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Opern-Kritik: Staatsoper Stuttgart – Dialogues des Carmélites

Self-Empowerment für Yoga-Mums

(Stuttgart, 29.3.2026) An der Staatsoper Stuttgart gestaltet GMD Cornelius Meister mit einem kraftvollen Solistenensemble um Rachael Wilson eine hörenswerte Produktion von „Dialogues des Carmélites“. Regisseurin Ewelina Marciniak schießt allerdings mit der einen Regieidee über die Grenzen der viel besseren zweiten hinaus.

vonPatrick Erb,

Als Francis Poulenc die „Dialogues des Carmélites“ schrieb – seine einzige große abendfüllende Oper –, dürfte diesen innovativen Meister einer in ihrer Einfachheit so präzisen und nachhaltig wirkenden Formen- und Klangsprache kaum das historisch akkurate Nacherzählen einer der düstersten Episoden der letzten Tage der Französischen Revolution interessiert haben. Womöglich ging es ihm nicht einmal um das veristische Zurschaustellen der Gewalt selbst, wie es das Finale mit sechzehn Guillotinenschlägen – jeweils einer für jede der exekutierten Karmeliterinnen – so erschütternd nachzeichnet; und ganz sicher nicht um die Frage, wer die Täter sind oder welchem Geschlecht sie angehören, wie es Ewelina Marciniak an der Staatsoper Stuttgart allerdings zum Thema macht.

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Staat und Religion

In den „Dialogues des Carmélites“ untersucht Poulenc musikalisch, wie zwei Lebensrealitäten – die fromme Welt des Karmels von Compiègne und jene der namenlos bleibenden Revolutionsführer – nahezu unverbunden nebeneinander existieren: Die einen hinterfragen den Weg ihres Glaubens, die anderen schlagen diesem aus neu formulierter Staatsräson den Kopf ab. Entscheidend ist die Gegenüberstellung einer in sich gekehrten, tiefen Religiosität mit Kräften, die in ihrer Zerstörungswut blind und verständnislos agieren. Was am Ende bleibt, ist obszöne Gewalt – jenes Phänomen, das Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ beschrieben hat und das sich untrennbar in die Zeit der Uraufführung des Werks eingliedert.

Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

In dieser Revolution profitieren nicht alle

Was Marciniak nun verfolgt, ist ein scharf fokussierter Blick auf zwei durchaus reizvolle Aspekte: die Gemeinschaft der Karmeliterinnen als geschlossener Ort (weiblicher) Selbstbestimmung und der Verdacht, dass Frauen als Teil der Revolution von deren Errungenschaften nicht profitieren. Ihr Konzept entfaltet hierfür einen wilden Ritt: lockere, individuelle Kleidung der Schwesternschaft trifft auf freizügige Bewegungen der Statisterie – im Kontrast zur buchstäblich ins Korsett gesellschaftlicher Konventionen gezwängten Ordnung. Protestschilder skandieren einen bunten Katalog an Forderungen, alles läuft auf den Sturz oder zumindest die fundamentale Kritik am Patriarchat hinaus. Das sparsame Bühnenbild setzt dabei vor allem auf stimmungsvolle Lichtregie und diffuse Spiegelungen in silbern verkleideten Wänden.

Ein interessanter, wenn nicht der eigentliche neue Aspekt

Im dritten Akt fügt Marciniak ein gesprochenes Intermezzo ein, in dem die Protagonistin Blanche auf die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges trifft. Deren Manifest „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ kritisiert die in Verfassungsrang erhobenen Männerprivilegien – und kostete de Gouges letztlich das Leben. Eine kluge Idee, die jedoch angesichts des unerbittlichen Opernfinales fast verblasst. Wen interessiert bei so viel berührender, musikalisch gefasster Grausamkeit noch das Geschlecht der Täter? So viel Flower-Power und Feminismus verträgt der Sinn des Stücks nicht. Was ebenso an Spiritualität und gedanklicher Reflexion in den ersten beiden Akten entfaltet wird, verflüchtigt sich angesichts der von der Regisseurin selbst handwerklich sauber gearbeiteten Schafottszene: Die Frauen singen ihr „Salve Regina“, während sie durch eine Dusche schreiten, aus der blutrote Flüssigkeit herabregnet. In der konsequenten Zuspitzung auf den Aspekt der Frauenrechtsbewegung besitzt dieses Szenario jedoch unbestreitbares Potential.

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Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

Solistenensemble auf sehr gutem Niveau

Die sängerische Gestaltung gerät – gerahmt von einem qualitativ sauberen, präzise ausgeschliffenen Dirigat Cornelius Meisters mit dem Staatsorchester Stuttgart – durchweg überzeugend. Shigeo Ishino als Marquis und insbesondere Cameron Becker als Chevalier de la Force gestalten die aufrichtig besorgten Familienmitglieder Blanches mit großer Präsenz und setzen im Einstiegsdialog eine beachtliche Messlatte für darstellerische wie vokale Ausdruckskraft. Torsten Hofmann komplettiert als Beichtvater das ausdrucksstarke Männertrio als aufrichtiger, wenn auch machtloser Gottesmann.

An der Spitze der Schwesternschaft stehen Evelyn Herlitzius, die beinahe beklemmend präzise den Prozess des modrigen Dahinsterbens der Priorin de Croissy farblich nachzeichnet, sowie Simone Schneider, Diana Haller und Claudia Muschio, die – nur im Atemzug zu nennen – die Schwestern Lidoine, Marie und Constance bis zuletzt mit eindringlicher Größe gestalten. Rachael Wilson, eines der unverzichtbaren Juwelen im Ensemble der Stuttgarter Oper, verleiht ihrer Rolle Gravitas auch in Momenten des Schweigens: wenn sie dem Schicksal ihrer Ordensschwestern still beiwohnt, bevor sie in den Gesang eintritt und selbst dem Ende entgegenschreitet.

Oper Stuttgart
Poulenc: Dialogues des Carmélites

Cornelius Meister (Leitung), Ewelina Marciniak (Regie), Mirek Kaczmarek (Bühne), Julia Kornacka (Kostüme), Aleksandr Prowaliński (Licht), Manuel Pujol (Chor), Rachael Wilson, Evelyn Herlitzius, Simone Schneider, Diana Haller, Claudia Muschio, Helene Schneiderman, Catriona Smith, Shigeo Ishino, Cameron Becker, Torsten Hofmann, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart






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