Opern-Kritik: Staatsoper Hannover – Le vin herbé

Liebestod mit Gartenblick

(Hannover, 21.6.2020) Die Staatsoper Hannover bespielt mit Frank Martins Anverwandlung der Liebesgeschichte von „Tristan und Isolde“ die Herrenhäuser Gärten.

© Bettina Stöß

Szenenbild aus „Le vin herbé“ von Frank Martin

In den letzten Wochen und Monate standen die geschlossenen Opernhäuser in einem ungewollten Wettbewerb. Mit diversen Formen von Streaming-Beiträgen erinnerten sie trotzig an ihre Existenz. Diese Zeit scheint sich langsam dem Ende zu nähern. Vor der Sommerpause liegt der Ehrgeiz darauf, halbwegs realistische Spielpläne für die neue Realität des Anticoronamodus zu entwickeln und so oder so noch einmal Live-Begegnungen mit dem Publikum zu organisieren.

Das historische Gartentheater ermöglichte am 11. Juli 1945 die erste Opernaufführung in Deutschland nach dem Krieg

© Bettina Stöß

Szenenbild aus „Le vin herbé“ von Frank Martin

In Hannover hat sich Intendantin Laura Berman für die Exit-Strategie aus dem Shutdown der Geschichte ihres Hauses erinnert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Staatsoper nicht bespielbar war, wich man für ein paar Jahre in die Galerie der Herrenhäuser Gärten aus. Noch heute verweist man mit Stolz darauf, dass an diesem Ort bereits am 11. Juli 1945 die erste Opernaufführung in Deutschland nach dem Krieg überhaupt stattfand. Damit ist die Situation heute natürlich nicht im Ernst zu vergleichen. Dennoch ist es ein lokaler Standortvorteil, dass die Staatsoper Hannover in das historische Gartentheater aus dem Jahre 1691 ausweichen kann.

Die hohen aufeinander zu laufenden Hecken der Freiluftbühne samt Brunnen am Ende sind da schon die halbe Kulisse. Da braucht es nur noch ein paar goldbemalte Statuen und eine geschickte Beleuchtung – und fertig ist das Atmosphärische für eine Version der vor allem dank Richard Wagner bekannten Liebesgeschichte von Tristan und Isolde. Für den Maximalisten unter den Tonsetzern wäre dieser Rahmen natürlich nicht angemessen. Da müsste man schon den ganzen riesigen Park füllen. Aber für die Version von dessen im Vergleich dazu minimalistischen Nachfahren Frank Martin und die bei ihm vorgegebene kleine Besetzung mit acht Instrumentalisten (sieben Streicher und ein Klavier) sowie einem Dutzend Vokalsolisten ist dieses Theater ideal. Da muss unterm Orchesterdach an der Bühnenseite nichts ausgedünnt werden. Da kommt keine Abstandsregel der Original-Besetzung in die Quere.

Starkes Statement der kulturellen Selbstbehauptung

© Bettina Stöß

Szenenbild aus „Le vin herbé“ von Frank Martin

Die „Tristan und Isolde“-Variante des in Genf geborenen Frank Martin (1890-1974) „Le vin herbé“ wurde 1942 in Zürich konzertant und in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel „Der Zaubertrank“ 1948 in Salzburg uraufgeführt. Von den nicht allzu vielen Aufführungen des weltlichen Oratoriums, wie Martin sein Werk genannt hat, fand eine 1964 sogar schon mal im Herrenhäuser Galeriegebäude statt. Jetzt, im Sommer 2020, wird das Gastspiel der Staatsoper Hannover in den Herrenhäuser Gärten über den Beitrag zur Rezeption des Werkes hinaus zu einem Statement der kulturellen Selbstbehauptung. Dafür nehmen die Zuschauer alle einschränkenden Bedingungen hin. Wobei die freigelassenen Sitze zwar ärgerlich für die Kassenwarte, aber keine Einschränkung für die Zuschauer sind.

Die stilisierte Distanzierung der Regie wirkt authentisch

Das Werk passt mit seinem musikalischen Format wie maßgeschneidert in die historische Barockumgebung und zu den Vorschriften der Virusbekämpfung. Die Musik Martins fordert keine dramatischen Bewegungsausbrüche der Protagonisten. Für die Momente des Näherkommens von Tristan und Isolde ist die Phantasie von Regisseur Wolfgang Nägele gefragt, der hier mit Zeichen arbeitet, die auch im Iran noch die Zensur passierten dürften. Diese stilisierte Distanzierung wirkt aber nicht aufgesetzt, sondern authentisch. Martins Musik entfaltet eine suggestive Wirkung durch das an Debussy geschulte Parlando des Chores, aus dem die Protagonisten bei Bedarf hervortreten. Ganz anders als die Wagnerische Tristanchromatik, aber doch mit einem durch die Moderne aufgerauten Charme der Verführung und Melancholie.

Erinnerungen an Magrittes Melonenmänner

© Bettina Stöß

Szenenbild aus „Le vin herbé“ von Frank Martin

Prolog und Epilog rahmen die Geschichte, die im Wechsel von Solisten und Chorpassagen erzählt wird, ein. Die Regie entspricht bewusst den Vorgaben des Musikalischen. Wenn die Männer in den Kostümen von Irina Spreckelmeyer aus der Heckenkulisse treten, kleine Tableaus formen oder sich bewegen, dann erinnert das zuweilen an Magrittes Melonenmänner. Isolde gibt es gleich zweimal – als Isolde die Blonde, und als die Weißhändige. Die eine ist die Traumfrau, von der Tristan nach dem versehentlichen Genuss des Liebeszaubertrankes nicht loskommt. Die andere ist eine Art Versuch, pragmatisch das Leben auch ohne die große Liebe zu bewältigen. Auf den Liebestrank, der die Hochzeitsnacht von Isolde und König Marke beflügeln sollte und irrtümlich von den Falschen konsumiert wird, weist eine mit dampfender Flüssigkeit gefüllte Badewanne hin. Die Wirkung des Tranks wird in gehörigem Abstand durch eine handgreifliche Autosuggestion des jeweils eigenen Körpers verdeutlicht. Die Dramatik der Verfolgung der vom König Erwischten bleibt vor allem der Musik und den Worten vorbehalten. Rodrigo Porras Garulo ist ein Tristan mit markanter Ausdruckskraft – Nikki Treurniet ist die dazu passende blonde Isolde.

Für den neuen Hannoveraner GMD Stephan Zilias ist die melancholisch ernste Freiluftoper Chefsache

Gegen Ende eskaliert das traurig Tragische der Geschichte. Die weißhändige Isolde, die Tristan geheiratet hatte, ohne sie zu lieben, gibt ihm aus Rache dafür den Rest. Dem auf den Tod hin kranken Tristan gegenüber behauptet sie, dass das Schiff, das ihm die blonde Isolde zuführen sollte, kein weißes, sondern ein schwarzes Segel gehisst habe. Das würde bedeuten, es kommt ohne Isolde. Tristan stirbt hier ohne jede Hoffnung. Die fügt dann die Regie an. Sie lässt den toten Tristan in die weite Ferne der Bühnentiefe schreiten – dahin folgt ihm dann Isolde. Liebestod mit Gartenblick. So ähnlich sieht man das in gelungenen Inszenierung von Wagners „Tristan“ auch. Für den neuen Hannoveraner GMD Stephan Zilias war diese melancholisch ernste Freiluftoper natürlich Chefsache. Und für die endlich wieder ihres Amtes waltenden Musiker und Sänger hörbar ein Vergnügen! Und das Publikum konnte bei einem Stück gemäßigter Moderne über den Ernst der Lage nachdenken und zugleich eine bemerkenswerte Kunstanstrengung genießen.

Staatsoper Hannover
Martin: Le vin herbé

Stephan Zilias (Leitung) Wolfgang Nägele (Regie), Marvin Ott (Bühne), Irina Spreckelmeyer (Kostüme), Susanne Reinhardt (Licht), Clara Nadeshdin, Nikki Treurniet, Nina van Essen, Anna-Doris Capitell, Monika Walerowicz, Weronika Rabek, Philipp Kapeller, Rodrigo Porras Garulo, James Newby, Darwin Prakash, Richard Walshe, Daniel Eggert, Germán Olvera, Niedersächsisches Staatsorchesters Hannover

Weitere Termine: 24., 26. & 28.6., 4., 8., 10. & 12.7.2020

Erhalten Sie im Video einen Einblick in die Proben:

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