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Opern-Kritik: Oper Leipzig – Der Rosenkavalier

Die Zeit und der Traum von der ewigen Jugend

(Leipzig, 30.3.2024) Die Oper Leipzig glänzt mit einer in jeder Hinsicht prachtvollen Neuproduktion des Schmuckstückes von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal.

vonRoberto Becker,

Was sich Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss in „Der Rosenkavalier“ für ihre Zeitreise ins Wien von Maria Theresia ausgedacht, mit Hochzeitsritualen ausgeschmückt haben und mit den Zuständen auf dem Land konfrontieren, die mit dem Ochs auf Lerchenau ins Schlafzimmer der Feldmarschallin hineinpoltern, das ist alles eine genial erfundene Fälschung. In Wirklichkeit gab es weder die Silberrose, noch wurde gewalzert. Eine latente Übergriffigkeit von Landadligen dürfte schon realistischer gewesen sein. Sollte sich eine Fürstin vom Format einer Marie Therese von Werdenberg die Freizügigkeit eines halb so alten Liebhabers erlaubt haben, dann wünscht man ihr noch rückwirkend, dass sie dabei nie erwischt wurde.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Von der rechten Art zu lieben

Im Opern-Wien geht das alles gut. Als sie ihren jungen Liebhaber Octavian halb wissentlich, halb unabsichtlich quasi selbst unter die Haube bringt, da hat sie sich längst so konditioniert, dass sie daran nicht zerbricht. Sie hat sich die richtige, sprich selbstlose Art zu lieben verordnet, also die jenseits eines Besitzanspruches. In diesem Punkt und bei ihren Reflexionen über die Zeit, das sonderbar Ding, ist sie sehr modern. Es ist wohl vor allem diese Frau, die, neben der Musik, dieser Oper seit ihrer Dresdner Uraufführung 1911 selbst Zeitlosigkeit sichert und eine Premiere an der Oper Leipzig.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Eine wahrhaftige Fälschung

Da schon das ganze Drum und Dran eine glatte Fälschung ist, darf man das für eine Inszenierung getrost als Aufforderung betrachten, genau da anzuknüpfen und auf diesem Pfad einer höheren Opernwahrheit über das Leben, das Altern, die Liebe und den Umgang damit näher zu kommen.

Der Morgen nach der Liebesnacht

Bei Michael Schulz (Regie), Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal (Kostüme) bedeutet das, die Zeit nicht etwa in Form der rieselnden Sanduhr oder der um Mitternacht angehaltenen Uhren auf die Bühne zu holen, sondern das junge Liebespaar (Octavian und Sophie) im Stück selbst durch die Zeit reisen zu lassen. Der Morgen nach der Liebesnacht samt Lever und Auftritt des Ochs auf Lerchenau sind von der Jugendstilpracht eines Schlafzimmers umrahmt, behauptet also die Entstehungszeit um 1911. Eine Augenweide ist der Morgenmantel der Marschallin – ein Prunkstück wie von Klimt entworfen und epochenweit vom üblichen Opernsecondhand-Schick entfernt!

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Ausstellungsstück Sophie

Der neureiche Waffenlieferant Faninal, der sich zum verliehenen Adelstitel auch noch einen ererbten anheiraten lassen will, residiert im soliden Reichtum der 1930er Jahre. Man spielt sich die längst vergangene Welt von Gestern nur noch vor. Kann die Räume per Knopfdruck mit dem Familienwappen mit großem Fraktur-F über gekreuzten Schwertern dekorieren und eine fahrbare Drehscheibe herumfahren lassen. Falls die Fernsteuerung nicht gerade blockiert. Für den ganz netten, aber einfältigen Leopold ein Spielzeug, dem er nicht widerstehen kann. Gedacht ist die Scheibe dafür, Sophie wie ein Ausstellungsstück zu präsentieren und von allen Seiten begutachten zu lassen. Im Lichtspot ist sie natürlich allemal geeignet, um bei der Überreichung der Silberrose die Funken einer Liebe auf den ersten Blick überspringen zu lassen. 

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Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Fetisch-Vorstadtklub 3. Aufzug

Im dritten Aufzug des Leipziger „Rosenkavaliers“ arrangiert Octavian in einem halbseidenen Fetisch-Vorstadtklub der 1980er Jahre mit entsprechend ausstaffiertem Hilfspersonal das Umfeld für den Verführungsversuch des Ochs so, dass der mittlerweile sichtlich Gealterte nicht nur zeitweise sein Haarteil, sondern beinahe seinen Verstand verliert. Dass dieser Raum als das um Jahrzehnte gealterte, u.a. mit einem Münzfernsprecher verunstaltete Schlafzimmer der Marschallin zu erkennen ist, macht (höheren) Sinn.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Komödie für Musik mit leichter Hand

Octavian und Sophie sind die personifizierte Hoffnung am Beginn einer Liebe und eines gemeinsamen Lebens. Die beiden behaupten ihr „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“ gleichsam außerhalb der Zeit, die hinter ihnen weiterläuft. Da löst sich der Raum auf, eine alte Frau schiebt einen ebenso alten Mann im Rollstuhl über die Bühne oder ein ebenfalls gealtertes Paar findet sich neu. Die wissen um die Lebensklugheit, die die Zuschauer gerade als Opernlektion erteilt bekommen haben. Schulz serviert das aber nicht als didaktisches Lehrstück, sondern mit leichter Hand als Komödie, die auch den szenischen Situationswitz nicht auslässt. Hier macht genaues Hinsehen Spaß.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Sachsen kann Strauss

Es ist ein Abend mit großem Gewinn. An Erkenntnis (bzw. Erinnerung daran), vor allem aber ein Abend mit einem Übermaß an musikalischem Lustgewinn! In Sachsen können sie nämlich nicht nur in Dresden ihren Strauss auf beglückendem Niveau. Das kriegt auch das Gewandhausorchester auf der anderen Seite des Augustusplatzes im Graben der Oper hin. Christoph Gedschold sorgt für üppig funkelnde Orchesteropulenz, hält aber immer die Zügel so, dass die vokale Prachtentfaltung und das Parlando mit den vielen aparten Wortschöpfungen nicht untergeht. So können alle glänzen. Auch die vielen kleinen Partien. Besonders natürlich die Frauen an der Spitze. Ob nun Solen Mainguené als elegante, kluge Feldmarschallin, Štĕpánka Pučálkováals jungenhafter eloquenter Octavian oder die engelszart singende Olga Jelínková als Sophie – das ist ein Traum. Einzeln und im Terzett. Aber auch Tobias Schabel als schlanker, übergriffiger Ochs auf Lerchenau und Mathias Hausmann als Faninal beeindrucken. Ulrike Schneider als Intrigantin Annina und Piotr Buszewski als Italienischer Sänger sind Paradebeispiele für Sorgfalt, mit der auch die kleineren Partien besetzt sind.

Leipzig ist ein Rosenkavalier gelungen, dem man eine lange Überlebenszeit im Repertoire wünschen und voraussagen möchte!

Oper Leipzig
R. Strauss: Der Rosenkavalier

Christoph Gedschold (Leitung), Michael Schulz (Regie), Dirk Becker (Bühne), Renée Listerdal (Kostüme), Susanne Reinhardt (Licht), Kara McKechnie (Dramaturgie), Solen Mainguené, Tobias Schabel, Štĕpánka Pučálková, Mathias Hausmann, Olga Jelínková, Caroline Stein, Álvaro Zambrano, Ulrike Schneider, Piotr Buszewski, Peter Dolinšek, Ervin Ahmeti, Gregor Reinhold, Roland Schubert, Gewandhausorchester




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