Opern-Kritik: Staatstheater Augsburg – Dalibor

Vandalen und Liebende

(Augsburg, 14.10.2018) Begeisterung für Smetanas die homoerotische Liebe klangsymbolisch feiernde und dennoch desillusionierte Nationaloper.

© Jan-Pieter Fuhr

Szenenbild aus "Dalibor"

Dalibor/Staatstheater Augsburg

Jetzt hat Augsburg seit dem 1. September das jüngste Staatstheater Deutschlands und spielt trotzdem in der Ersatzspielstätte martini-Park, weil das historistische Stammgebäude am Kennedyplatz umfassend renoviert werden muss. Die Metropole von Bayerisch-Schwaben hat eine Städtepartnerschaft mit Liberec (Reichenberg), doch die Neuinszenierung von Bedrich Smetanas hierzulande viel zu selten gespielter Oper „Dalibor“, der diese Spielzeit in Frankfurt am Main und am Nationaltheater Prag weitere folgen, hat einen anderen Anlass: Das 100. Jubiläum der tschechischen Republik.

Dalibor: Eine homoerotische Liebestragödie

Mit nur wenigen Basiskenntnissen der musikalischen Klangsymbolik des 19. Jahrhunderts kann man es nicht überhören: Die Liebe des um 1500 im nach ihm benannten Prager Kanonenturm Daliborka inhaftierten und in der Augsburger Neuproduktion qualvoll gefolterten Sagenhelden Dalibor gilt nur dem Freund Zdenko, nicht aber der ihn aus dem Kerker rettenden Milada, die von König Vladislav im ersten Akt noch seinen Tod fordert. Das bekundet Dalibor stolz in den ersten Takten seines markant heroischen Auftrittsrezitativs und erst recht deutlich wird es durch Kurt Honolkas deutsche Übersetzung. Anlass zum Gericht ist eine schonungslose Mordkette verfeindeter Adeliger: Erst tötete Miladas Bruder Dalibors geliebten Zdenko, dann tötete Dalibor Miladas geliebten Bruder.

© Jan-Pieter Fuhr

Szenenbild aus "Dalibor"

Dalibor/Staatstheater Augsburg

Auf der breiten Bühne begleitet trotz akustischer Tücken ein musikalisches Fest die Folter- und Gewaltorgie, wie sie fast schon das Markenzeichen des Regisseurs Roland Schwab ist. Die Begeisterung für die in Tschechien hochgeschätzte, international aber als schwierig eingestufter Oper war groß.

Violinseufzer aus dem Jenseits

Die zärtlichen Duette von Dalibors Stimme mit der sehnsüchtigen Violinmelodie, die in seiner großen Kerkerromanze durch mehrere Soloinstrumente wandert und erst unter Dalibors gehauchten Seufzer „Oh Zdenko“ verklingt, deutete man früher als Sehnsucht nach Freiheit und der Musik als Symbol böhmischer Identität schlechthin. Doch hier tritt am Ende des Abends der tote Zdenko wie ein Heiland der Musik mit seiner Violine aus dem Jenseits und sackt ein weiteres Mal zusammen.

Für Dalibor, den man hier nie als ritterlichen Strahlemann, sondern immer als gedemütigtes und gefoltertes Wrack sieht, stirbt nach der sich für ihn im Outfit eines schwarzen Schergen opfernden Milada die Hoffnung. Dann bricht sofort das Gericht zu martialischen Klängen, die Smetana für die Sphäre des Königs erfindet, über ihn herein.

© Jan-Pieter Fuhr

Szenenbild aus "Dalibor"

Dalibor/Staatstheater Augsburg

Die Welt ist eine Folterhölle

Roland Schwab zeichnet in Alfred Peters schweren Metallwänden mit Feuertonnen und blendenden Scheinwerfern ein höllisches Panorama der brutalen Folterknechte, sinnlosen Menschenopfer und eingeschüchterten Volksmassen, in dem König Vladislav am eigenen Anspruch, ein gerechter Herrscher zu sein, äußerst gutaussehend und dennoch kläglich scheitert. Das Ende der Freiheit und den Niedergang der Guten, Edlen, Nächstenliebenden zeichnet diese Oper. Schon deshalb ist der Vergleich von „Dalibor“ mit „Fidelio“ und „Lohengrin“ trotz Smetanas hörbarer Kenntnis dieser deutschen Opern nicht korrekt.

Trotz der betörend schönen Stellen, in denen Milada vom eigenen pathetischen Musikprofil immer mehr in den Liebesballaden-Ton des toten Zdenko hinüber- und hineinschmilzt, zeugt Smetanas desillusionierte Nationaloper von einem Pessimismus, den Roland Schwab auf der Bühne mit fast kindlicher Direktheit illustriert.

Die Atmosphäre eines Hangover im Technoclub

Bei Schwab dringt Licht allenfalls nach ganz schwerem Kampf durch den Nebel, oder es blendet schmerzlich. Die Räume atmen die Atmosphäre eines Hangover im Technoclub, während draußen die Sonne lacht. Blut und Sperma mischen sich phosphorizierend, was man zwar nicht sieht, aber keine Sekunde vergisst.

© Jan-Pieter Fuhr

Szenenbild aus "Dalibor"

Dalibor/Staatstheater Augsburg

Unendlich dreht die Spirale der Verletzungen. Sie beginnt mit Schussopfern in der Gerichtsverhandlung, setzt sich in den Befehlen der böse verzerrten Karikatur des Kanzlers Budivoj (Wiard Witholt) auf dem Überwachungsbildschirm fort und stoppt nur bei den von Renée Listerdal in dreckige Billigklamotten gesteckten Kollektive. Drähte, Pistolen und glühend heiße Zigarettenasche sind im Dauereinsatz. Generell werden die Guten Opfer. Die zu Rettung Dalibors aufrufende Waise Jitka kommt aus einem anderen Kulturkreis und versteckt sich vor den Schergen. Von ihrem Verlobten Vitek erfährt man genauso wenig wie vom König, welche geheimen Leidenschaften deren zwischen Zärtlichkeit und Gewalt springendes Verhalten tarnt. Nur die geknechteten Massen gewinnen Sympathien nicht nur wegen ihrer starken Präsenz, sondern auch aufgrund des mit dieser Einstudierung als Chorleiter seinen bravourösen Einstand leistenden Carl Philipp Fromherz.

Motorische und massive, quälende und gequälte Lebensintensität begleitet einen musikalischen Rausch, der den repräsentativen Pomp der königlichen Entourage aushöhlt und in den großen lyrischen Flächen der Partitur betörend schwelgt. Dass Alejandro Marco-Buhrmester als Vladislav von der angekündigten, aber nichtigen Indisposition im Monolog des dritten Aktes zu schmerzlich schönen Tönen findet, ist absolut szenen- und partiturkonform.

Groß und großartig

Die ganz große Orchesterbesetzung unter Domonkos Héja muss es sein im martini-Park für die 1868 in Prag uraufgeführte Oper, die „Verkaufte Braut“-Schmelz nur in Jitkas und Viteks bemerkenswert kurzer heteronormativer Duett-Episode hat. Smetana schont seine Sängerinnen weder in den gleichermaßen stark geforderten Tiefen- noch Höhenkonditionen. Dalibor trägt die vokale Last von vier alle Register fordernden Soloszenen – und das ist längst noch nicht alles.

Neben dem Titelrollen-Gast besetzt man am Staatstheater Augsburg alle anderen Partien hochklassig aus den eigenen Reihen. Eine umwerfend aufdrehende Jitka der Extraklasse: Jihyun Cecilia Lee, eine in der zerstörten Welt Menschlichkeit bewahrende Milada mit blühenden Spinto-Tönen, ausstrahlungsstarker Kraft und Wärme: Sally du Randt, ein Kerkermeister Benes, dem man in den Verließen seiner verbotenen Lüste fast verzeihen könnte: Stanislav Sergeev, ein Vitek mit Trompetentönen auf der Basis eines Spieltenors: Roman Poboinyi.

© Jan-Pieter Fuhr

Szenenbild aus "Dalibor"

Dalibor/Staatstheater Augsburg

Am schwersten hat es aber Scott MacAllister in der Titelpartie. Er ist der innerlich längst gebrochene Gefolterte aus der Strafkolonie und verströmt deshalb ausschließlich mit stimmlicher Power, über die sein beseelter und reifer Heldentenor in großzügiger Fülle verfügt, all das, was die Szene mit dem Volleinsatz von Handschellen, Blutspuren, Folterwunden und Würgemalen verbirgt.

Staatstheater Augsburg
Smetana: Dalibor

Domonkos Héja (Leitung), Roland Schwab (Regie), Alfred Peter (Bühnenbild), Renée Listerdal (Kostüme), Carl Philipp Fromherz, Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek (Chor), Scott MacAllister (Dalibor), Sally du Randt (Milada), Alejandro Marco-Buhrmester (Wladislaw, der König), Jihyun Cecilia Lee (Jitka), Wiard Witholt (Budiwoj, Kanzler), Stanislav Sergeev (Benesch, Kerkermeister), Roman Poboinyi (Vitek), Jan Plausteiner (Zdenko), Opernchor des Theaters Augsburg, Augsburger Philharmoniker

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