Johann Christian Bach, jüngster Sohn des berühmten Johann Sebastian, wurde in Leipzig geboren und ging in die Welt. Über Stationen am Hof des Preußenkönigs Friedrich II. und Mailand machte er schließlich Karriere in London, damals reichste Stadt Europas. Er war ein Star seiner Zeit, was sich im heutigen Konzert- und Opernleben noch immer nicht niederschlägt. Dies liegt auch daran, dass einiges aus seinem Schaffen verschollen ist. Die Partitur von Johann Christian Bachs Oper „Zanaida“ wurde erst 2010 wiederentdeckt. Seitdem gab es mehrere internationale Produktionen und eine CD-Einspielung.

Barockes Beziehungswirrwarr
Die Handlung von „Zanaida“ bringt typisch barockes Beziehungswirrwarr und Liebesränke: Im Zuge von Friedensverhandlungen soll die türkische Prinzessin Zanaida den persischen König Tamasse in Isfahan heiraten. Der König ist jedoch von Osira, der Tochter des türkischen Gesandten Mustafa, bezaubert. Aber auch Cisseo, Prinz und Gehilfe von Tamasse, ist in Osira verliebt. Dies wiederum passt der persischen Prinzessin Silvera nicht, die in Cisseo verliebt ist. Die persische Königinmutter Roselane unterstützt ihrerseits mit Manipulation und List, dass ihr Sohn Tamasse und die naive und leicht zu beeinflussende Osira zusammenkommen. Denn mit Zanaida als Schwiegertochter könnte Roselanes Macht schwinden. Fazit: Zanaida kann in dieser Schlangengrube letztlich nur verlieren. Sogar ihr Leben ist in Gefahr. Doch am Ende siegt – ganz in der Tradition des barocken „lieto fine“ – die Macht der Liebe. Zanaida und Tamasse finden sich doch noch.
Ist die Handlung nach wie vor den Konventionen des Barock verpflichtet, so hat Johann Christian Bach eine für seine Zeit höchst moderne musikalische Gestaltung geschaffen. Da-Capo-Arien sind aufgelöst, viele Rezitative mit Orchestermusik belebt, überhaupt wird das Orchester farbenprächtig, in den Harmonien abwechslungsreich und emotional eingesetzt. Neben Oboen kommen auch die damals gerade erst neu entwickelten Klarinetten zum Einsatz. Eine Oper also, typisch für die Vorklassik, für die Johann Christian Bach exemplarisch steht.

Johanna Soller als musikalische Leiterin – ein Glücksfall
Jetzt hat sich die Potsdamer Winteroper das Werk vorgenommen. Hier wird seit nunmehr zwanzig Jahren die musikalische Expertise der Kammerakademie Potsdam und die technische Erfahrung des Potsdamer Hans Otto Theaters gebündelt. Für die Besetzung auf der Bühne und das Kreativteam werden Gäste eingeladen. So konnte für „Zanaida“ die Spezialistin für Historische Aufführungspraxis Johanna Soller als musikalische Leiterin gewonnen werden. Die hallige Kirchenakustik am Spielort Friedenskirche Sanssouci hat Soller mit der Kammerakademie Potsdam angesichts der feinziselierten Musik dieser Oper gut im Griff. Johann Christian Bachs Musik kommt wild, mit starken Gesten und kräftigen Konturen daher. Die Bläser werden knackig betont, die Harmoniewechsel und Umschwünge in den Strukturen unterstrichen. Die Würze dieser Musik kommt gut heraus. Gleichzeitig gelingt eine einfühlsame Interaktion zwischen Orchester und Sängern.

Betörende Schichtung der Singstimmen in den Ensembles
Neben Miriam Kutrowatz, die die Titelpartie Zanaida ausdrucksvoll und glockenhell in den Koloraturen gibt, nur einige Härten in den Höhen aufweist, glänzt Philipp Mathmann als Cisseo mit strahlkräftigem Nachtigallen-Countertenor. Elmar Hauser als dessen Herr König Tamasse, ein Zyniker der Macht, hat hier den schlankeren Countertenor mit zartem Schmelz, er zeigt differenzierte Nuancen. Pia Davila als machtgierige, intrigante Königsmutter Roselane kann mit wunderbar gefärbtem Sopran begeistern, könnte allerdings in ihren Arien noch mehr dämonisches Potenzial und Boshaftigkeit entfalten. Gleiches gilt für den Mustafa von Matthias Lika, dessen wundervoll warmer Bariton in seinen Wut- und Rachearien zu brav bleibt. Die Osira von Anna-Lena Elbert bleibt etwas eindimensional, hätte als Konkurrentin der Titelfigur musikalisch mehr Dramatik entfalten können. In den Rezitativen hat sie es drauf. Sarah Gilford wertet die Nebenpartie der persischen Prinzessin Silvera mit runder Stimmpräsenz und perlenden Koloraturen überraschend auf. Und Laila Salome Fischer sowie Florian Sievers verleihen als Gefolge von Zanaida ihren Partien jeweils überzeugendes musikalisches Profil. In den Ensembles schichten sich alle Singstimmen sehr betörend übereinander, passen perfekt zusammen.

Kluger Verzicht auf effekhascherische Tagespolitik-Parallelen
Friedensverhandlungen im Nahen Osten? Eine Handlung, die auf dem Territorium des heutigen Iran spielt? Wo in unserer Zeit gerade ein neuer Flächenbrand droht? Regisseurin Rahel Thiel und Bühnen- und Kostümbildnerin Judith Philipp sind zum Glück nicht der Versuchung erlegen, die Handlung effekthascherisch tagespolitisch aufzuladen. Hätte sowieso nur zu kurz greifen können. Stattdessen konzentriert sich die Inszenierung auf die Beziehungsdynamiken der Figuren. Im linken Seitenschiff der Friedenskirche Potsdam wurde im rechten Winkel zum Altarraum dafür eine breite Bühne mit Podesten gestaltet, der die grauen dorischen Marmorsäulen der Basilika als Bühnenhintergrund nutzt. Nachgebildete Bruchstücke dieser Säulen finden sich auch auf den Bühnenpodesten. Auf diese Weise wird historische Ferne angedeutet. Weshalb diese Attrappen allerdings offenbar mit Superkräften von den handelnden Personen zwischendurch umgestellt werden, erschließt sich nicht. Die Kostüme der Figuren verbinden Elemente aus Epen der Popkultur: da gibt es Anlehnungen an Samurai-Filme, Fantasy-Epen, und Science Fiction à la „Star Wars“.

Zanaida als frühe Femme fragile
Eine neue Setzung ist die Charakterisierung der Titelfigur Zanaida als blinde Frau. Überhaupt wird Zanaida in dieser Produktion als Vorläuferin einer „femme fragile“ gezeichnet und als enge Verwandte der Undinen und Sylphen, jener Naturgeister, die am Rand der menschlichen Gemeinschaft stehen und kein Glück in der Liebe zu einem Menschen finden. Zanaida hält sich vor allem am Bühnenrand bei einem Baum auf. Das Gelbgrün dieses Baumes und ihres feenhaften Gaze-Gewands ähnelt sich. Unermüdlich ertastet sie Blätter am Boden, die sie an den Baum anbringt. Weshalb? Das löst sich beim Showdown am Schluss auf: Laut Libretto soll die bis dahin extrem duldsam und großmütig gezeichnete Zanaida aufgrund einer Intrige hingerichtet werden. Ihre türkischen Gefolgsmänner Mustafa und Gianguir wollen den persischen König Tamasse ermorden, um sie zu befreien. Im Originallibretto verbietet sie den beiden den Mord an Tamasse, der sie bislang auf alle möglichen Arten erniedrigt, beleidigt und abgelehnt hat. Tamasse zeigt daraufhin ein weiches Herz und willigt einer Heirat ein.
Hier erhebt die Inszenierung in Potsdam Einspruch: Während Mustafa und Gianguir den Tamasse attackieren, blickt dieser hilfesuchend voller Erwartung auf Zanaida. Doch die zuckt bloß mit den Schultern und verlässt die Szene erhobenen Hauptes durch die Kirchentür. Die Musik pausiert in diesem Augenblick. Das Schlussensemble hebt dann erst a capella an, schließlich setzt das Orchester dazu ein. Eine Windmaschine macht zunehmend Lärm, der sich als elektronisches Zuspiel schließlich über Orchester und Gesang legt, und weht die Blätter vom Baum. Eine starke Metapher: Zanaida wollte an die Harmonie dieses ehelichen Arrangements mit Tamasse glauben, dafür hat sie die abgefallenen Blätter wieder an den Baum gesteckt. Doch dieser Traum ist buchstäblich vom Winde verweht. The Power of Love aus der barocken Operntradition wird hier so klug wie wirkungsvoll dekonstruiert.
Winteroper Potsdam / Friedenkirche Sanssouci
J. C. Bach: Zanaida
Johanna Soller (Leitung), Rahel Thiel (Regie), Judith Philipp (Bühne & Kostüme), Andreas Juhnke & Silvio Schneider (Lichtdesign), Miriam Kutrowatz (Zanaida), Pia Davila (Roselane), Matthias Lika (Mustafa), Elmar Hauser (Tamasse), Anna-Lena Elbert (Osira) Philipp Mathmann (Cisseo), Laila Salome Fischer (Aglatida), Sarah Gilford (Silvera), Florian Sievers (Gianguir), Kammerakademie Potsdam
Sa., 28. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
J. C. Bach: Zanaida
Potsdamer Winteroper
Di., 03. März 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
J. C. Bach: Zanaida
Potsdamer Winteroper
Mi., 04. März 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
J. C. Bach: Zanaida
Potsdamer Winteroper
Fr., 06. März 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
J. C. Bach: Zanaida
Potsdamer Winteroper
Sa., 07. März 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
J. C. Bach: Zanaida
Potsdamer Winteroper




