Opern-Kritik: Staatstheater Kassel – Das Rheingold

Götter mit Rollatoren

(Kassel, 1.9.2018) GMD Francesco Angelico und Oberspielleiter Markus Dietz beginnen ein neues „Ring“-Abenteuer

© N. Klinger

Szenenbild aus "Das Rheingold"

Das Rheingold/Staatstheater Kassel

Mitte der 70er Jahre war es vorbei mit den alt- oder neubayreuther Märchenstunden. Zumindest was Wagners „Ring“ betrifft. Weder Bärenfell noch mythische Scheibe stellten fortan allein das Maß der Deutungen. Als die Tetralogie einhundert wurde, hatte der dialektische Deutungs-Funke, den schon Bernard Shaw in die Götter- und Weltenstory geworfen hatte, gezündet. Die Geschichte, die Wotans ergaunertes Walhall und Alberichs Verrat der Liebe in Gang setzten, das Gold zum Maß der Dinge macht und eine ganze Welt in die Katastrophe treibt, als Parabel für den Kapitalismus zu begreifen und so zu zeigen, das war neu.

In Kassel haben „Ring“-Abenteuer Tradition

Dass der damalige Seiteneinsteiger Patrice Chéreau in Bayreuth nach 1976 den Nachruhm dafür kassierte, ist etwas ungerecht. Zumindest ist es unvollständig. Denn vor allem Joachim Herz in Leipzig und Ulrich Melchinger in Kassel gebührt ein Teil dieser Lorbeeren. Das Staatstheater Kassel ist obendrein in Sachen „Ring“-Präsenz im Spielplan rekordverdächtig. Das aktuelle „Ring“-Abenteuer, das der Oberspielleiter Markus Dietz jetzt mit dem „Rheingold“ in Gang gesetzt hat, ist schon das fünfte nach 1961! Für ein mittleres Theater wie Kassel ist das an sich schon eine bemerkenswerte Leistung. Und eine Tradition, auf die sich bauen lässt. Zumal der letzte „Ring“ auch schon wieder fast zwanzig Jahre zurückliegt. Im Foyer in Kassel erinnert eine kleine Ausstellung daran.

© N. Klinger

Szenenbild aus "Das Rheingold"

Das Rheingold/Staatstheater Kassel

Wenn im „Rheingold“ für Momente die Musik aussetzt und das rhythmische Geräusch der Hammerschläge der Nibelungen übernimmt, wird schlagartig klar, wie die Welt der industriellen Produktion und das Universum Wotans miteinander verbunden sind. Mit den Rheintöchtern und ihrer Funktion, das Rheingold zu bewachen, und mit der Urmutter Erda spielt zudem die Natur selbst gleichsam eine hochrangige Rolle. Vom Mord und Totschlag beim Kampf um die Weltherrschaft ganz zu schweigen. Kaum ein Stück Musiktheater wird daher bei jeder Neuinszenierung so ausgiebig einem Wirklichkeitstest unterzogen wie der „Ring“. Kaum eins ist auch so ausgiebig in alle denkbaren Richtungen interpretiert worden. Bis hin zu einer Parabel auf den Verlust der Utopien, wie sie zuletzt Frank Castorf in Bayreuth zur Diskussion gestellt hat.

Pure Erzählung statt politische Parabel: Das Rheingold in Kassel

Da kann man durchaus, so wie jetzt Markus Dietz, auf die Idee kommen, „den ‚Ring‘ so pur erzählen, wie er ist“. Was natürlich gleichwohl einen ästhetischen Rahmen voraussetzt, dessen innere Konsistenz (bzw. bewusste Widersprüchlichkeit) sich erst nach dem Ende der „Götterdämmerung“ wirklich beurteilen lässt. Da man den „Ring“ in Kassel in der „richtigen“ Reihenfolge inszeniert, ist das „Rheingold“ also tatsächlich der Vorabend. Mit einem Blick auf einen personalisierten Hauptgegensatz der Tetralogie als optischen Auftakt und mit einem Verweis auf die Fortsetzung des Geschehens, von dem dann in der „Walküre“ in einer der ausführlichen Rückblenden berichtet werden wird, als Klammer.

Wie im Boxring: Amtsinhaber trifft Herausforderer

Zunächst also stehen sich Alberich und Wotan gegenüber wie zwei Kämpfer vor dem Anpfiff der ersten Runde. Der einäugige Gott erhöht. Der Herausforderer weiter unten. Am Ende des ersten Ringteils hat Wotan zwar dem äußeren Anschein nach die Oberhand, aber sein so cleverer wie hellsichtiger Berater Loge weiß zu vermelden, dass sie, die so stark im Bestehen sich wähnen, ihrem Ende zueilen. Hier gibt es zum bombastischen Einzug der Götter in Walhall kein entsprechendes Bild, sondern alles verschwindet – sozusagen hellsichtig – im Dunkel. Während sich Wotan allein auf die Rampe zu und in Arme von Erda bewegt. Die hatte ihm schon zur Bekräftigung ihres effektvollen Auftrittes mit Ihrem „Weiche, Wotan, weiche!“ einen energischen Kuss verpasst. Wotan wird sich mit ihr einlassen. Und das wird Folgen haben.

Wotan ist eben auch „nur“ ein Mann, also Mensch. Was auch dann offensichtlich wird, wenn die Götter schlagartig altern, als die Riesen Freia entführen und damit die Wirkung von deren Jugendäpfeln nachlassen. Da braucht Fricka plötzlich einen Rollstuhl und die Männer zumindest einen Rollator. Dietz ist immerhin so konsequent, dass Wotan nicht ohne diese Gehhilfe nach Nibelheim gelangt. Eine „Kleinigkeit“, die seine Kollegen gemeinhin einfach ignorieren, indem sie Wotan aus dem Schock-Altern der anderen einfach ausnehmen. Auch wenn er das in der mitunter etwas skizzenhaften Personenführung nicht konsequent durchhält.

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Szenenbild aus "Das Rheingold"

Das Rheingold/Staatstheater Kassel

Schöne Erkenntnis-Pointe

Dass die Götter überhaupt allzu menschliche Menschen sind, ist das eine. Dass die Menschen aber der eigentliche Reichtum der Welt sind das andere. Auf diese Erkenntnis-Pointe läuft die reduzierte Ästhetik in Kassel hinaus. Dafür brauchen Ines Nadler (Bühne) und Heike Bromber (Kostüme) nicht allzu viel Beiwerk. Auf jeden Fall aber die Hebebühne. Mit ihr kann man den Rhein bzw. das Wasserbecken vorm goldenen Glitzervorhang, auf das er reduziert ist, nebst Rheintöchtern und ihren Dutzenden Zuschauern auf der Bühne, die das Programmheft als „Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kassel und Umgebung“ ausweist, verschwinden und als Nibelheim wieder auftauchen lassen. Das ist nun nicht originell und die Umsetzung auch eher illustrierend, als wirklich durchgestaltet.

Aber die Idee, die Menschen als den eigentlichen Schatz zu betrachten, die hat dialektischen Witz. Erst sind sie im Unschuldsweiß ihrer Unterwäsche das vergnügungswillige Publikum bei der „Wagala weia!“-Show der drei Damen. Und dann tragen sie ihre Haut für den Ausbeuter par excellence, Alberich, zu Markte. Wobei das schon zu viel gesagt ist – denn der bindet sie nicht durch Lohn an sich, sondern mit roher Gewalt. Er erschießt kurzerhand einen, um zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

„W“ – wie Walhall und wie Wagner

Funktioniert die analytische Nüchternheit der Szene auf dieser prinzipiellen Ebene gut, wird es bei den konkreten Theatertricks, wenn sich Alberich vor Wotan und Loge in einen Riesenwurm und dann in eine Kröte verwandeln muss, genauso unzulänglich wie meistens. Dietz zieht sich mit einem naturalistischen Video aus der Affäre und versetzt die beiden Entführer bzw. Diebe in die freie Natur auf eine Waldlichtung, wo tatsächlich erst eine Schlange und dann eine Kröte auftauchen. Wie aus der eingefangenen Kröte der gefesselte Alberich wird, bleibt – wie fast immer – der Fantasie der Zuschauer überlassen.

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Das Rheingold/Staatstheater Kassel

Das zweite große Video illustriert Loges Reisebericht und wäre, zumal bei der Überzeugungskraft, die der exzellente Lothar Odinius als Loge besitzt, nicht unbedingt nötig gewesen. Was Wahlhall selbst betrifft, so ist die Burg auf ein Logo reduziert. Erst andeutungsweise aufflackernd, dann vollständig strahlend und aus dem Hintergrund nach vorn fahrend ist es ein großes „W“. Dass auch Wotan und Wagner mit diesem Buchstaben beginnen, kann man nur schwer für einen Zufall halten.

GMD Francesco Angelico und das Staatsorchester musizieren sängerorientiert

Für das W wie Wagner sorgen GMD Francesco Angelico und sein Staatsorchester im Graben. Nicht ohne ein paar sicher der Premierenanspannung geschuldete Bläserpatzer, meist betont sängerorientiert, gleichwohl aber auch etwas zu vorsichtig, was die innere Spannung betrifft. Bei den Sängern fällt neben Loge vor allem die äußerst energische, nie ins Hysterische abdriftende Ulrike Schneider als Fricka auf.

Auch Tobias Hächler kostet jeden Ton seines Froh geradezu belcantistisch aus, was als Kontrast gut zu Hansung Yoos wirklich donnerndem Donner passt. Bjarni Thor Christinssons Göttervater Wotan findet schnell seinen eigenen souveränen Ton, während Thomas Gazheli als sein Gegenspieler Alberich zwar mit enormem Einsatz vor allem flucht, aber den Kampf um die Vokale haushoch verliert. Arnold Bezuyen ist ein hochkompetenter Mime, Jaclyn Bermudez ist als Freia das passende Objekt der Begierde für die soliden Riesen (Runi Brattaberg als Fafner und Marc-Olivier Oetterli als Fasolt).

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Szenenbild aus "Das Rheingold"

Das Rheingold/Staatstheater Kassel

Edna Prochnik kostet ihren Auftritt als Erde genüsslich aus. Und Elizabeth Bailey, Marie-Luise Dreßen und Marta Herman sind als Woglinde, Wellgunde und Flosshilde nicht nur stimmlich, sondern auch körperlich nahezu dauerpräsent. Die paar Einzelbuhs am Ende, gab es wohl für die „Sexszene“ der beiden Götter gleich vorn an der Rampe. In aller Öffentlichkeit – so was aber auch! Aber ohne die gäbe es keine Brünnhilde – und keine Fortsetzung.

Staatstheater Kassel
Wagner: Das Rheingold

Ausführende: Francesco Angelico (Leitung), Markus Dietz (Regie), Ines Nadler (Bühne), Henrike Bromber (Kostüme), Bjarni Thor Kristinsson, Hansung Yoo, Tobias Hächler, Lothar Odinius, Thomas Gazheli, Arnold Bezuyen, Marc-Olivier Oetterli, Rúni Brattaberg, Ulrike Schneider, Jaclyn Bermudez, Edna Prochnik, Elizabeth Bailey, Marie-Luise Dreßen, Marta Herman

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