer Zukunft, die sich unserer Gegenwart im wesentlichen nur noch anhand ihrer Ruinen erinnert. Jene Frau vom Anfang, die sich selbst als Melisa vorgestellt und als Wissenschaftlerin zu erkennen gegeben hatte, übernimmt in dieser dystopischen Welt eine Rolle, in der sie ihr Wissen um die Kraft des Zweifels als Anfang jeder Suche nach der Wahrheit gegen jenes Nichtwissen ausspielt, das eine Gesellschaft beherrscht, die in alte Muster und Versatzstücke ihrer Ausschmückung zurückgefallen ist. So muss man etwa beim Kugelgießen in der Wolfsschlucht auf Zutaten wie die zerstoßenen Kirchenfenster verzichten (verblüffenderweise sogar mit einer Spur Phantomschmerz) und bekommt stattdessen eine möglicherweise tatsächlich funktionierende Verbesserung in der Munitionsherstellung vorgesetzt.

© Christian Kleiner

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Zweifel an der Macht der Dialektik, der Wissenschaft oder auch der Kraft der Aufklärung

Es liegt in der Logik mephistophelischer Dialektik, dass diese Melisa ihren Wissensvorsprung nutzt, um die Leute sowohl mit dem Hokuspokus eines Teufels, als auch mit den tröstenden Gewissheiten eines über dem Fürsten stehenden Eremiten sozusagen auch gegen den Schein ihrer Wahrnehmung und ihres Glaubens zu lenken. So ganz traut Melisa (oder ihre Erfinder?) ihren manipulativen Fähigkeiten allerdings nicht. Denn drei geheimnisvolle, wie IS-Kämpfer verhüllte, Bewaffnete geistern durch die Szene. Manchmal scheinen die nur für uns sichtbar, dann wieder greifen sie auch in die Handlung ein, werden etwa nach Ännchens Lied auf die jungen Burschen handgreiflich. Am Ende, als Melisa erkennen muss, dass sie die Reste von Max’ Gewissen unterschätzt hat und der nicht auf Agathes Brautkranz, sondern gezielt auf ihren Kumpan Kaspar schießt, beschließt sie, als Eremit aufzutauchen und das Ende der Geschichte (wieder so wie in der Vorlage) zu ändern. Die Stimme dazu kommt zunächst aus einem Lautsprecher. Gehört das noch zu der Show, die sie auch bislang schon abgezogen hat, demaskiert sich plötzlich einer der schwarzen Gardisten und singt als Person. So bleibt am Ende ein Zweifel an der Macht der Dialektik, der Wissenschaft oder auch der Kraft der Aufklärung… Wer weiß.

Zukünftige Einst: die Magie der Bühne von Heike Vollmer

Woran in dieser Produktion kein Zweifel besteht, das ist die Magie der Bühne von Heike Vollmer. Ihr Drehbühnenkonstrukt ist in seiner Gleichzeitigkeit des vergangenen und des zukünftigen Einst so kongenial wie es sonst Aleksandar Denić gelingt. Eine erinnerte Vergangenheit in der Zukunft. Überreste eines Wasserwerkes mit überwucherten Apparaturen und Wandreste eines Büros, in dem jetzt Agathe und Ännchen hausen. Davor ein paar üppige Tannen nebst Wiesenidyll. Es finden sich aber auch ein paar noch funktionierende Bildschirme. Ein mindestens halbtoter Astronaut wird hereingetragen, und wenn Melisa ihre Wahrheiten verkündet, die Ungereimtheiten des Librettos geradezurücken versucht und dabei selbst Fragwürdiges in den Raum stellt, wird diese hochatmosphärische (Halb-)Toteninsel vom Schwarz-weiß-Grieseln einer Bildstörung überblendet. Ganz so, als wäre das Holodeck auf der Enterprise gestört. Trotz aller Risse in der Zeit und der Logik (im Stück und überhaupt) – bei alledem ist man am Nationaltheater Mannheim dennoch so nah am Stück, wie es heutzutage selten der Fall ist. Keine Überschreibung, sondern ein ernsthaftes Eintauchen in eine opulent erinnerte Vergangenheit, zu der auch unsere Gegenwart gehört.

© Christian Kleiner

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Szenenbild aus „Der Freischütz“

Die Vitalität der Geschichte beruht natürlich auf der Musik, der Kraft des Orchesters und den einzelnen Nummern der Protagonisten und des Chores. Dabei macht das Orchester unter Leitung von Pultgast Roberto Rizzi Brignoli noch die überzeugendste Figur. Trotz eines etwas verwackelten Einstiegs und obwohl die Blechbläser eher einen ihrer zweitbesten Tage hatten. Aber das zündet, auch wenn es mitunter bewusst zelebriert wird. Astrid Meyerfeldt lässt sich in ihrer Sprechrolle nicht aus der Ruhe bringen, findet den richtigen Ton und das passende Tempo, um niemanden zurückzulassen. Jedenfalls gelingt es ihr deutlich besser, die ambitionierten Textnovitäten auch wirklich rezipierbar zu integrieren, als das kürzlich in Kassel bei Ersan Mondtag der Fall war.

Nicht nur vokaler Luxus

Im Ensemble sind Thomas Jesatko als Erbförster Kuno, Thomas Berau als barocker böhmischer Fürst und der deftige Bartosz Urbanowicz eine sichere Bank. Marcel Brunner sorgt als Kilian mit seinem Spottlied auf Max für einen zünftigen Einstieg und ist am Ende auch die Stimme des Eremiten. Ganz so überzeugend ist Christopher Diffey als Max (noch) nicht, und auch bei den Frauen ist Seunghee Kho als selbstbewusstes Ännchen (die offen mit Kaspar zusammen ist) vokal überzeugender als Viktorija Kaminskaites manchmal die Grenze des schönen Tons touchierende Agathe. Ihre Darstellung hingegen überzeugt. Bei den Brautjungfern waltet mit Rebecca Blanz und Maria Polanska (vom Opernstudio) sowie Katharina Hermanns und Tizia Hilber vokaler Luxus.

Nationaltheater Mannheim
Weber: Der Freischütz

Roberto Rizzi Brignoli (Leitung), Kommando Himmelfahrt – Thomas Fiedler, Jan Dvořák, Julia Warnemünde (Regie & Dramaturgie), Heike Vollmer (Bühne), Kathi Maurer (Kostüme), Carl-John Hoffmann (Video), Nicole Berry (Licht), Thomas Berau, Thomas Jesatko, Viktorija Kaminskaite, Seunghee Kho, Bartosz Urbanowicz, Christopher Diffe, Marcel Brunner, Rebecca Blanz, Maria Polanska, Katharina Hermanns, Tizia Hilber, Nationaltheater-Orchester

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