Opern-Kritik: Oper Graz – Die Passagierin

Flashbacks nach Auschwitz

(Graz, 18.9.2020) Die Schoa auf der Musiktheaterbühne: Regisseurin Nadja Loschky zeigt an der Oper Graz eindrücklich, wie sich „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg bis heute weitererzählen lässt.

© Werner Kmetitsch

Nadja Stefanoff (Marta), Dshamilja Kaiser (Lisa)

Nadja Stefanoff (Marta), Dshamilja Kaiser (Lisa)

Dmitri Schostakowitsch empfahl den sowjetischen Kulturfunktionären „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg bereits bald nach ihrer Fertigstellung 1968 als veritables Meisterwerk. Doch auch das Engagement des berühmten Freundes brachte die Oper des jüdischen Komponisten Weinberg, der vor den Nazis einst aus Polen in die UdSSR geflohen war, nicht zur Aufführung. Störte die Zensur die Musik? Oder die Handlung? Tatsächlich fand „Die Passagierin“ erst sehr viel später, nach ihrer szenischen Uraufführung 2010 auf den Bregenzer Festspielen, die ihr gemäße Beachtung. Seitdem wird sie von den Theatern international entdeckt.

Opfer und Täterin von Auschwitz erleben auf einer gemeinsamen Schiffspassage im Jahr 1960 die Erinnerungen an das Grauen

© Werner Kmetitsch

Mareike Jankowski (Hannah), Antonia Cosmina Stancu (Krystina), Nadja Stefanoff (Marta), Statisterie der Oper Graz

Mareike Jankowski (Hannah), Antonia Cosmina Stancu (Krystina), Nadja Stefanoff (Marta), Statisterie der Oper Graz

Das Libretto von „Die Passagierin“ basiert auf dem autobiografisch geprägten Roman Pasażerka von Zofia Posmysz, einer Überlebenden der Schoa. Die polnische Hörfunkjournalistin und Schriftstellerin wurde als 18-Jährige ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Gräuel der Schoa, das Vergessen und die Erinnerung daran, diese Themen werden in Die Passagierin verhandelt: Auf einer Schiffspassage von Europa nach Brasilien im Jahr 1960 sind zwei Frauen an Bord, die sich aus Auschwitz kennen – Lisa war dort Aufseherin, Marta war KZ-Häftling. In szenischen Flashbacks tauchen die Erinnerungen wieder auf. Ausgangspunkt ist die Perspektive der Täterin Lisa, die ihre Schuld larmoyant verharmlost und herunterspielt. Doch mit den Episoden aus dem KZ wird Einspruch dagegen erhoben. Eine direkte Konfrontation zwischen den beiden Frauen an Bord findet nicht statt. Die letzte Szene der Schiffsreise ist stattdessen eine Tanzveranstaltung, auf der plötzlich der Lieblingswalzer des ehemaligen KZ-Kommandanten erklingt. Voller Schaudern erkennt ihn Lisa wieder und weiß: Martas einstiger Verlobter sollte dieses Stück in Auschwitz den Aufsehern auf der Geige vortragen. Als Zeichen seines Widerstands spielte er stattdessen eine „Chaconne“ von Bach und musste dafür mit seinem Leben bezahlen. In einem kurzen Epilog der Oper verspricht die Auschwitz-Überlebende Marta ihren toten Mitgefangenen, sie niemals zu vergessen. Ein Appell an uns alle.

Die Bühne als innerer Archivraum

© Werner Kmetitsch

Dshamilja Kaiser (Lisa), Ensemble und Chor der Oper Graz

Dshamilja Kaiser (Lisa), Ensemble und Chor der Oper Graz

An der Oper Graz hat nun Regisseurin Nadja Loschky „Die Passagierin“ neu inszeniert. Statt zwischen den Schauplätzen Ozeandampfer und KZ zu wechseln, ist das Geschehen in einem einzigen Raum angesiedelt. Dieses von Etienne Pluss gestaltete Bühnenbild in schlierigem Weiß hat eine Vielzahl an Schränken und Kabinetttüren. Es könnte ein Archiv oder ein Verwaltungsbüro sein. Nadja Loschky hat im Vorfeld der Inszenierung von einem „inneren Archivraum“ gesprochen. Mit dieser klugen szenischen Lösung wird die Handlung der Oper noch stärker zugespitzt, erhält noch mehr Brisanz. Denn die Hölle von Auschwitz ist damit praktisch permanent in der erzählten Gegenwart auf dem Schiff präsent. Während die Passagiere Sekt schlürfen, stehen die KZ-Insassen, schmutzig, mit kahl geschorenen Köpfen, in ihrer gestreiften Häftlingskleidung, mitten unter ihnen. Die Bilder aus der Vergangenheit sind stärker als die wortreichen Ausflüchte und Rechtfertigungsversuche der ehemaligen KZ-Aufseherin.

Bildstarke Szenenkonstellationen: Lisa als Greisin mit Gretchenfrisur

© Werner Kmetitsch

Viktoria Riedl (Junge Lisa), Dshamilja Kaiser (Lisa), Isabella Albrecht (Alte Lisa)

Viktoria Riedl (Junge Lisa), Dshamilja Kaiser (Lisa), Isabella Albrecht (Alte Lisa)

Die zweite wichtige Entscheidung für die Inszenierung ist, dass Lisa nicht nur als Schiffspassagierin und als junge SS-Angehörige in Erscheinung tritt, wie in der Oper vorgesehen, sondern auch als Hochbetagte, nach wie vor ausgestattet mit Gretchenfrisur aus der NS-Zeit (Kostüme: Irina Spreckelmeyer). Dadurch werden weitere bildstarke Szenenkonstellationen möglich. Die aufgeschreckte Greisin versucht, die Kleidung der KZ-Häftlinge zu verstauen, Dinge wegzuräumen. Doch die Schranktüren öffnen sich, verdrängte Erinnerungen kehren zurück. Die Schuld aus der Vergangenheit holt Lisa ihr Leben lang ein. Während sich unter den KZ-Insassinnen Angst und Verzweiflung angesichts des Todes in den Gaskammern breitmachen, verspeist die alte Lisa genüsslich Kuchen, bis ihr die Bissen im Halse stecken bleiben. Es sind solche drastischen Darstellungen, die diese ambitionierte Inszenierung auszeichnen. Vorher dagegen, wenn die KZ-Insassinnen ihre individuellen Schicksale schildern, nimmt sich die Regie sensibel zurück und gibt den Worten des Librettos Raum. Genau richtig. Eine weitere weise Regie-Entscheidung: Die Nazis werden typisiert dargestellt. Es genügt, die männlichen Aufseher schablonenhaft mit in den Konturen überzeichneter Uniform, Stiefeln, roter Armbinde (ohne Emblem) und mit grotesk zackiger Scheitelfrisur zu präsentieren. Die Assoziationen mit dem NS-Terror stellen sich ein. Die Bestialität dieser Verbrechen wird jedoch – und das ist gut so – nicht durch Gewaltdarstellungen reproduziert. Die Ermordung von Tadeusz, des Verlobten von Marta, gefriert zum Standbild. Schockierend genug.

Roland Kluttig gibt mit dieser Neuinszenierung sein Debüt als Chefdirigent der Oper Graz

© Werner Kmetitsch

Nadja Stefanoff (Marta), Isabella Albrecht (Alte Lisa), Statisterie

Nadja Stefanoff (Marta), Isabella Albrecht (Alte Lisa), Statisterie

Mieczysław Weinberg hat für seine Oper eine sehr farbenreiche, wendig sich den Szenen anschmiegende, polystilistisch aufgefächerte Musik komponiert. Da erklingen markant eingesetztes Schlagzeug, schneidende Streicherlinien, lateinamerikanische Tanzrhythmen, Jazzeinflüsse, dichte, elegische Chorpassagen, expressive Arien und Duette und auch mal beißende Marsch- und Walzerkarikaturen. Roland Kluttig, der mit dieser Neuinszenierung sein Debüt als Chefdirigent der Oper Graz gibt, arbeitet alle Stilkomponenten der Partitur transparent und plastisch heraus und hält gleichzeitig die disparaten Stränge zusammen. So gelingt es den Grazer Philharmonikern, den Reiz dieser vielgestaltigen Musik sinnlich zu vermitteln. Sämtliche Gesangssolisten und Chorsänger der Oper Graz gehen mit und überzeugen voll und ganz in ihren Parts. Dem Team um Regisseurin Nadja Loschky ist mit allen Kräften der Oper Graz eine sehr schlüssige und eindringliche Lesart dieses bewegenden Musiktheaterstücks gelungen.

Oper Graz
Weinberg: Die Passagierin

Roland Kluttig (Leitung), Nadja Loschky (Regie), Etienne Pluss (Bühne), Irina Spreckelmeyer (Kostüme), Sebastian Alphons (Licht), Christian Weißenberger (Video), Marlene Hahn & Yvonne Gebauer (Dramaturgie), Lisa (Dshamilja Kaiser), Walter (Will Hartmann), Marta (Nadja Stefanoff), Tadeusz (Markus Butter), Katja (Tetiana Miyus), Krystina (Antonia Cosima Stancu), Vlasta (Anna Brull), Hannah (Mareike Jankowski), Yvette (Sieglinde Feldhofer), Bronka (Joanna Motulewicz), Lisa alt (Isabella Albrecht), Lisa jung (Viktoria Riedl), Chor der Oper Graz, Grazer Philharmoniker

Weitere Termine: 23.9., 1., 4., 16. & 28.10., 1.11., 5. & 11.12.

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