Opern-Kritik: Oper Halle – Julius Cäsar in Ägypten

Kopflos am Nil

(Halle, 31.5.2019) Peter Konwitschny triumphiert zum Auftakt der Händel-Festspiele mit einem auf deutsch gesungenen „Julius Cäsar in Ägypten“.

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Szene aus „Julius Cäsar in Ägypten“ an der Oper Halle: Vanessa Waldhart

Sicher ist auch Georg Friedrich Händels „Julius Cäsar in Ägypten“ ein Meisterwerk. Welche der 42 überlieferten und alle schon einmal in seiner Geburtsstadt Halle (wieder) aufgeführten Opern wäre das nicht? Aber, dass ausgerechnet sein Cäsar zu den Spitzenreitern in der weltweiten Aufführungsgeschichte der Händeolpern zählt, ist schon ein Phänomen. Das liegt wohl vor allem am Stoff. Bravourarien, bei denen man den Atem anhält, wie in „Alcina“ oder im „Ariodante“, finden sich in der oft melancholisch durchwehten Arienfolge eher nicht. Dennoch: im akribisch geführten Aufführungsverzeichnis der Stiftung Händelhaus ist die Eröffnungspremiere der diesjährigen Festspiele seit der Uraufführung 1724 im Londoner King’s Theatre die laufende Inszenierungsnummer 435. Mit der einen typischen großen Rezeptionspause zwischen 1731 und 1922, die so ähnlich zur Aufführungsgeschichte jeder Händeloper gehört. In Halle stand die Nil-Expedition des Römers und seine Episode mit Cleopatra schon 1929, 1936, 1959 und zuletzt 1992 auf dem Programm.

Peter Konwitschny: Als Sieger kehre heim

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

Szene aus „Julius Cäsar in Ägypten“ an der Oper Halle: Grga Peroš, Vanessa Waldhart

In den festspielobligaten Eröffnungsreden hoben sowohl der Hallesche Oberbürgermeister Bernd Wiegand als auch Landeskulturminister Rainer Robra die Rückkehr von Regisseur Peter Konwitschny nach Halle als Verdienst von Opernintendant Florian Lutz hervor. Der anerkennende Unterton für den durch die Kommunalpolitik nicht Verlängerten und gerade mit dem Theaterpreis des Bundes Bedachten, war nicht zu überhören. Und wurde vom Publikum mit Applaus quittiert.

Als Peter Konwitschny schon 1987 mit Händels „Rinaldo“ und 1990 mit „Tamerlan“ Furore machte, und die Händelrenaissance beflügelte, stand er noch am Anfang seiner Karriere. Heute ist er einer der Altmeister jenes sogenannten Regietheaters, um dessen konkrete Form, gesellschaftliche Einbindung und Perspektive in Halle gerade mit besonderer Vehemenz gerungen wird. Obwohl die Zeiten vorbei sind, in denen man bei einer Konwitschny-Inszenierung zumindest auf ein zur Hälfte empörtes Haus wetten konnte, war die Spannung, was er jetzt aus Cäsar machen würde, groß.

Ein echter Konwitschny: aus der Musik legitimierte Personenführung und Charakterzeichnung ohne Ablenkung durch überbordende Opulenz

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

Szene aus „Julius Cäsar in Ägypten“ an der Oper Halle: Svitlana Slyvia, Benjamin Brade

Es ist bei aller altmeisterlich souveränen Unaufgeregtheit ein typischer Konwitschny geworden. Mit einer perfekten, aus der Musik legitimierten Personenführung und Charakterzeichnung. Mit einer Konzentration auf die Aktion der Sängerdarsteller – ohne die Ablenkung durch überbordende Opulenz älterer (kulissenaufwändiger) oder neuerer (videolastiger) Machart. Mit viel szenischem Witz, auch wenn es ernst oder makaber wird, aber ohne den Sängern mit überdrehtem Klamauk die Tour zu vermasseln.

Dass Konwitschny (übrigens in dem Punkt mit seinem Antipoden aus DDR-Zeiten, Harry Kupfer, überraschend einig) gegen den allgemeinen Trend, auf deutsch als Bühnenamtssprache besteht, ist sein gutes Recht. Seine Position erlaubt es ihm, sich damit (zwar nicht bei den „Hugenotten“ demnächst in Dresden), im Falle des italienischen „Giulio Cesare in Egitto“ in Halle auch durchzusetzen. Die größte Überraschung des Abends war, dass das hervorragend funktioniert hat. Was an der fabelhaften Neuübersetzung von Werner Hintze liegt, die wie maßgeschneidert wirkt. Selbst, wenn sie sich eins reimt, wird sie nicht peinlich.

Fabelhafte Neuübersetzung

Als Eingriff weitreichend und heute unüblich ist die durchgängige Besetzung der Männerrollen mit dunklen Männerstimmen. So braucht der Bariton Grga Peroš schon einigen Kampfeswillen, um sich die Koloraturen Cäsars zu erobern. Es ist nur konsequent, wenn dann auch sein ägyptischer Gegenspieler Ptolemäus tiefer gelegt besetzt ist und der Bariton Tomaszu Wija (der kurzfristig einsprang) damit auf sozusagen stimmlicher Augenhöhe kämpft.

Zwei Frauen stehen im Zentrum: Cleopatra und Cornelia

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

Szene aus „Julius Cäsar in Ägypten“ an der Oper Halle: Damen des Chores, Robert Sellier, Benjamin Schrade, Grga Peroš, Svitlana Slyvia

Im Zentrum der Geschichte stehen aber die beiden Frauen im Stück: die allseits als ziemliche Kanaille weltbekannte Cleopatra und die Witwe des Cäsar-Rivalen Pompejus, Cornelia. Den Kopf des Pompejus präsentiert Cleopatras Bruder Ptolemäus dem Römer als Begrüßungsgeschenk, um sich damit einen Vorteil im Kampf um den zwar von Rom abhängigen, aber vor Ort immer noch ziemlich glanzvollen ägyptischen Thron zu verschaffen. Cäsar geht das zu weit. Cornelia und ihrem Sohnemann Sextus sowieso. Der triftigste Eingriff der Regie besteht darin, dass die Arien des Sextus dem Kopf seines Vaters Pompejus in den Mund gelegt werden und der plötzlich an verschiedenen Stellen auftaucht. Mal einfach auf dem Boden, mal auf seinem eigenen Grabmal, mal mitten im Harem des Ptolemäus. Zu diesem surrealen Element passt es dann auch im Kontext dieser besonderen Besetzung, den singenden Kopf des Ptolemäus (zu den Arien des Sextus) mit dem Counter Jake Arditti zu besetzten. Den Sohn Sextus auf der Bühne spielt der Knabe Benjamin Schrade mit hinreißender Natürlichkeit. So könnte sich ein Kind heute verhalten, wenn es vor der Zeit zwischen die Mühlen der Erwachsenen gerät. Das wirkt so gegenwärtig wie die stilisierte Ausstattung von Helmut Brade, dem ein Rundhorizont, ein paar einschwebende zweidimensionale Pyramiden und Palmen für ein Ägypten genügen, in dem Cäsar im Anzug (und mit großem GJC Monogramm auf dem Hemd) und die Römer und Ägypter klischeehaft unterschiedlich uniformiert daherkommen.

Die Frauen als Opfer männlicher Machtpolitik behalten das letzte Wort

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Szene aus „Julius Cäsar in Ägypten“ an der Oper Halle: Tomasz Wija, Svitlana Slyvia, Damen des Chores

Überhaupt geht es Konwitschny um das exemplarische Verhalten in der historischen Geschichte. Wunderbar die Bankettszene, bei der sich Ptolemäus und Cäsar gegenseitig zu vergiften versuchen, zwei Vorkoster und ein Koch tatsächlich auf der Strecke bleiben, aber die Herren sich dennoch amüsieren. Auf der anderen Seite ist Cleopatra, die Frau, die zwar für alle Fälle eine Giftschlange im Schrank parat hat und mit wirklich allen Mitteln um die Macht kämpft, aber am Ende genauso allein und verlassen zurückbleibt wie Cornelia. Cäsar nimmt den Knaben Sextus mit nach Rom, alle besteigen ihr U-Boot wieder. Auf den Wink Cäsars geht die Sonne über dem Nil unter. Doch nach seinem zynischen Abschiedsgruß mit der Verheißung, dass sich alle Völker dem gewaltigen Rom unterwerfen würden, folgt ein hinreißendes Duett von Cornelia (mit vitaler Mezzopräsenz: Svitlana Slyvia und Cleopatra (vielversprechend: Vanessa Waldhart). „Da uns das Glück belog, ist alle Hoffnung tot, sie kehrt nie mehr zurück“ singen die beiden Frauen, während sich der Zwischenvorhang senkt, zur Musik des Duetts von Cornelia und Sextus vom Ende des ersten Aktes. Die Frauen als Opfer männlicher Machtpolitik behalten das letzte Wort. Typisch Konwitschny.

Der Star des Abends: Das Stück selbst – und der Regisseur

Bei diesem Cäsar in Halle sind mal nicht (barockoperntypisch) die Sänger die Stars. Sie machen ihre Sache ordentlich und liefern den Beleg, dass Händels Cäsar tatsächlich in jedem Theater an Land gehen kann. Der Star sind diesmal der Regisseur und das Stück selbst. Und nicht zuletzt das Händelfestspielorchester, mit dem der diesjährige Gastdirigent Michael Hofstetter einen hörbar guten Draht gefunden hat. Er kostet die Melancholie aus, und wirft sich unaufgeregt, aber mit Verve in den rhythmisch pointierten, dem (deutschen) Text folgenden Sound. Das macht Spaß, auch ohne die sonst barock- und festspieltypischen Bravourhöhepunkte. Beifall für alle Beteiligten.

Oper Halle
Händel: Julius Cäsar in Ägypten

Michael Hofstetter (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Helmut Brade (Bühne & Kostüme), Grga Peroš, Vanessa Waldhart, Svitlana Slyvia, Jake Arditti, Tomasz Wija, David Pichlmaier, Maik Gruchenberg, Robert Sellier

Marktplatz Halle, Händel-Festspiele Halle

Händel-Festspiele Halle

31. Mai bis 16. Juni 2019

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